Hluhluwe - Führer in Tierreservaten entwickeln irgendwann selbst den Instinkt von Wildtieren. Jeff Asherwood, Guide im südafrikanischen Hluhluwe-Umfolozi-Nationalpark, hat am gegenüber liegenden Hang in Hunderten von Metern Entfernung einen Punkt ausgemacht, hinter dem sich mehr verbergen könnte als ein Busch. Während er mit einer Hand den Land Rover dirigiert, greift er mit der anderen zum Fernglas und ruft plötzlich: "Yes, a black rhino!"
Die Passagiere des Geländewagens brauchen eine Weile, bis sie das winzige Objekt ihrerseits fokussiert haben. Sie sind abermals angetan von der übermenschlichen Beobachtungsgabe ihres Führers. Die Beobachtung als solche kann sie freilich kaum mehr verblüffen. Sie haben zu diesem Zeitpunkt schon etliche weiße und schwarze Nashörner gesehen, und auch Sensationen nutzen sich mit der Zeit ab. Der Park ist berühmt für sein Nashorn-Schutzprogramm. Fast 2000 der Dickhäuter leben hier, ein Fünftel der weltweiten Population.
Die miteinander verbundenen Reservate von Hluhluwe, gesprochen: Schluschlui, und Umfolozi im Osten des Landes wurden 1895 gegründet und gehören zu den ältesten Wildparks in Afrika - und zu den schönsten: Auf einem Bruchteil der Fläche des Krügerparks sind hier die "Big Five" - Nashörner, Elefanten, Büffel, Löwen und Leoparden - zu besichtigen, und das in einer grünen, idyllischen Hügellandschaft.
Die in den sechziger Jahren gestartete "Operation Rhino" war so erfolgreich, dass sich die südafrikanische Population an Weißen Nashörnern seitdem verzwölffacht hat. Heute gelten die Bemühungen vor allem dem inzwischen akuter gefährdeten Schwarzen Nashorn. Den Unterschied zwischen white rhino oder Breitmaulnashorn und black rhino oder Spitzmaulnashorn lernen die Teilnehmer von Asherwoods Safari gleich zu Beginn der Tour: Während das eine mit der Genügsamkeit einer Kuh den Boden abgrast, pflückt das andere mit seiner fingerartigen Unterlippe Blätter von den Bäumen.
Trotz seiner Entdeckung ist Jeff Asherwood heute ein bisschen frustriert. Nashörner findet in Hluhluwe-Umfolozi jeder, auch die Besucher, die sich mit dem eigenen Fahrzeug auf die Suche begeben. Die höhere Kunst besteht im Aufspüren der Wildkatzen, die in dem Park ausgesetzt wurden, um den Big-Five-Status zu erlangen. Es sind wenige, und obwohl Asherwood ihre Gewohnheiten genau studiert hat und unter Kollegen den Ruf eines Katzen-Experten genießt, gehen er und die Gruppe heute leer aus. Das nagt an seinem Stolz.
Asherwood ist auch deshalb mit anhaltender Begeisterung bei der Sache, weil er erst nach Umwegen in seinen Beruf gefunden hat. Als er seines früheren Jobs - Vertreter für Haarpflegeprodukte - überdrüssig geworden war, zog er einen Schlussstrich und besann sich seines alten Traumes, in der Nähe von Wildtieren zu arbeiten.
Startkapital hatte er kaum, wie das Baujahr seines Land Rovers belegt, und Reichtümer wird er auch künftig nicht anhäufen. 350 Rand, umgerechnet 45 Euro, verlangt er von jedem seiner vier Passagiere für die ganztägige Tour. Sie startet morgens um 5 Uhr im benachbarten Ferienort St. Lucia. Im Preis enthalten sind Frühstück und Mittagessen, zubereitet auf dem Grill eines der gepflegten Rastplätze. Wer dann bei einem Steak den Blick in die Weite der Savanne schweifen lässt, weiß, dass er soeben einen Höhepunkt seiner Südafrika-Reise erlebt - auch ohne Löwen.
Von Tobias Wiethoff, gms
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