San Antonio - In San Antonio macht der Weihnachtsmann Ferien. Palmen wiegen sich in der feuchtwarmen Brise, Wüstenstaub flirrt durch die Luft. Das einzig Frostige hier ist eine "Frozen Margarita" aus Tequila, Orangenlikör und Limonensaft in zerstoßenem Eis. Die Rentiere haben hitzefrei, und "Poncho Claus" übernimmt mit seinem Maultiergespann den Job des Weihnachtsmannes. "Santa Claus ist mein Vetter", sagt der Herr mit dem pechschwarzen Rauschebart und Riesen-Sombrero: "Merry Mex-mas!"
Mehr als die Hälfte der Einwohner von San Antonio ist mexikanischer Herkunft. "Tejanos" nennen sie sich, und ihr fröhliches Brauchtum haben sie importiert. Fast jeden Monat steigt irgendwo ein vergnügtes Stadtfest in dieser übersprudelnden Metropole. "Christmas" ist dabei eine wichtige Sache - schließlich wurde San Antonio von Franziskanern gegründet. Die Spanier schickten einst Mönche aus Mexiko hierher, um Klöster zu bauen, Indianer zu bekehren und Texas zu besiedeln. Gleich fünf Konvente entstanden am San Antonio River. Die 1718 gegründete Mission San Antonio de Valero war die erste.
Der Glaube hat tiefe Wurzeln. Doch in der einzigartigen Mischung aus mexikanischer Lebensfreude und amerikanischer Leichtherzigkeit ist schnell Finito mit der ruhigen Besinnlichkeit des europäischen Katholizismus: In San Antonio wird Weihnachten als rauschende Geburtstags-Fiesta für das Christkind gefeiert.
Von "La Cucaracha" bis "Jingle Bells"
Wenn der Schalter umgelegt wird und Hunderttausende blinkende Glühlämpchen den "Riverwalk" in ein magisches Licht tauchen, ist die "Holiday Season" offiziell eröffnet. In einer großen Schleife winden sich die gepflasterten Spazierwege um die Innenstadt, immer hübsch am umgeleiteten San-Antonio-Fluss entlang. Restaurants, Hotels und Geschäfte säumen die belebten Ufer. Ponton-Boote schippern durch die schmalen Grachten, über die sich Rundbrücken wölben.
Hier, eine Etage unter dem Straßenniveau, spielt sich das quirlige Nachtleben der Stadt ab. Seine Existenz hat es einer schrecklichen Überschwemmung im Jahr 1921 zu verdanken. Um eine Wiederholung zu verhindern, wurde der Flutkanal angelegt und später zur Attraktion ausgebaut.
Rote Weihnachtsmann-Pudelmützen mit weißen Bommeln tragen die Flusskapitäne zur feierlichen "Lighting Ceremony" immmer am letzten Freitag im November. Alle Jahre wieder strömen etwa 150.000 Menschen herbei, um die "Holiday River Parade" zu bewundern. Pfadfinder und Trachtenvereine singen um die Wette: von "La Cucaracha" bis "Jingle Bells". Am Fluss sind mit Sand beschwerte Papiertüten aufgereiht, in denen flackernde Kerzen brennen. Nach mexikanischer Tradition sollen diese "Luminarias" Maria und Josef den Weg nach Betlehem weisen - und San Antonio geht dabei ein Stück mit.
Maria und Josef, gefolgt von Engeln
Seit 1731 wird in San Antonio am Sonntag vor Weihnachten "La Gran Posada" zelebriert. Die große Prozession spielt die Herbergssuche des heiligen Paares nach: "Maria" thront auf einem rollenden Pappesel, "Josef" zieht. Heerscharen von "Engeln" folgen: kleine Mädchen in weißen Gewändern mit Stoffflügeln und Sternenkränzen im Haar, an die sich ein langer Zug von Gläubigen anschließt. Viele haben Kerzen in den Händen und singen "Las Mañanitas", mexikanische Geburtstagslieder für "Baby Jesus".
Vergeblich klopfen die Pilger erst am ehemaligen Palast des spanischen Gouverneurs an, am Rathaus und Gericht, bevor sie die San-Fernando-Kathedrale erreichen. Wie ein Klein-Notre-Dame sieht die neugotische Kirche aus. Rundfenster, Doppeltürme und Torbögen sind von Glühbirnen umfasst, die plötzlich so hell erstrahlen, dass selbst die Engelchen ihre Augen mit der Hand beschatten. Hier sind die Wanderer willkommen.
Nach einem kurzen Gottesdienst verwandelt sich der Vorplatz in einen turbulenten Weihnachtsmarkt. Es duftet nach süßen Buñuelos (frittierte Weizenmehlfladen, die mit Zimt und Zucker bestreut sind) und nach Tamales (Maismehltaschen mit Fleischfüllung).
Solche "Posadas" werden nicht nur von San Fernando, sondern auch von anderen Kirchengemeinden und Privatleuten organisiert. Wer zwischen dem 16. und 24. Dezember durch die Wohngebiete schlendert, darf sich mit etwas Glück einer der Prozessions-Partys anschließen.
"Vergiss das Alamo nicht"
Der größte Weihnachtsbaum der Stadt ist mindestens zwölf Meter hoch und steht vor dem Alamo. Nur diese im Jahr 1744 errichtete und später zur Festung umgebaute Kapelle ist von dem ursprünglichen Missionskomplex übrig geblieben. Am 23. Februar 1836, nachdem Texas seine Unabhängigkeit von Mexiko erklärt hatte, verschanzten sich hier insgesamt 182 Rebellen, als General Antonio López de Santa Anna mit seiner Armee einmarschierte. Höchstpersönlich war Mexikos Präsident nach Norden gezogen, um den Aufstand zu unterdrücken.
Doch die Texaner wollten sich der Übermacht nicht beugen. So befahl der General am 6. März den Angriff. 90 Minuten dauerte das Gemetzel. Überlebende wurden hingerichtet, ihre Körper verbrannt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von dem Blutbad. Bald vereinten sich die Aufständischen unter dem Schlachtruf "Remember the Alamo" ("Vergiss das Alamo nicht"). Sieben Wochen später wurde Santa Anna geschlagen, Texas zur Republik und 1845 zu einem Teil der USA.
Hollywood hat die Geschichte mehrfach verfilmt: 1960 mit John Wayne und 2004 mit Dennis Quaid. Das Alamo ist ein nationales Heiligtum - jedenfalls für die Anglo-Texaner. Lange Schlangen drängeln sich vor dem "Schrein der Freiheit". Ein Adventskranz aus stacheligen Kakteenblättern hängt an der schweren Holztür. Drinnen müssen Besucher den Cowboyhut absetzen. Waffen, Haarlocken, Gedichtbücher und Namenstafeln der Gefallen sind zu sehen. Mindestens zwei - Henry Thomas und Henry Courtman - stammten aus Deutschland.
Segnung der Lamas und Goldfische
Vom Jahr 1860 an ließen sich viele deutsche Einwanderer im viktorianischen King William District nieder, benannt nach dem damaligen Preußenkönig. Das elegante "Guenther Haus", heute ein Restaurant und Museum, ist eine der schönsten erhaltenen Residenzen jener Zeit. Im Advent ist im ersten Stock ein Nachbau aus Lebkuchen ausgestellt, komplett mit grünen Dachschindeln aus Zuckerguss.
Auch die Sankt-Josephs-Kirche in San Antonio wurde von Deutschen errichtet. Der "Liederkranz"-Kirchenchor singt zur "Stillen Nacht" noch immer in der Heimatsprache, und Hausmeister Ricardo Arispe versteckt als Dankeschön für seine ehrenamtlichen Platzanweiser tatsächlich einen Karton Glühwein "Original Nürnberger Christkindlmarkt" im Sockel der Pietá. Partylaune und Pietät liegen dicht beisammen. Vielleicht kann sich das ernsthafte Christkind aus diesem Grund nicht gegen den fröhlichen "Poncho Claus" durchsetzen.
Im El-Mercado-Viertel hält der umschwärmte Capeträger Audienz. "Little Mexiko" könnte dieser Marktplatz heißen. In der Bäckerei "Mi Tierra" gibt es rund um die Uhr das Frühstück "Huevos Rancheros", das sind Eier mit scharfer Tomatensoße. An den Verkaufsständen in den überdachten Hallen decken sich Besucher und Einheimische mit frisch importierten Weihnachtsgeschenken ein: Schmuck, Hängematten und winzigen Krippen zum Beispiel, die in eine Muschelschale passen.
Am zweiten Samstag im Dezember war "Poncho Claus", der den bürgerlichen Namen Rudy Martinez trägt, hier mit Pater Herb Jones von der San José Mission zur "Blessing of the Animals" verabredet. In der Tradition Franz von Assisis, des Schutzpatrons der Tiere, wurden Katzen, Hunde und Goldfische gesegnet, auch ein vereinzeltes Lama und natürlich die Esel. Für die Rentier-Vertretung gibt es immer einen dankbaren Extra-Applaus von den Kindern, sagt "Poncho Claus" und zwinkert durch seine Brille.
Von Heike Schmidt, gms
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