Sonntag, 22. November 2009

Reise



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03.05.2004
 

Süd-Utah

Wo die Legende lebt

Von Ole Helmhausen

Im Süden Utahs atmet Amerika noch den Duft von Abenteuer und Freiheit. Gleich fünf der schönsten Nationalparks der USA liegen hier: Zion, Bryce Canyon, Capitol Reef, Canyonlands und Arches - alles Synonyme für nackte Mesas, tiefe Canyons und die spektakulärsten Felsenbögen der Nation.

Arches National Park: Abenteuerspielplatz für Mountainbiker
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Ole Helmhausen

Arches National Park: Abenteuerspielplatz für Mountainbiker

Bob Cochran bewegt sich in Zeitlupe. "Golden Girl?" - "Yeah." - "Verdammt launische Stute." - "Yeah." - "Was machen die Nieren?" - "Mmmh." Bob röchelt wie eine zerlöcherte Luftmatratze. Die Unterhaltung wendet sich taktvoll anderen Themen zu. Bob ist das ganz recht. Sprechen zu müssen ist nicht nur schmerzhaft, sondern auch peinlich. Denn hier in Boulder ist man ziemlich geknickt, wenn einen ausgerechnet die eigene Mähre außer Gefecht sitzt. Während seine Frau Sioux von einem alten Viehtreiber-Trail erzählt, horcht Bob mit leerem Blick nach innen. Dann steht er auf, so vorsichtig wie nach einem Leistenbruch. Zum Arzt? No, Sir. Da muss schon mehr passieren. Bob veranstaltet Trail Rides und hat gerade Gäste aus Ohio. Die haben für morgen einen Ausritt gebucht, mit ihm als Guide. Er streckt seine von engen Jeans zusammengehaltenen Einsneunzig, dass es nur so kracht, lüftet seinen Hut für die Ladys und schiebt ab. Holzdielen knarren, Sporen klirren. Den Hufschlag schluckt die Nacht.

Das ist das Amerika jenseits von Shopping Malls und Amusement Parks. In den Canyonlands im Süden Utahs atmet "God's own country" ihn noch, den Duft von Freiheit und Abenteuer. Hier lässt sich niemand etwas vorschreiben, weder von den Feds in Washington noch vom gottverdammten Sierra Club, der am liebsten alles Land zum Nationalpark erklären würde. Wer hier lebt, trifft seine Entscheidungen allein. Das war schon immer so, und so soll es auch bleiben. Dies ist das zuletzt erforschte Gebiet der Lower 48. In den 1930er Jahren erst wurden die letzten Gegenden kartografiert. Heute ist Süd-Utah noch immer leer. 85 Prozent der zwei Millionen Einwohner wohnen rund um die Hauptstadt Salt Lake City. Der Rest lebt in Outposts, wohin selbst AT&T seinen Handys nicht mehr folgt.

Trekken in Utah: Duft von Freiheit und Abenteuer
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Ole Helmhausen

Trekken in Utah: Duft von Freiheit und Abenteuer

Gleich fünf der schönsten Nationalparks der USA liegen hier: Zion, Bryce Canyon, Capitol Reef, Canyonlands und Arches, alles Synonyme für nackte Mesas, tiefe Canyons und die spektakulärsten Felsenbögen, -türme, -zinnen der Nation. Beton und Teer, sonst kaum Widerstand gewohnt in Amerika, hatten keine Chance: Die paar Straßen, die über das Colorado-Plateau ziehen, wirken eher wie hineingemogelt. Autofahren macht hier Spaß. Keine Parkplatzprobleme, nur sanftes Dahingleiten mit Donuts von der Tanke und frischem Kaffee im Becherhalter. Die lokalen "Talk stations" im Autoradio dringen zu den Untiefen des amerikanischen Volksempfindens vor: Einer 30-Jährigen wird vom Sex vor der Ehe abgeraten, ein erboster Mann soll seinen Nachbarn nicht erschießen, sondern für ihn beten.

So rollt man in Springdale ein, dem lebhaften Gateway zum Zion National Park, wo die sportive Lycra-Generation in Pubs und Bistros mit allem flirtet, was zwei Beine hat. Ebenso energisch, wie sie lange die Canyons mit den 1000 Meter hohen Sandsteinwänden in diesem Tolkienschen Felsenlabyrinth verkaufte, steckt die Parkverwaltung die jährlich drei Millionen Besucher nun in umweltfreundliche Shuttlebusse. Die setzen sie an den Trail-Starts entlang des vormals verstopften "Scenic drive" im Zion Canyon ab und sammeln sie nach absolvierter Tagestour wieder ein. Angesichts der Autoverliebtheit der Amerikaner ein kleines Wunder. Doch die PR-Experten wussten, was sie taten, als sie an den ur-amerikanischen "Sense of place" appelierten. So wird auch dieses Fragment des tief im amerikanischen Kollektivbewusstsein verankerten Westens erhalten bleiben.

Mountainbiker im Arches National Park:  Die alte Mormonen-Oase Moab verwandelte sich in ein hemdsärmeliges Biker-Mekka
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Ole Helmhausen

Mountainbiker im Arches National Park: Die alte Mormonen-Oase Moab verwandelte sich in ein hemdsärmeliges Biker-Mekka

Die Route 12 wird auf der Karte von Pünktchen begleitet. Straße mit Aussicht heißt das, aber die Kartenlegende untertreibt. Die klare Luft im 2000 Meter hohen Dixie National Forest lässt die Seele abheben, im Red Canyon zaubern Licht und Schatten eine psychedelische Lightshow. Kaum Menschen sind hier zu sehen und kaum Autos. Mehr als drei von beiden auf einmal sieht man erst wieder vorm Eingang zum Bryce Canyon National Park. "A helluva place to lose a cow", schimpfte der Farmer-Pionier Ebenezer Bryce vor 130 Jahren. Tagelang suchte er manchmal in diesem Labyrinth aus orangen und weißen Felsnadeln nach verlorenem Viehzeug. Spätere Besucher waren feingeistiger und nannten schlanken Felssäulen "Amphitheater" oder "Silent City".

Im Umkreis von 200 Kilometern gibt es nur ein halbes Dutzend kleiner Orte. Wer langsamer als üblich durchfährt, dem folgen die Blicke bis zur City Line. Zeit ist relativ hier, die alten Geschichten leben lange. Wie die von Everett Ruess. 1934 verschwand der junge Maler und Aussteiger spurlos in dem Vakuum neben der Straße, das so groß ist wie Delaware und Rhode Island und als Grand Staircase-Escalante National Monument geschützt ist. Heute 80-jährige Zeugen wollen Ruess noch gesehen haben, einer schwor Reportern, der Junge sei von als Viehdieben bekannten Mitbürgern erschossen worden, weil er zuviel wusste. In der 800-Seelen-Gemeinde Escalante, wo Ruess zum letzten Mal gesehen wurde, sind Zeitungsleute seitdem ein rotes Tuch. Doch Outdoor-Fans ficht das nicht an. Das National Monument ist das unerschlossenste Schutzgebiet südlich von Alaska. Ganze zwei Campingplätze gibt es, dazu zwei, drei Trails und keine Straßen.

Nach ein paar Tagen in dieser grandiosen Leere ist die Straße mehr als nur ein Streifen aus Asphalt. Sie verspricht menschliche Gesellschaft und manch angenehme Überraschung. Die angenehme Boulder Mountain Lodge im 100-Seelen-Nest Boulder ist so eine, sie liegt kurz hinter einem Felsenrücken namens Hogback, der 300 Meter tief abfällt und beide Hände ans Lenkrad beordert. Hier beschnuppern lederhäutige Outfitter wie Bob und Sioux Cochran ihre Kunden und erzählen Geschichten: "Hab' da neulich einen alten Viehtreibertrail gefunden. Drei Stunden östlich vom Burr Trail. Und die Marker im Fels. Hat wohl einer der Jungs da 'reingeritzt. Kamen von Salt Lake 'runter. Sind wohl über hundert Jahre alt, die Zeichen. Weil bei uns wusste keiner was von diesem Trail."

 Autofahren in Utah: Beton und Teer hatten hier keine Chance
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Ole Helmhausen

Autofahren in Utah: Beton und Teer hatten hier keine Chance

Manche der Legenden wurde sogar verfilmt. Wie die von Butch Cassidy and the Wild Bunch, auf die man hier noch immer stolz ist. Butch und seine Jungs beehrten um die Jahrhundertwende sämtliche Banken zwischen Nevada und Colorado. Dazwischen machten sie in den unzugänglichen Canyons anderthalb Autostunden nördlich von Boulder Inventur. Im heutigen Capitol Reef National Park wurde ein mächtiger Felsenbogen sogar "Cassidy Arch" getauft.

Auch die Route 95 nach Osten bietet nichts als Aussicht. Alltagsprobleme lösen sich in Nichts auf. "The land makes the people", sagen die Indianer. Im Autoradio wird die Frage diskutiert, ob die Dixie Chicks noch ausgestrahlt werden dürfen. Das muntere Damen-Trio macht Country-Musik und äußerte sich Bush-kritisch. Das Tagesziel heißt Moab. In Moab steigen die Hollywood-Crews ab, um Kinohits wie "Indiana Jones" und "Thelma und Louise" zu produzieren. Mountainbiker aus ganz Amerika haben die alte Mormonen-Oase in ein hemdsärmeliges Biker-Mekka verwandelt, mit Bike-Shops, Musikkneipen und Unterkünften an der Main Street.

Die hier besonders rauen Felsen machen, grinsen die Boys in den Bike-Shops, so viel Spaß, wie man angezogen nur haben könne. Nirgends sonst hafteten die Reifen besser, seien so waghalsige Manöver möglich, wie bei den von der Erosion glatt gehobelten Felsenbögen des Arches National Park ein paar Minuten nördlich von hier. Und nirgends sei die Aussicht so spektakulär, wie die auf den Colorado River, der im Canyonlands National Park etwas südlich in "goosenecks" genannten Kurven 500 Meter tiefer durch die Erdgeschichte fließt. Es soll Spezialisten geben, die nichts anderes tun, als Felsenbögen zu zählen. 2000 hat einer allein im Arches National Park gezählt. Noch so ein Stoff, aus dem die Legenden sind.

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