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04.06.2004
 

Namibia

Meer aus Sand, Inseln aus Stein

Tok-Tokkies, Skorpione, Nara-Früchte - alles, was lebt, scheint in der Wüste wie ein Geschenk. Wo so viel aus so wenig entsteht, werden die Beobachter still. Die Namib - eine menschenleere Traumlandschaft.

Windhuk - Johann Albrecht Brückner betrachtet seine Mitmenschen durch dicke Brillengläser freundlich und auch ein wenig distanziert. "Albi" wird er genannt, geht auf Mitte 70 zu, und wenn er einen Drink bei den Nachbarn nehmen will, fährt er zwei Stunden durch die Wüste. Vor 20 Jahren hat sich der ehemalige Geschäftsmann am östlichen Rand der Namib-Wüste, südlich der Dünen von Sossusvlei, eine Schaffarm gekauft, wirtschaftlich nicht lebensfähig, wie sich zeigte, aber dafür umgeben von einer menschenleeren Traumlandschaft, in der sich die Zeit von Jahr Millionen gesammelt zu haben scheint.

Namib Rand Reservat: Unbewegtes rotes Meer aus Sand
GMS

Namib Rand Reservat: Unbewegtes rotes Meer aus Sand

Albis Nachbarn sind die Leiter der Sossusvlei Mountain Lodge, einem Villen-Hotel, zu dem auch die zweitgrößte Sternwarte Namibias gehört. Wenn der Senior dort auf der Terrasse seinen "Sundowner" trinkt, sieht er ganz am Ende der fast baumlosen Ebene den schmalen Streifen eines Bergkammes: Dort endet das private Naturreservat, das mit der 1984 gekauften Schaffarm begründet wurde. 1800 Quadratkilometer ist es groß, nur wenig kleiner als Luxemburg. 13 Farmen wurden für das Projekt zusammengelegt, Hunderte von Kilometern Zäunen abgerissen, Öllachen entsorgt, Wasserstellen geschaffen. Mittlerweile leben hier, wo fast das gesamte Wild der Jagd oder der Dürre zum Opfer gefallen war, wieder große Herden von Springböcken, Oryxantilopen, Zebras und sogar Giraffen.

Neugeborener Springbock: Die Mutter hielt die Fahrspur für Jeeps für eine sichere Kuhle Webervögel in totem Baum:  Jeden Tag auf Erkundungstour durch die Wüste Wolwedans-Lodge: Ohne Fensterscheibe der Natur näher Mädchen in Katutura: Schätzungsweise 150.000 Menschen leben teilweise unter sehr ärmlichen Bedingungen in diesem Stadtteil Windhuks

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Um die mühsam wieder gewonnene Balance der Natur nicht zu bedrohen, dürfen Besucher im "Namib Rand Reserve" nicht auf eigene Faust herumfahren. Und auch die Zahl der Gäste in den fünf Hotels, die einen Teil ihrer Einnahmen an die Reservat-Stiftung abführen, ist begrenzt: Mehr als 20 Besucher pro Lodge sind nicht erlaubt. "Die Touristen", sagt Albi gelassen, "sind nur der Mittel zum Zweck."

Dass ein altersweiser Mann sie so nüchtern betrachtet, kann die Gäste nicht schrecken. Eine 60-jährige Konditormeisterin aus Berlin beispielsweise ist bereits zum siebten Mal im Reservat, nicht zuletzt, weil sie sich als allein reisende Witwe in dem Land mit der deutschen Kolonialvergangenheit und den vielen weißen Einwohnern sicher fühlt. Noch heute wird in Geschäften oder auf Gästefarmen zum Teil eher Deutsch als Englisch gesprochen.

Der Geräusch der nahenden Regenwolke

Wie die meisten Reservat-Gäste ist die Zuckerbäckerin nicht selten den ganzen Tag auf Erkundungstour in der Wildnis. Menschen, die in der Heimat kaum Weizen- von Roggenhalmen unterscheiden könnten, lernen das wogende Bushmann-River-Gras vom Spinoza-, Oryxtail- oder vom Lovegras zu unterscheiden, Letzteres so genannt wegen seiner widerspenstigen Dornen und der dennoch eng ineinander verschlungenen Zweige. Sie begeistern sich für Akazienbäume, die standhaft in ausgetrockneten Flussbetten Stellung halten, für die giftgrüne Nara-Pflanze auf den hellen Flanken der Dünen oder für die Webervogelbäume mit ihrer schweren Bürde aus Dutzenden von Nestern.

Die Namib-Wüste gilt als die älteste der Welt und an ihrem östlichen Rand sieht sie aus wie ein unbewegtes Meer aus rotem Sand und Geröll mit dunklen steinernen Inseln darin. Still ist es hier, so still, dass man das Herannahen einer wandernden Regenwolke hören kann, noch bevor die Reisenden ihr kostbares Nass zu spüren bekommen.

Alles, was lebt, scheint in der Wüste wie ein Geschenk: das flüchtige Geräusch aufflatternder Vögel, kleine schwarze Tok-Tokkies genannte Käfer, die eine Sandfurche empor krabbeln, ein schwarzer Skorpion, der seine Opfer mit feinen Sensoren über viele Meter Entfernung hinweg aufspüren kann.

Wo so viel entsteht aus so wenig, werden auch die Beobachter still. Man möchte aufhören zu plappern und sich zu verzetteln. Man möchte nichts mehr denken, sich einbilden, dazuzugehören, wenigstens ein paar Sekunden lang. Aber man steigt wieder in den Jeep und weiß, dass die Sehnsucht vergeblich ist: Man ist Tourist - im Grunde nur ein Mittel zum Zweck.

Katatura, Produkt vom Reißbrett

2350 Namibische Dollar (rund 305 Euro) pro Tag kosten Übernachtung, Vollpension und Tourprogramm in einem "Chalet" der Wolwedans Collection, ein von Albi Brückners Sohn Stefan geleitetes Ensemble aus edel ausgestatten Stelzen-Häusern. Das ist fast doppelt so viel, wie Cecilia Hukura pro Monat in der Hauptstadt Windhuk verdient. Dabei gehört die junge Schwarze zu den Privilegierten, immerhin hat sie einen Job. Die Arbeitslosenquote liegt nach Berichten einheimischer Zeitungen derzeit bei 35 Prozent.

Namibia: Die Namib-Wüste grenzt direkt an den Atlantik
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Namibia: Die Namib-Wüste grenzt direkt an den Atlantik

Cecilia Hukura arbeitet für den Veranstalter Face-to-Face-Tours, der Touristen durch Katutura führt. In dem Hauptstadt-Vorort leben etwa 150 000 Menschen, mehr als die Hälfte der Einwohner Windhuks. Der Stadtteil ist ein Produkt vom Reißbrett, geplant von der südafrikanischen Apartheidsregierung, die Namibia bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1990 beherrschte und hier Menschen dunkler Hautfarbe, getrennt nach ethnischen Gruppen, zwangsweise ansiedelte.

Heute gibt es in Katutura frisch gestrichene Steinhäuser mit Blumen, die sich aus einem staubigen Vorplatz empor kämpfen. Es gibt Märkte, kleine Geschäfte, Selbsthilfeprojekte. Aber es gibt auch staubige Hügel, die von eng beieinander stehenden Häusern mit provisorischen Dächern aus Aluminiumblech bedeckt sind.

Dennoch sieht man im Zentrum Windhuks kaum Bettler. Die Straßen der Innenstadt sind blitzsauber, am helllichten Tag kann man Männer beim Reinigen von Papierkörben beobachten. Zwar sind Reisende in Windhuk, wie in allen Großstädten, ein Ziel für Kleinkriminelle. "Am gefährlichsten aber ist für Touristen das ungewohnte Fahren über die Schotterpisten im Landesinneren", sagt der aus Ostdeutschland stammende Journalist Stefan Fischer, Leiter der deutschsprachigen "Allgemeinen Zeitung" in Windhuk. Immer wieder komme es wegen überhöhter Geschwindigkeit zu schweren Unfällen.

Wachstumsstärkster Wirtschaftsfaktor Tourimus

Grundsätzlich ist das Straßennetz Namibias für afrikanische Verhältnisse gut ausgebaut. Wie das technisch hochwertige Telekommunikationsnetz gehört es zu den erfreulicheren Hinterlassenschaften, die die ehemalige Befreiungsbewegung und heutige Regierungspartei Swapo (South West African People Organisation) von den südafrikanischen Mandatsherrschern übernehmen konnte.

Von der guten Infrastruktur profitiert auch der Tourismus, der sich zum wachstumsstärksten Wirtschaftsfaktor entwickelt hat. Allein im so genannten Community Based Tourism, Selbsthilfe-Projekten der einfachen Bevölkerung, sollen 10.000 Menschen arbeiten. Neun Namibia-Besucher garantieren einen Arbeitsplatz, so das staatliche Tourismusamt.

Auch Ingo Stritter ist einer von denen, die auf Tourismus setzen und damit zugleich etwas für den Arbeitsmarkt und die Ökologie des Landes tun. Anfang des Jahres hat der 32-Jährige mit seiner aus Hannover stammenden Ehefrau Sabine in der Nähe von Windhuk das Gocheganas Nature Reserve und die dazu gehörige Lodge eröffnet, eine Kombination aus Wildnis- und Wellness-Angebot.

"Ich weiß, was Frieden ist"

Insgesamt waren rund 50 Menschen am Aufbau der Farm beteiligt. Anders als in Zimbabwe, wo weiße Farmer gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden, sei die Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Weiß in Namibia gut, sagt Stritter. Zumindest unter den jüngeren Weißen gebe es auch keinerlei Wagenburgmentalität. "Wir sind wirklich auf dem richtigen Weg."

Karl Würth, der Touristen durch das Namib Rand Reserve führt, ist da weit skeptischer. Er schaue keine Nachrichten mehr an, es rege ihn zu sehr auf, sagt der 25-Jährige. Für seinen Job als Tourguide hat er seine Ausbildung zum Innenausstatter in Südafrika sausen lassen. Und jeder, der auch nur einen Tag mit ihm unterwegs war, versteht seinen Entschluss. "Siehst du, das ist es warum ich so wütend werde, wenn ich all den Streit sehe", sagt er, und zeigt auf die weite Ebene, über die ein paar Wolkenschatten fliegen, "weil ich weiß, was Frieden ist."

Von Swantje Werner, gms

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