Von Anke Richter und Alex Webb (Fotos)
Niemand ist in Tokelau jemals allein. Das kann das Schönste sein, was es gibt: Geborgenheit, Zusammengehörigkeit, Hilfsbereitschaft. Ein Individualist oder Einzelgänger hat es im Kommunenleben dagegen schwer. Wer zu viel fragt und sich sorgt, sowieso. "Der Allmächtige hat viel größere Pläne. Was zählt da, was wir Menschen denken?", fragt der Pastor von Atafu. Er ist die wichtigste Person im Dorf und bekommt stets die größten Stücke Fisch. Beim inati, dem urkommunistischen Verteilungssystem, das für jedermanns Nahrung im Ort sorgt, geht es gerecht zu, aber der Gottesmann ist ein wenig gleicher als die anderen.
Es gibt auch progressive Stimmen. Zum Beispiel das "Modern House", eine politische Initiative, die den Tokelauern Selbstverwaltung nahe bringen will und verschiedene Projekte zur Müllentsorgung ins Leben gerufen hat. Denn bevor das Südseeland unter dem Meeresspiegel versinkt, könnte es unter leeren Chipstüten und Coladosen begraben werden. Früher wurde einfach alles verbrannt. Das geht jetzt nicht mehr. "Wegen der Ozonschicht", sagen die Verantwortlichen. Wer Sand für den Hausbau braucht, holt ihn sich nicht mehr wie sonst direkt vom Strand vor der Tür, sondern fährt neuerdings zu den unbewohnten Inseln des Atolls. Das bisschen Erde, auf dem man lebt, soll ab jetzt geschützt werden.
In zehn Jahren sind vielleicht keine Tokelauer mehr in Tokelau
Noch gibt es keine konkreten Aufzeichnungen vor Ort, wie sehr der Ozean tatsächlich ansteigt. Zwei bis drei Millimeter im Jahr, so lauten die Angaben von internationalen Organisationen wie dem World Wide Fund for Nature. Das Phänomen habe es immer schon gegeben, sagen die Grauhaarigen im Dorf. "Wir tun alles, um Schaden von uns zu wenden, und unterstützen jede sinnvolle Maßnahme", sagt Falani Aukuso, der Direktor des faipule-Rates, der das "Modern House" koordiniert, "aber die Skepsis bleibt. Wir springen nicht automatisch auf jeden Zug auf." Sicher habe das Nachbarland Kiribati bereits Probleme durch die Versalzung seiner Böden, aber die Inselstaaten, die am lautesten vor dem Untergang warnen, wollen seiner Meinung nach damit vor allem eines erreichen: Aufenthaltsgenehmigungen ihrer Bürger in Industrieländern.
Das Problem haben die Tokelauer als neuseeländische Staatsbürger nicht. Dafür die Furcht, dass eines Tages niemand mehr bleibt. "Wie kann man unsere Leute davon abhalten, in die Welt hinauszuziehen?", fragt sich Pio Tuia, der faipule des mittleren Atolls Nukunonu. "In zehn Jahren sind vielleicht keine Tokelauer mehr in Tokelau, weil ihre Kinder hier nicht ausgebildet werden und der Lebensstandard so gering ist." Seine Lösung heißt: "Wir müssen die Fischerei in Gang bringen, Handarbeiten verkaufen, Touristen holen - wir müssen Einkommen schaffen." Geld gibt es in Tokelau noch nicht lange, und es bringt Ungleichheit. Und nicht alles, was den Lebensstandard hebt, ist ein Segen. Als die ersten Telefonrechnungen eintrafen, hatte eine Familie bereits ein zweifaches Jahreseinkommen in den Äther gejagt.
Der Botschafter spaziert bei seinem mittäglichen Dorfrundgang an einem offenen Schuppen vorbei, in dem ältere und jüngere Männer auf dem Boden sitzen. Einer döst, ein paar von ihnen schnitzen und hobeln an Holzdosen, in die später die Angelhaken der Fischer wandern. Ihre Fußsohlen sind nach oben gedreht und dienen als Werkbank. Die Form der Behälter hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert. Auch die Kanus, in denen die Fischer aufs offene Meer fahren, werden seit eh und je auf dieselbe Weise hergestellt.
Fahrten über die Lagune sind nur freitags gestattet
Draußen vor dem Riff reden Tana, Kili und Mui in ihrem Einbaum mit Ausleger darüber, auf welcher Insel die Mädchen am schönsten sind. Ihre Angelschnüre haben sie 90 Armlängen tief ins Meer gesenkt. Unten am Haken hängt ein frischer Köder. Wenn ein Tun, Hai oder Schwertfisch anbeißt und so fest an der Leine zieht, dass diese beim Einholen in die Hand schneidet, dann entsteht ein "fishing tattoo". Auch die drei Freunde tragen die strichförmigen Narben auf ihren Handrücken. Heute Nacht wollen sie noch einmal hinaus, Fliegende Fische fangen. Dann werden sie breitbeinig mit einem langen Käscher in den Händen im Kanu unter dem pazifischen Sternenhimmel stehen, über sich eine schaukelnde Laterne und um sich herum die silbernen Pfeile in der Luft.
Vorher müssen sie noch den hohen Besuch aus Übersee auf einem Floß zur Picknickinsel bringen. Die unbewohnten Inseln des Atafu-Atolls dienen für Ausflüge und zum Anbau von Kokospalmen. Fahrten über die Lagune sind bis auf Ausnahmen nur freitags gestattet. So will es das Dorfgesetz, damit sich niemand an fremden Kokospalmen bedient. Die soziale Kontrolle ist allgegenwärtig - und lebensnotwendig. "Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen", sagt Kuresa Nasau, der Inselchef. "Man arbeitet nicht für seine Familie, sondern für alle." Sein Gast aus Neuseeland nickt und lächelt.
Auf dem motu, einer Riffinsel, garen frische Kokosnusskrabben, die zu den größten Landkrebsen gehören, im Feuer. Sie wurden tags zuvor im Unterholz erlegt. Ein Stich mit der Machete in den Bauchpanzer und ein gekonnter Griff, damit die kräftigen Scheren keinen Finger abzwicken. Der Botschafter, der die Kunst des Smalltalk beherrscht und eine Krabbe mit einem Steinschlag zu öffnen weiß - "das kenne ich noch aus der Karibik" -, will wissen, ob man hier auch Langusten bekommt. "Kein Problem", verspricht der Berater des faipule, "wir sorgen dafür, dass Sie auf Fakaofo welche bekommen."
Humor wird in Tokelau groß geschrieben
Im Sonnenuntergang sitzen vier ältere Frauen in Volantkleidern im Schatten eines Brotfruchtbaums und knallen Dominosteine auf die Holzplatte zwischen ihren Beinen. Die Füße zeigen weg von den anderen, das gebietet die Höflichkeit. Solche Regeln sind zahlreich und kompliziert, aber sie geben dem Leben eine Form. Für die Frauen unter dem Baum könnte es keinen perfekteren Ort geben als Atafu, wo die Alten verehrt werden und viel zu lachen haben. Die Damen amüsieren sich über die Pensionierung der Schuldirektorin, bei deren Abschiedsfest drei korpulente Frauen mitsamt einer Bank umkippten. Eine zahnlose Frau mit schütterem Haarknoten ahmt die Szene nach und wirft sich kreischend nach hinten. Humor wird in Tokelau groß geschrieben. Die angesehensten Menschen erzählen die besten Kalauer.
Als der französische Botschafter am Abend den Frachter besteigt, nimmt er einen geflochtenen Strohhut, Muschelketten und eine geschnitzte Kanuminiatur als Abschiedsgeschenk mit. Er lässt dem Land einen Bildband über Frankreich da. Der wird in der Schulbücherei verstauben, denn wer sich in Tokelau für die Ferne interessiert, guckt Kung-Fu-Filme auf DVD.
Die Frauen verteilen die Reste vom Festessen an die Dorfbewohner, und der faipule schreibt einen Bericht, den jemand in Neuseeland lesen wird oder auch nicht. Im Ältestenrat bleibt man sich einig, dass von einer weiteren Flut nichts in der Bibel steht. Wer weiß, vielleicht werden die Tokelauer von Gottes Hand gar sanft aus den Fluten gehoben, wenn die große Welle kommt - so wie die alten Götter damals auf den Rändern der versunkenen Vulkane ihre Atolle entstehen ließen.
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