• Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.08.2004
 

Tokelau

Der Untergang eines Südseeparadieses

Von Anke Richter und Alex Webb (Fotos)

2. Teil

Die Frauen des Dorfes haben für die Mittagspause die Tische mit allem Leckeren gedeckt, das sie auftreiben konnten. Ihre Arbeit am Kerosinkocher und dem umu, dem traditionellen Erdofen unter aufgeschütteten Korallen, ist mühsam. Die allgegenwärtige Kokossahne zum Kochen muss erst als Fruchtfleisch aus den Schalen geraspelt und in Sackschläuchen ausgepresst werden. Tokelau ist eine kulinarische Herausforderung, denn außer Fisch in Massen, Brotfrucht und Kokosnüssen, gelegentlich ein paar Papayas und Bananen gibt die Natur nichts her. Wenn das Schiff auf sich warten lässt, gehen selbst Grundnahrungsmittel wie Mehl und Trockenmilch aus. Der einzige Laden führt vor allem Konserven, Zigaretten, Alkohol und fettes Büchsenfleisch. Außerdem Eier aus dem US-Bundesstaat Washington, denn die Hühner in den Dörfern legen nicht genug. Auch die eine oder andere Tunfischdose aus Südostasien steht im Regal. Dafür wurde das Spanferkel, dessen knusprige Schwarte jetzt auf dem Teller des Diplomaten glänzt, erst vor wenigen Stunden durchs Dorf gejagt.

Ausruhen auf der MV "Tokelau": Ein- bis zweimal im Monat kommt das Schiff von Samoa
Zur Großansicht
Alex Webb

Ausruhen auf der MV "Tokelau": Ein- bis zweimal im Monat kommt das Schiff von Samoa

Der Staatsgast macht einen Rundgang im Ort. Das Licht flimmert golden und weich, und die sanften Geräusche des Dorfes durchbricht nur ab und zu samoanische Pop-Beschallung aus einem Ghettoblaster. Ein paar Mädchen sitzen auf einer Mauer und lassen ihre nackten Beine baumeln. Atafu ist das traditionellste und am strengsten protestantische unter den drei Atollen. "Und das schönste", behaupten die, die hier leben, denn noch stärker als das Nationalgefühl der Tokelauer ist der Lokalpatriotismus jeder einzelnen Insel.

Das Türkis der Lagune schimmert zwischen den Palmen und den Häusern aus Beton hindurch. Zwei Frauen stochern im flachen Wasser mit Eisenstangen in abgestorbenen Korallen herum. Eine zieht mit dem gebogenen Ende des Stabes einen armlangen Polypen aus seinem Versteck hervor. Sie hebt das Tier zum Mund und beißt ihm kräftig in den Kopf, genau zwischen die Augen. Dann wirft sie sich den toten Kraken an einem Fangarm über die Schulter. Neben ihr planschen Kinder. "Palagi, palagi!", rufen sie, als sie den Franzosen sehen, die tokelauische Bezeichnung für weiße Menschen.

Steineschleppen gegen die Flut

Befestigungsmauern säumen das Atoll. Schon seit Jahren schichten Männer regelmäßig aus Steinen und dickem Draht die Mauern auf, lange bevor sie erfahren haben, dass der Meeresspiegel rund um ihr Zuhause beharrlich steigt. Steineschleppen ist die gängigste Strafarbeit, die vom Ältestenrat verhängt wird, wenn jemand das Recht bricht. Wer ein echtes Problem für die Gemeinschaft darstellt, wird für immer weggeschickt. Früher setzte man den Störenfried mit einer Angelschnur ein letztes Mal ins Kanu. Gott werde entscheiden, ob er im rund 1000 Kilometer entfernten Tuvalu landet oder ihn die Haie fressen.

Wirbelstürme haben die Inseln mehrmals verwüstet und fast alle traditionellen Bauten zerstört. Seitdem sind die Kirche, das Versammlungshaus und die Schule der sicherste Ort im Fall einer Flutwelle - und nicht eine Palme, an der man sich festbindet, wie es gerne in Hollywood-Filmen gezeigt wird. "So wird man im Taifun todsicher von einer Kokosnuss erschlagen", prustet Loimata Iupati, der Direktor für Erziehung, bei der Vorstellung unter seinem grauen Bart vor Lachen. Er ist ein Verfechter tokelauischer Traditionen, Feind alles Fremden und hat sich heute keine Krawatte zu Ehren des Staatsbesuchs umgebunden.

"Warum haben wir die Rede des Botschafters heute morgen wörtlich mitgeschrieben?", fragt er verärgert. Wenn dem Diplomaten die Worte des faipule wichtig wären, dann hätte er doch eine Sekretärin mitgebracht, die sie aufschreibt. "So hat das doch alles keinerlei Bedeutung", sagt Iupati, der in seiner freien Zeit die Bibel vom Englischen ins Tokelauische übersetzt. "Wir sind viel zu entgegenkommend."

Seegurke, Oktopus, Muschel

Im Kindergarten üben die Kleinsten wie jeden Morgen, auf Strohmatten sitzend, ein Lied ein. "Kina kina, feke feke, pipi pipi, paua paua, ika ika, tuna tuna." Es zählt die Tiere Tokelaus auf: Seegurke, Oktopus, Muschel, Abalone, Fisch, See-Aal. In der Mittagspause kommen Mütter, Tanten und Cousinen und packen die Lunchdosen für die Großfamilienkinder aus. Es gibt kalte Hot Dogs, Reis mit Ketchup, Fertignudeln aus dem Minutenbecher. In den Plastikflaschen leuchtet ein aus buntem Brausepulver zusammengerührter "Tropical Mix", den die Kinder am liebsten pur aus der Hand lecken. Der jährliche Zuckerkonsum liegt bei 50 Kilogramm pro Kopf. Was den Tokelauern die meisten Zukunftsprobleme bereitet, sind weder Unabhängigkeitsfragen noch Klimakatastrophe, sondern Wohlstandskrankheiten: Gicht, Bluthochdruck, Diabetes.

Der für ein halbes Jahr eingesetzte Arzt, der die Mangelwirtschaft aus verfallenen Medikamenten und defekten Apparaten zu beherrschen versucht, fragt den französischen Diplomaten: "Können Sie auf Ihrem Schiff einen Mann mit Kieferbruch nach Samoa mitnehmen? Er muss bald operiert werden." Während ein Offizier über Walkie-Talkie den Pass des Patienten prüfen lässt, dürfen die älteren Schüler das Marineschiff besichtigen fahren.

Den Jugendlichen ist jede Abwechslung willkommen. Außer Fußball, Volleyball, Rugby und einem Discoabend, der einmal im Monat bei voller Beleuchtung und unter den Augen der ältesten Frauen im Gemeindehaus stattfindet, hat das Atollleben nicht viel für sie zu bieten. Als junge Menschen stehen sie in der Gesellschaftsordnung weit unten und haben den Anweisungen der Älteren zu folgen. Für Rebellion ist kein Raum. So hören sie zwar Britney Spears und Eminem auf ihren Kopfhörern, aber singen auch brav Choräle. Sie tanzen auf den Festen voller Anmut und Begeisterung die traditionellen Tänze, aus denen mehr Erotik spricht als aus den zahmen Discotänzen, aber wenn sie schwimmen gehen, dann tragen sie keinen Bikini, sondern T-Shirts und lange Shorts. Als unverheiratete Paare dürfen sie nicht unter einem Dach schlafen, öffentliche Zärtlichkeiten sind tabu.

Fischen und Beten als Therapie

Wenn sie die Schule hinter sich haben und wegwollen, kommt unweigerlich der Kulturschock. Mika Kalolo, der auf den Inseln Gesundheitserziehung lehrt, sagt: "Einige von uns haben vorher noch nie einen Fluss oder Berg gesehen." Geschweige denn, ein Einkaufszentrum oder Teenager die einfach machen, was sie wollen. Für diejenigen, die als Drogenkonsumenten oder Gangmitglieder aus den Großstädten der Südhalbkugel wieder zurück auf ihre Heimatinsel geschickt werden, ist der Schoß der Familie und die mangelnde Freiheit manchmal die Rettung: Fischen und Beten als Therapie.

Drei Mal pro Woche wird Gottesdienst gehalten und an jedem Spätnachmittag das Volleyballspiel abgebrochen, wenn die Ausgangssperre die abendliche Bibelstunde ankündigt. Den Regeln der Sonntagsruhe hat sich jeder zu unterwerfen; sie heißen: kein Alkohol, keine Musik, kein Schwimmen, kein Kartenspiel, keine Videos, kein Sport, kein Spaziergang. Leben herrscht am heiligsten Tag allein in den Klohäuschen, die am Rand der Lagune auf Stelzen über dem seichten Wasser stehen. Hier raucht, kichert und plaudert man stundenlang beim gemeinsamen Geschäft. Weil dort die meisten Neuigkeiten die Runde machen, heißen die Toiletten auch "tokelauische Telefone".

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP