Um Mitternacht war es wie überall auf der Welt: Umarmungen, Küsse und die besten Wünsche fürs neue Jahr. Der nicht eingeweihte Beobachter hätte die kleine Sylvesterparty für ganz normal gehalten - abgesehen davon vielleicht, dass sie im südlichsten Marinestützpunkt der Welt stattfand. Die Teilnehmer der Party hätten in ihrer Heimat Israel und Palästina nicht so leicht zusammen gefunden. Die Mitglieder der "Breaking the Ice"-Expedition wünschten sich "le chaim" und "sacha", Glückwünsche für Leben und Gesundheit, und außerdem, dass das neue Jahr wohl endlich besser werde als 2003 oder 2002 oder 2001 oder eine beliebige Zahl von Jahren vor diesen.
Donnerstag, 1. Januar:
Für Besinnlichkeit oder Katerstimmung war am Neujahrsmorgen keine Zeit. Die "Pelagic Australis" musste weiter beladen werden, frisches Brot und Gemüse kam noch, ebenso wie die endgültig letzte Gelegenheit, Zigaretten zu bunkern.
Skipper Steven Willis hatte gute Nachrichten: Die Wettervorhersage für die unberechenbare Drake-Passage war so, dass der Weg vermutlich direkt gewagt werden kann. Die Auskunft sorgt zusätzlich für Unruhe. Kein Zwischenstopp in der Bucht bei Kap Hoorn? Nun wirklich in einem Törn bis in die Antarktis? Alle wissen: Wenn das Boot unterwegs ist, gibt es kein Zurück, keinen Notausstieg.
Während alle Teilnehmer sehr gespannt sind und nervös überlegen, ob sie nicht noch irgendetwas vergessen haben, ist der Initiator der Expedition, Heskel Nathaniel, die Ruhe selbst: "Es ist ein hervorragendes Gefühl, zu dieser Zeit an diesem Ort zu sein. Ich weiß jetzt: Das Schwierigste ist überstanden, die Expedition kann beginnen."
Eine gesunde Einstellung: Monate der Vorbereitung, der Sponsorensuche und Medienarbeit liegen hinter ihm. Bis zur Erschöpfung und darüber hinaus hat er sich und andere angetrieben, um heute hier zu sein. Am 1. Januar 2004 um 13.30 Uhr Ortszeit sticht die "Pelagic Australis" mit dem achtköpfigen Team an Bord in See. Heskel hatte dazu einige Worte parat: "Die Drake-Passage zu durchqueren, 30 Kilometer über antarktische Gletscher zu marschieren und dann einen Berg zu besteigen, der niemals zuvor betreten wurde - all das erfordert Teamwork. Wenn wir das schaffen, dann ist das eine wichtige Botschaft für unsere Völker ebenso wie für die ganze Welt. Wir beweisen damit, dass wir das Unmögliche schaffen. Und das ist genau das, was erforderlich ist, wenn wir Frieden machen wollen."
Kurz nachdem das Boot Fahrt aufgenommen hat, ruft Schimon Peres an: Der Patriarch der israelischen Arbeiterpartei will es sich nicht nehmen lassen, dem Team die besten Wünsche zu überbringen. Die chilenische Marine eskortiert das Boot im Beagle-Kanal bis zum Erreichen der Drake-Passage. Ein weiterer Anruf mit Glückwünschen und Grüßen kommt von Jasser Arafat. Suleiman spricht mit ihm und bittet darum, ihn anrufen zu dürfen, wenn das Team auf dem Berggipfel ist und die Flaggen aufstellt. Avihu ist darüber gar nicht begeistert: "Was hat Arafat mit Versöhnung zu tun? Er hat Juden umgebracht?"
Freitag, 2. Januar:
Die Fronten haben sich längst verschoben: Die Mägen rumoren, das Schiff rollt schwerfällig, aber erstaunlich schnell durch die aufgewühlte See. Alle drei Stunden ist Wachwechsel auf Deck - Suleiman und der Kameramann Colin sind davon allerdings befreit. Sie haben genug damit zu tun, Wasser zu trinken, damit sie nicht völlig dehydrieren.
Den anderen geht es vergleichsweise gut, auch wenn niemand große Töne von sich gibt. Im härtesten und gefährlichsten Seerevier der Welt können sich gefährliche Stürme innerhalb von Minuten zusammenbrauen. Auch in einem hochseetüchtigen Segelschiff ist man den Gewalten nahezu schutzlos ausgesetzt - angeblich sollen in den vergangenen Jahrhunderten über 800 Schiffe in der Drake Passage gesunken sein. Es hilft wenig, die Bordliteratur hierzu zu studieren.
In einem jener reichlich abgegriffenen Bücher schreibt ein Kapitän irgendwann im 19. Jahrhundert: "Sie kennen diese schnell entstehenden Zyklone im Indischen oder Pazifischen Ozean? Es ist ganz ähnlich. Sie haben gelernt, die Zeichen für das schnelle Drehen des Windes zu lesen: das leichte Aufklaren im südwestlichen Himmel, die Bewegung in schnell aufziehenden Wolken, dann der plötzliche Umschlag. Es ist dasselbe hier vor dem Hoorn, nur dass der Wind verrückter ist, die Richtung schneller wechselt, die Nächte länger sind, die See höher ist, das Eis näher... Du bekommst keinen Schlaf. Du wirst so nass, dass du deine Haut mit den Socken ausziehen kannst - wenn du Zeit findest, sie auszuziehen. Aber mit einer guten Portion Glück kommst Du an Kap Horn vorbei und mit der Gnade Gottes wirst du dabei niemand umbringen."
Für SPIEGEL ONLINE stellt Torsten Sewing Berichte und Interviews der Crew-Mitglieder zu einem Tagebuch zusammen.
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