• Drucken
  • Senden
  • Feedback
07.03.2004
 

Peru

Kristie und die Geheimnisse der Inkas

Von Bernd Kubisch

Jeder zweite Tourist kommt nach Peru, um die verlorene Stadt der Inkas zu sehen: Machu Picchu. Doch Peru bietet mehr als historische Inka-Stätten, und die Armut in dem Andenland abseits der touristischen Hauptrouten nimmt zu. In diesem Jahr eröffnet Peru als offizielles Gastland die Reisemesse ITB in Berlin.

Im Armenviertel Limas: Kirstie Huacahuasi isst Milchsuppe dank eines Gratis-Frühstückprogramms
Zur Großansicht
Bernd Kubisch

Im Armenviertel Limas: Kirstie Huacahuasi isst Milchsuppe dank eines Gratis-Frühstückprogramms

Pisaq - Als Fünfjährige bekam Nora Luz im "Heiligen Tal der Inkas" das erste Mal ihre Haare geschnitten. Seit dieser Stunde hat das Indio-Mädchen einen Patenonkel aus Deutschland. "Mit der Zeremonie des Haareschneidens werden die Vier- bis Sechsjährigen offiziell in die Gemeinschaft aufgenommen", erläutert Joachim Hemmer. Der 50-Jährige stammt aus Martinshöhe bei Kaiserslautern und managt das kleine "Hotel Pisaq" in der gleichnamigen Gemeinde am Eingang des Hochtals. Zur Frage nach seiner Patenschaft in einem nahen Dorf konnte er nicht Nein sagen.

Von der Hauptstadt Lima am Pazifik dauert der "Steig-Flug" in die alte Inkastadt Cusco auf 3350 Meter Höhe nur eine Stunde. Pisaq liegt zwar nur 30 Kilometer entfernt, die Fahrt durch teils enge Kurven und über steile Pässe dauert jedoch weitere drei Stunden. Die dünne Luft ist spürbar. Im Land der Indios, Inka-Heiligtümer, Gipfel und Bergseen sind auch für Bus und Eisenbahn Pässe über den Wolken in 4300 Meter Höhe wie am La-Raya-Pass kein Problem. Wer auf dem historischen Inka-Trail nach Machu Picchu wandert, bringt es auf knapp 4200 Meter. Der Titicaca-See ist fast 4000 Meter hoch.

Posieren für ein paar Dollar: Peruanische Frauen mit Alpaka  in Landestracht
Zur Großansicht
Bernd Kubisch

Posieren für ein paar Dollar: Peruanische Frauen mit Alpaka in Landestracht

Urlauber besuchen Pisaq meist nur für wenige Stunden und nicht in Massen. Sie spazieren über Kopfsteinpflaster vorbei an historischen Häuschen mit schmiedeeisernen Gittern. Einige feilschen auf dem farbenprächtigen Markt des zentralen Plaza - direkt vor der Haustür des Hotels - um Flöten, Schmuck, exotische Früchte, Pullover aus Lama-Wolle sowie weiche Schals von Alpakas. Noch ein paar Fotos, dann klettern die Gäste wieder in den Bus oder Mietwagen. Marktverkäufer aus nahen Dörfern sowie Laden-, Hotel- und Restaurantbesitzer in Pisaq wünschen sich, dass mehr Gäste über Nacht bleiben. Denn ihre Ausgaben kommen direkt der Bevölkerung zu Gute. Vor allem die indianischen Ureinwohner sind arm. Ein Campesino bringt im Monat umgerechnet meist keine 100 Euro nach Hause.

"Peru pur" in Pisaq

Von Pisaq lohnen Abstecher zu nahen Inka-Ruinen mit sakraler Festung und Sonnentempel sowie in Bergdörfer. Auf dem Lande gibt es ein bisschen Kleinvieh, Süßkartoffel-, Mais- und Bohnenanbau. Die Campesinos schlafen in kargen Häuschen meist auf Matten auf dem Boden, vor allem im Juli und August dick eingemummelt in wärmende Decken. Denn dann ist hier - südlich vom Äquator - tiefster Winter. In Pisaq sprechen alle - wie ein Großteil der Peruaner - die Indigena-Sprache Quechua. Spanisch ist für die Landbevölkerung Zweitsprache.

Das "Hotel Pisaq" hat zwölf Zimmer, ist mit Vasen, Schnitzereien und Gemälden indianischer Künstler dekoriert. Im kleinen Restaurant stehen auf der Speisekarte landestypische Gerichten wie Chicharrón de Chancho (Schweinefleisch mit dicker Schwarte knusprig geröstet) und Huhn mit Yucca und Kochbanane, aber auch Pizza und Pfälzer Zwiebelkuchen. Mancher Gast kauft ein einheimisches Kunstwerk und der Restaurant-Chef viele Produkte von Dörflern. Das ist eine wichtige Form von nachhaltigem Tourismus. Die Eigentümergemeinschaft des Hotels aus USA, Peru und Deutschland organisiert Besuche in nahen Dörfern. Wer "Peru pur" mit oder ohne Familienanschluss will, hat in und um Pisaq viele Möglichkeiten.

Machu Picchu ist das Ziel der meisten Besucher Perus: Die Unesco droht, die Ruinenstadt auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen
Zur Großansicht
Bernd Kubisch

Machu Picchu ist das Ziel der meisten Besucher Perus: Die Unesco droht, die Ruinenstadt auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen

Etliche Berggipfel und fünf Bus- und Bahnstunden weiter nördlich warten zu dieser Mittagsstunde in langer Schlange Touristen vor Kassenhäuschen und Eingangskontrolle zu den Ruinen von Machu Picchu. Die thronen wie eine Gralsburg im 2400 Meter hohen Bergmassiv. Jeder zweite Tourist kommt nur deshalb nach Peru, um die "verlorene Stadt" der Inkas zu sehen. Ihre Geheimnisse sind längst nicht alle gelüftet. Sicher ist jedoch: Nicht goldgierige Spanier, die lange suchten, fanden die verborgene, um 1450 vermutlich als religiöses Zentrum erbaute Palast- und Tempelstadt. Als erster "Gringo" sah 1911 der US-Archäologe Hiram Bingham die überwucherten, längst verlassenen Ruinen. Ein Indianerjunge soll ihm Chronisten zufolge den Weg gewiesen haben.

Zahl der Wanderer nach Machu Picchu wurde limitiert

"Fast jeden Tag bin ich hier. Und jedes Mal bin ich ergriffen und bekomme eine Gänsehaut", sagt Führerin Jenny Ataulluco. Das Naturschauspiel ist gewaltig. Neben der jungen Frau treten sich unterdessen Japaner, Deutsche, US-Bürger, Einheimische sowie andere Fähnchen schwenkende Führer auf die Füße. Machu Picchu ist ab mittags häufig völlig überlaufen. Werbekampagnen und Gewinne privater Investoren steigen und ebenso Gedrängel, Müllprobleme und Preise in der Umgebung. Es hagelte schon Kritik von Einheimischen, Umweltgruppen und Wissenschaftlern, die um den Erhalt der Anlage bangen. Die Unesco droht, die Ruinenstadt auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen. Vier Tage brauchen organisierte Wandergruppen mit einheimischen Führern auf dem 42 Kilometer langen Inka-Trail mit engen Pfaden und massiven Steigungen. Früher nutzen Herolde und Lastenträger den Pfad. Sie konnten nicht ahnen, dass heute die Zahl der Marschierer wegen zu großer Nachfrage limitiert werden muss.

Frau am Webstuhl: Der Kauf von Kunsthandwerk direkt bei den Dorfbewohnern ist eine Form nachhaltigen Tourismus
Zur Großansicht
Bernd Kubisch

Frau am Webstuhl: Der Kauf von Kunsthandwerk direkt bei den Dorfbewohnern ist eine Form nachhaltigen Tourismus

Zurück in der alten Inka-Stadt Cusco: Die Stadt im Talkessel präsentiert sich historisch und touristisch-modern: schmiedeeiserne Gitter und Beschläge, malerische Innenhöfe, Paläste, Klöster, die harmonische Plaza de Armas mit Kathedrale, dazu Internet-Cafés, Pizzerias, Bodegas und Boutiquen - aber auch Kinder, die Kaugummis verkaufen und Schuhe putzen, um ihre Familien zu unterstützen. Manche Kids ohne feste Wohnung sind schon vom Erfriertod auf einer der vielen Plaza-Bänken gerettet worden. Dies erzählt Clara Silva Santander, Verantwortliche der Kinderhilfe "Huch'uy Runa", die von Terre des hommes in Osnabrück unterstützt wird. Bedürftige Jungen und Mädchen werden in einem nahen Haus versorgt, lernen das Einmaleins, Schneidern, Gärtnern und Töpfern. "Tourismus schafft generell Arbeitsplätze", sagt die Leiterin. "Aber staatlicher Ausbildungs- und Gesundheitssektor haben riesige Lücken." Und viel zu viele Peruaner haben keine festen Jobs.

Zum Pflichtprogramm von Cusco-Besuchern gehören die nahen Ruinen von Qenko mit einem Altar in Puma-Form, die rote Festung Puca Pucara, die alten Inka-Bäder von Tambomachay sowie die Festung Sacsayhuamán mit ihren mächtigen Mauern, von den Ureinwohnern "Haus der Sonne" genannt. Bei einem Stopp in Lima können Urlauber bei ganzjährig warmen Temperaturen ausspannen, auch am Strand spazieren und schwimmen. Die Brandung ist jedoch meist kräftig. Zur Besichtigung locken die historische Altstadt, die wie so vieles im Lande Weltkulturerbe ist, Kathedralen und Museen.

Peru ist im Vergleich zu Deutschland riesig

Die Hauptstadt ist auch sozialer Brennpunkt: Zehntausende fristen vor allem am Stadtrand ein karges Leben. Die sechsjährige Kirstie Huacahuasi ist Stammgast des Programa de Desayuno Infantil, tägliches Gratis-Frühstücks für über 11.500 Kinder in den Armenvierteln. Gerade hat sie ein Stück Brot und aus einer roten Tasse eine dicke Milchsuppe vertilgt, ihre täglich einzige richtige Mahlzeit. Das Programm wird von der Asociación Cultural "Johannes Gutenberg" und vor allem deutschen Spendern organisiert und wurde von Alwin Rahmel, der aus Hamburg stammt, sowie der Kirche auf den Weg gebracht.

Peru: Von Lima am Pazifik in die alte Inkastadt Cusco dauert der Flug eine Stunde
Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Peru: Von Lima am Pazifik in die alte Inkastadt Cusco dauert der Flug eine Stunde

Lima ist für Urlauber ein guter Platz zum Schmieden von weiteren Reiseplänen. Das Andenland, im letzten Jahrzehnt häufig von politischen Unruhen überschattet, ist im Vergleich zu Deutschland riesig. Für eine erneute Reise lockt nicht nur der Titicaca-See. Bei Nasca am Atlantik geben riesige Scharrbilder, die nur vom Flugzeug in ihrer ganzen Dimension gesehen werden können, den Forschern Rätsel auf. Auf der Halbinsel Paracas im Reserva Nacional tummeln sich Pinguine, Flamingos und Seelöwen. In Trujillo im Nordwesten am Pazifik stehen alte Paläste der Zuckerbarone. Davor im Wüstensand liegt das Ruinenfeld Chan Chan, Hauptstadt des Chim-Reiches und eine der größten archäologischen Stätten zwischen Alaska und Feuerland. Und im Osten fordert der Amazonas-Dschungel Öko- und Abenteuer-Urlauber heraus.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP