Colombo - Die Lokomotive stößt einen gellenden Signalton aus. Letzte Passagiere springen auf die Trittbretter der dritten Wagenklasse, am Zugende lässt der Bremser ein grünes Tuch aus dem Fenster flattern. Abfahrt. Ein kräftiger Ruck, und der Express von Colombo über Kandy nach Badulla setzt sich kreischend und rumpelnd in Bewegung. Die Reise von Sri Lankas Hauptstadt ins zentrale Bergland der Insel ist eine Fahrt von knapp 300 Kilometer Länge, für die der Zug je nach Tagesform rund elf Stunden benötigt. Vermutlich ist er einer der langsamsten Expresszüge der Welt. Ganz sicher aber handelt es sich um eine der schönsten Eisenbahnfahrten, die in Asien möglich sind.
Adam's Peak: Ziel vieler buddhistischer Pilger auf Sri Lanka
Ein Hauch von Diesel und feuchtem Eisen liegt in der Luft. Der Zugbremser packt sein Tuch wieder ein, in den folgenden Stunden hat der Mann wenig zu tun, denn es geht zunächst nur stramm bergauf. Der erste Dampfzug fauchte bereits 1867 von der alten Königsstadt Kandy nach Colombo, damals beladen mit kostbarem Zimt, Pfeffer, Muskatnüssen und anderen Gewürzen Ceylons, die von Colombo nach Europa verschifft wurden. Ein paar Jahre später wurde die Trasse erweitert - vor allem, um die hoch gelegenen Teeplantagen anzubinden.
Bunte Saris wie exotische Blumen
Die Strecke wuchs mit dem Tee-Anbau und gilt bis heute als Meisterleistung britischer Eisenbahningenieure, die angeblich den ersten Abschnitt am "Pfad einer intelligenten Kuh" orientierten. Da aber angesichts der vielen steilen Bergrücken und Schluchten die Strecke hinauf ins Bergland sogar einer Ziege Schwierigkeiten bereiten dürfte, mussten für die Route auch 46 meist kurze Tunnel sowie eine Hand voll Eisenbrücken und Viadukte gebaut werden.
Von Colombo über Kandy bis in den Kurort Nuwara Eliya überwindet der Zug fast 1900 Höhenmeter. Entsprechend abwechslungsreich sind die Landschaften, die am Fenster vorbeigleiten. Zunächst rattert der Zug durch Palmwälder, Reisfelder, Zimt- und Bananenplantagen, dann durch Tropenwald und später durch berauschend grüne Teeplantagen, in denen die bunten Saris der Pflückerinnen wie exotische Blumen leuchten.
An einigen Steigungen ist der Zug kaum schneller als ein gut trainierter Jogger, und einmal liefert er sich ein Wettrennen mit einem Hund, der kein Problem hat, den Express für kurze Zeit einzuholen. Noch weiter in der Höhe wird auch der Tee rar. Entlang der Schienen stehen Eukalyptusbäume, Rhododendren und Farnwälder im leichten Niesel. Im Hintergrund überragt der für die Buddhisten heilige Adam's Peak mit seinen 2243 Meter Höhe die Szenerie. Viele Gläubige besteigen nachts in einer rund vierstündigen Wanderung den Berg, um dort pünktlich zum Sonnenaufgang zu beten und einen heiligen Fußabdruck zu verehren, den Buddha hier hinterlassen haben soll.
Zugfahrt durch den Blumen- und Gemüsemarkt
Spätestens in Nanu Oya, dem Bahnhof, der Nuwara Eliya am nächsten liegt, sind die Reisenden froh, einen leichten Pullover eingepackt zu haben. Vor viereinhalb Stunden in Kandy schwitzten sie noch bei schwülen 30 Grad. Doch hier oben herrschen Temperaturen wie im deutschen Frühling, und nachts kann es richtig kalt werden. Kein Wunder, dass Nuwara Eliya schon zu Kolonialzeiten als "Klima-Oase" diente: Britisches Flair kann im eleganten "Grand Hotel" und im "Hill Club" mit seinem Golfplatz erlebt werden. Hierhin flüchteten blasse britische Ladys und Kolonialbeamte, um der drückenden Tropenhitze in den damals mit Malaria verseuchten Küstenregionen zu entgehen.
Bei Pattipola, 223 Kilometer nach der Abfahrt in Colombo, erreicht der Zug in einem Tunnel die Passhöhe von 1898 Meter. Von jetzt an geht's bergab, und der Zugbremser wird nun endlich gefordert. Denn plötzlich will der Express seinem Namen gerecht werden: Beängstigend schnell rattert er schlingernd in die Kurven - doch der Bremser macht seinen Job, die Räder sprühen Funken, es schrammt und schrillt laut unter dem Zug. Gelb-rote Orchideen wachsen direkt neben dem Schotter, doch um nebenher Blumen zu pflücken, ist der Zug jetzt zu schnell.
Wem elf Stunden Bahnfahrt von Colombo bis zur Endstation Badulla zu lang sind, kann sich problemlos mit Teilstrecken begnügen. Am schönsten ist der Abschnitt von Kandy bis zur Passhöhe und dann wieder bergab bis zum Tee-Ort Haputale. Hier tuckert der Zug direkt durch den Blumen- und Gemüsemarkt, der zwischen den Gleisen abgehalten wird. Der Express verlässt Kandy täglich fahrplanmäßig um 8.55 Uhr und erreicht Haputale gegen 15 Uhr. Dazwischen liegen zwar nur 140 Kilometer Schienen, aber jeder einzelne Kilometer ist ein Genuss, und an klaren Tagen reicht die Sicht von manchen Stellen bis zum Indischen Ozean.
Bahnfahren ist billig
Auch lässt sich dieses Teilstück recht einfach in eine kleine Sri-Lanka-Rundreise einbauen. In den Touristenhotels an der Küste ist fast immer ein Taxifahrer zu finden, der gerne die komplette Organisation übernimmt, die Bahntickets besorgt, die Gäste früh morgens zum Bahnhof nach Kandy bringt und nachmittags am Bahnhof in Haputale wieder erwartet. Statt dann sofort im Eiltempo über die kurvenreichen Bergstraßen zurück zur Küste zu rasen, sollte man sich aber in der herrlich grünen Tee-Region ein Hotelzimmer nehmen und am Tag darauf in Ruhe eine Teeplantage oder Teefabrik besuchen.
Hochland-Tee gilt als der beste Tee überhaupt. Je höher die Pflanze wächst, desto höher ist auch die Qualität - andererseits verträgt der Teestrauch aber keinen Frost. Feiner Ceylon-Tee ist ein gutes Mitbringsel: Für einen dicken 500-Gramm-Beutel bezahlt man im Hochland in der Fabrik nur etwa 100 Rupien, umgerechnet 80 Cent.
Auch das Bahnfahren in Sri Lanka ist billig. In der Ersten Klasse kostet etwa die Strecke von Colombo nach Kandy umgerechnet 1,50 Euro. Für die Acht-Stunden-Tour von Kandy nach Badulla sind es in der Ersten Klasse 500 Rupien (vier Euro), in der Zweiten 156 Rupien (1,20 Euro) und in der Dritten Klasse nur rund 57 Rupien (rund 50 Cent).
Die Dritte Klasse ist allerdings nur hart gesottenen Eisenbahnfans zum empfehlen, die gern auf Tuchfühlung mit anderen Passagieren reisen oder sich draußen auf dem Trittbrett festklammern möchten. Die zweite Wagenklasse geht in Ordnung, es gibt recht bequeme Polster und keine Drängelei. Die Erste Klasse besteht aus einem einzigen Waggon, dem "Observation Car". Der Wagen mit Panoramafenster wird ganz am Zugende angekoppelt.
Im Endspurt mehrerer eisenbahntechnische Höhepunkte
Allerdings gibt es in diesem Salonwagen, dessen Sitze und Deckenventilatoren einen morbiden Charme ausstrahlen, nur 24 Plätze. Deshalb heißt es am Bahnhof oft "ausgebucht". Wer dann Tickets Zweiter Klasse kauft, wird nach Abfahrt des Zuges vom Schaffner aber gegen einen Aufschlag meist in die Erste Klasse umquartiert, denn es zeigt sich häufig, dass zwar Plätze von Spezialveranstaltern reserviert, dann aber nicht in Anspruch genommen wurden.
Echte Eisenbahnfans halten ohnehin durch bis nach Badulla, wo der Zug meist zwischen 16.30 Uhr und 17 Uhr eintrifft. Denn auf seinem Endspurt bietet der Express mehrere eisenbahntechnische Höhepunkte. Beispielsweise donnert er auf einer neunbogigen Brücke über eine Schlucht und braust dann zur "Achterbahnschleife Demodera Loop". Natürlich fährt der Zug hier keinen Looping, technisch handelt es sich vielmehr um eine Spiralkurve: Der Zug fährt erst durch einen Tunnel und windet sich dann um einen Hügel herum, so als wolle die Lokomotive versuchen, den Salonwagen am Zugende wieder einzuholen.
Die Strecke durch das Bergland ist zwar die schönste. Sri Lanka verfügt aber auch sonst über ein Eisenbahnnetz von insgesamt 1500 Kilometer Länge. Von den Badeorten an der Südwestküste wie Kalutara, Beruwala, Bentota oder Hikkaduwa kann man für ein paar Cent sicher und - in der Zweiten Klasse - verhältnismäßig bequem beispielsweise einen Tagestrip nach Colombo oder in die alte holländische Kolonialstadt Galle im Süden unternehmen. Und anders als in den Bergen sind die Expresszüge an der flachen Küste richtig schnell: Mit bis zu 80 Kilometer pro Stunde donnern sie durch den Palmenwald.
Von Georg Alexander, gms
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