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29.11.2004
 

Lappland

Der Weihnachtsmann und die chinesische Hoffnung

Von Leif Kramp

Einmal richtig durchatmen können: Dafür ist Lappland ideal. Vor allem die von Großstädtern gesuchte Einsamkeit lässt sich in Finnlands Norden finden. Nur in dem kleinen Dorf Rovaniemi direkt am Polarkreis tobt im tiefen Winter das Leben: Dort residiert der Weihnachtsmann neun Stunden am Tag.

Der Weihnachtsmann und sein Atlas: Ab Ende November herrscht reger Andrang im "Santa Claus Office"
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Leif Kramp

Der Weihnachtsmann und sein Atlas: Ab Ende November herrscht reger Andrang im "Santa Claus Office"

Ein leichter Schneeflaum bedeckt jegliche Tristesse: Es ist ein ganz besonderer Charme, der Inari, diese überschaubare Ansammlung von Häusern, eines Hotels, einer Touristeninformation und einer Tankstelle, auszeichnet. Nur ein Wasserflugzeug steht für private Rundflüge über den größten See Lapplands bereit, liegt aber zumeist ungenutzt an der Kette. Die kleine Tankstelle des Ortes scheint aus den fünfziger Jahren zu stammen.

Im Sommer ist Inari Durchgangspunkt für Wanderer auf dem Weg in den größten und nördlichsten Nationalpark Finnlands namens Lemmenjoki, der in der Ruskaa, der sommerlich-herbstlichen Hochsaison bis Mitte September, jeglichen Indian-Summer in Neu-England an Farbenpracht übertrifft. Im Winter, der bis April dauert, gibt es hier vor allem eines: Schnee. Es ist diese Region, in der der mächtige Olschlubbo der finnischen Märchen umhergestampft sein könnte, Riesen besiegte und Pferden die Köpfe abbiss.

Die Nordlichter sind jetzt besonders gut zu sehen - an drei von vier Tagen. Angeblich entstehen die faszinierenden Lichtspiele, die am besten in der Zeit zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens zu sehen sind, indem der Polarfuchs mit seinem silbernen Schweif über den Schnee streicht. So heißt es in einem schöneren Märchen.

"Wo der Weihnachtsmann wohnt"

Bekannt ist Lappland aber nun mal als Heimat des Weihnachtsmannes. Schuld daran ist vor allem Mauri Kunnas, der mit seinem Bilderbuch "Wo der Weihnachtsmann wohnt" Anfang der achtziger Jahre weltweit seinen Teil zum touristischen Höhenflug der kargen Region beitrug. Dabei wissen die Finnen schon seit 1927 durch den phantasievollen Radiomoderator Onkel Markus, dass Santa Claus und seine Wichtel Tag und Nacht auf dem Berg Korvatunturi schuften, damit Weihnachten auch geschenketechnisch seinen Zauber behält.

Karges Inari: Erst, wenn hier in einigen Wochen meterhoher Schnee liegt, wird das nördliche Städtchen wieder etwas belebter.
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Leif Kramp

Karges Inari: Erst, wenn hier in einigen Wochen meterhoher Schnee liegt, wird das nördliche Städtchen wieder etwas belebter.

Auf Initiative eines pfiffigen Parlamentsabgeordneten wurde Lappland dann 1972 sogar höchstoffiziell zum Weihnachtsmannland erklärt. Seitdem kann die Konkurrenz in Kanada, im niedersächsischen Himmelpforten und andernorts rackern, wie sie will: Santa und Rudolf, das Rentier, wohnen in Lappland - das glauben auch die Japaner gerne und fliegen in Scharen nach Rovaniemi. Dort empfängt der Weihnachtsmann täglich neun Stunden lang (sieben Stunden in der Nebensaison) vornehmlich Kinder und lässt sich für 17 Euro mit ihnen ablichten. In seinen beiden Ruhestunden liest er dann gerne die Zeitung "Lapin Kansa" oder das Boulevardblatt "Ilta-Sanomat" - schließlich muss er auch wissen, welche Promis sich schlecht benommen haben.

Das Geschäft mit dem Weihnachtsmannmythos läuft gut, so gut, dass drei Tankstellenpächter davon leben können. Für die Errichtung des so genannten Santa-Parks wurde gar extra ein ganzer Berg ausgehöhlt. Vor allem Deutsche und Japaner kommen. "Seit sich der selbst ernannte Weihnachtsmann in Alaska als Arbeitsloser entpuppt hat, der sich was zuverdienen wollte, kommen auch wieder mehr Amerikaner hierher. Außerdem nennt sich der auch nur noch Christkindl", sagt Eva-Maria Hiltunen, die seit 20 Jahren als selbständige Unternehmerin den Touristen das Weihnachtsmanndorf erklärt.

Schnuller für die Baby-Rentiere

Oft sind es Pensionärsgruppen, die vom Regionalflughafen Rovaniemi mit Charterbussen ins acht Kilometer entfernte Kunstdorf gebracht werden. Das Gelände gehört nicht der Stadt, sondern den insgesamt 30 Unternehmern, die mit Lammfellmützen, Rentierfellen und Plüschtieren ihr Leben finanzieren. "Bald sollen die ersten 20.000 Chinesen eintreffen", freut sich Hiltunens Kollegin Marja Selin. Letztes Jahr führte sie den mittlerweile abgetretenen Staatschef Jiang Zemin höchstselbst über den Polarkreis, der vor dem schmucken Hauptquartier des Weihnachtsmanns verläuft.

 Elche sieht man in Finnisch-Lappland selten. In der ständigen Ausstellung des futuristischen Arktikums trifft man auf ausgestopfte Verkehrsopfer wie dieses kapitale Elchmännchen.
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Leif Kramp

Elche sieht man in Finnisch-Lappland selten. In der ständigen Ausstellung des futuristischen Arktikums trifft man auf ausgestopfte Verkehrsopfer wie dieses kapitale Elchmännchen.

Seine exotischsten Gäste verewigt der Mann in Rotweiß in einem handelsüblichen Weltatlas. "Mein guter Freund Lucio Salonio lebt in der Antarktis und arbeitet dort auf einer Forschungsstation", erzählt er und zeigt auf ein Wirrwarr eingezeichneter Pfeile auf der Karte. "Letzten Winter kam er auf Sommerurlaub nach Rovaniemi - eine besondere Ehre." Gerade habe er zudem Besuch aus Australien bekommen. Eine Austauschstudentin, die für ein Jahr im finnischen Norden büffelt, kam mit ihren Eltern, die "sehen wollten, in was für einer Einöde sie überhaupt lebt", lacht der Mann, dem Eltern aus aller Welt die Schnuller ihrer heranwachsenden Kinder schicken - "für die Baby-Rentiere". Aufbewahrt werden sie in einem Kessel direkt vor dem Kamin des Weihnachtsmannbüros.

Rovaniemi ist eine faszinierende Stadt, der es in ihrer Geschichte nicht hätte schlechter ergehen können. Von den Deutschen bei ihrem Rückzug am Ende des Zweiten Weltkriegs komplett zerstört, bietet sie heute wenig Sehenswertes. Dennoch hat sich um die Fußgängerzone Ruokasenkatu ein lebendiges Zentrum vor allem für Jugendliche und Junggebliebene entwickelt. Einwohner mittleren Alters treffen sich in der Bierkneipe "Hemmingway's", ältere sind kaum auf den Straßen zu sehen. In fünf Nachtclubs in der näheren Umgebung lässt sich der Gegenbeweis zum Image des in sich gekehrten, mürrischen Nord-Finnen anstellen. Die 21-jährige Informatikstudentin Sari weiß warum: "Ich bin hier aufgewachsen und wollte auch zum Studieren nicht woanders hin. Hier ist alles überschaubar, und die Leute sind so aufgeschlossen."

Werkstadt des Weihnachtsmanns

Die Samin Satu Lehtola lebt seit kurzem in Inari und hat gerade einen Rentierhirten geheiratet. Sie schwärmt von ihrem neuen Leben fern der Heimat. "Im Gegensatz zum Süden hat hier so gut wie niemand Depressionen. Das liegt sicher auch daran, dass es bis zum Herbst nur sehr wenig Regen gibt, und einige Wochen später ist alles weiß", sagt Harju. Die Menschen seien ausgeglichen und ruhig.

Eva-Maria Hiltunen und Marja Selin: Vorfreude auf 20.000 Chinesen
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Leif Kramp

Eva-Maria Hiltunen und Marja Selin: Vorfreude auf 20.000 Chinesen

Wenn man denn jemanden trifft. Auf dem Land ist das schon schwieriger. Man muss nicht erst zum Ohren-Berg Korvatunturi - halb finnisch, halb russisch - fahren, um zu erleben, was vollkommene Einsamkeit bedeutet. Nicht zufällig phantasierte sich "Onkel Markus" vor gut 80 Jahren in der Radio-"Kinderstunde" diesen ansonsten vollkommen uninteressanten und menschenleeren Ort als Werkstadt des Weihnachtsmanns zusammen. Auch im hohen Nordwesten am Ende des lappischen Daumens bei Kilpisjärvi trifft man nur mit Glück auf den einen oder anderen Menschen, meistens sind das norwegische Fernfahrer, die auf der ab Herbst eisglatten E8 jegliches Tempolimit missachten.

Dafür bekommt man ein herrliches Gefühl der Freiheit: Schweden und Norwegen sind jeweils einen Steinwurf entfernt, doch eine Grenze ist nicht sichtbar. Wo der Blick hinschweift: Es ist karg, windig und einsam. Nur am heiligen Berg Saana, den die Ureinwohner Lapplands, die Samen, seit Jahrhunderten verehren, gibt es wie so häufig in Finnland ein neu ausgebautes Touristeninformationszentrum. Wer es bis hierhin schafft, muss Lappland lieben.

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