Aus Bayanga berichtet Dominik Baur
Einbaum auf dem Fluss Sangha: Bedrohtes Naturparadies
Das sind so Tage, wie sie Gregor Schwarzer gar nicht liebt. Ende Oktober kochten die Emotionen im Holzfällerdorf Bayanga im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik mal wieder hoch. Hunderte Einwohner hatten sich mit Macheten und Knüppeln bewaffnet und marschierten zu den Häusern des Dzanga-Sangha-Naturschutzprojekts, zu dem der Worldwide Fund for Nature (WWF) den Deutschen als Technischen Berater entsandt hat. Zuvor hatte die aufgebrachte Menge damit begonnen, die Ausfahrten mit Baumstämmen zu versperren. Schwarzer konnte gerade noch mit acht amerikanischen Touristen in den Wald fliehen.
Der Deutsche arbeitet seit gut einem Jahr für das Dzanga-Sangha-Projekt. Der WWF setzt sich dort in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und dem Forst- und Umweltministerium der Zentralafrikanischen Republik für den Schutz des Regenwaldes ein. Im Kongobecken erstreckt sich der größte Dschungel nach Amazonien. Knapp die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten der Erde finden sich hier. In Dzanga-Sangha zum Beispiel leben so seltene Tiere wie Waldelefanten, Flachlandgorillas, Schimpansen und Bongo-Antilopen. Um Fauna und Flora zu erhalten, haben sich die Naturschützer zum Ziel gesetzt, Bevölkerung und Holzindustrie für eine nachhaltige Nutzung der Wälder zu gewinnen, Wilderern das Handwerk zu legen und den Ökotourismus voranzutreiben.
"Ein Schluck muss durch das Land gehen"
Das Naturschutzprojekt umfasst eine Fläche von rund 4700 Quadratkilometern, was etwa 4,7 Milliarden Kästen Bier entspricht. Diese Rechnung zumindest stellte vor zwei Jahren die Brauerei Krombacher auf, als sie eine weithin beachtete Werbekampagne startete. Mit jedem gekauften Kasten, so versprach Krombacher, könnten trinkfeste Kunden einen Quadratmeter Regenwald retten.
Hinter dem Werbeslogan verbarg sich ein mit der Unterstützung der Bierbrauer eingerichteter Umweltfonds, aus dessen Erträgen der Worldwide Fund for Nature (WWF) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und dem Forst- und Umweltministerium der Zentralafrikanischen Republik langfristig den Schutz des Naturschutzgebietes sicherstellen möchte.
Eine großartige Sache dachten sich viele. Selbst der Quizmaster der Nation, Günther Jauch, griff werbewirksam zur Flasche. Dass der Quadratmeter symbolisch gemeint war, verstand sich aus Sicht Krombachers von selbst. Ohnehin hätten die Deutschen nach der Rechnung fünf Jahre lang ausschließlich Krombacher-Bier trinken müssen, um Dzanga-Sangha zu retten.
Der Brauerei bescherte die Aktion einen steigenden Bierverkauf - und reichlich Spott. Die "Streiflicht"-Autoren der "Süddeutschen Zeitung" etwa forderten, ein Schluck solle durchs Land gehen. "Warum nicht für jeden Kasten einer anderen Biermarke einen Quadratmeter Ozonloch schließen? Einen Elbdeich erhöhen? Einen Chinesen aus der Todeszelle befreien?"
Der Quadratmeter-Slogan wurde schließlich gerichtlich unterbunden. Doch Krombacher warb weiter mit seinem Engagement für den Regenwald, und der WWF hatte keine Skrupel, das Geld der Biertrinker anzunehmen. Im Gegenteil: Die Organisation sieht in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft eine wegweisende Perspektive für den Naturschutz und hofft, dass mehr Unternehmen dem Beispiel Krombachers folgen. Insgesamt landeten bereits 2,3 Millionen Euro aus den Portemonnaies deutscher Biertrinker in dem Dzanga-Sangha-Fonds, allein von den Zinsen werden ein Großteil der Gehälter und Betriebskosten bezahlt. Darüber hinaus finanzierte die Brauerei eine Krankenstation für die Angestellten des in dem Holzfällerdorf Bayanga angesiedelten Projekts. Einschließlich der Angehörigen sind das immerhin rund tausend Menschen, die hier medizinisch versorgt werden.
Werbeträger Jauch: Griff zum Kasten
Außerdem wird dem WWF sofort angekreidet, wenn es dem wichtigsten Arbeitgeber in Bayanga, dem Sägewerk, wirtschaftlich schlecht geht. Das Argument: Der Umweltschutz sei der natürliche Feind der Holzwirtschaft. Dummerweise ging es dem Sägewerk in der Vergangenheit recht häufig schlecht.
So kam es zu den Unruhen Ende Oktober, als die aufgebrachte Menge mit Knüppeln und Macheten zum Projekt marschierte. Den Arbeitern der Holzfabrik SBB war fälschlicherweise gesagt worden, das Werk müsse wegen des WWF dichtmachen. Gegen solche Zwischenfälle sind die Mitarbeiter des Projekts nie gefeit. Bislang gingen sie jedoch immer glimpflich aus. So beruhigte sich auch an diesem Abend die Situation schnell wieder.
Schließlich wissen die Naturschützer um die Bedeutung der Holzindustrie für die heimische Wirtschaft und gehen bei ihren Bemühungen keineswegs dogmatisch vor. "Das waren unglückliche Umstände", sagt Schwarzer über den Zwischenfall. "Eigentlich haben wir ein gutes Verhältnis mit der SBB." Die SBB, die Société des Bois de Bayanga, habe unter ihrem gegenwärtigen französischen Besitzer sogar darauf verzichtet, im Naturschutzreservat selbst Holz zu schlagen, obwohl sie die Konzession für das ganze Gebiet bezahle.
Gefährlicher Geldtransport
Doch jetzt zeichnet sich ein Verkauf der Firma ab. Schwarzer fürchtet, dass einer jener Konzerne die SBB übernehmen könnte, die schon jetzt in einigen Teilen des Kongobeckens Kahlschlag betreiben. Dann wäre die Hoffnung auf nachhaltige Holzwirtschaft in der Gegend dahin. Dabei hat der 50-jährige Naturschützer aus Deutschland schon genug Probleme. Umweltschutz in Zentralafrika funktioniert eben etwas anders als im Wattenmeer oder im Schwarzwald.
Die Zentralafrikanische Republik, in der sich vor zwei Jahren General Francois Bozizé an die Macht putschte, ist gut doppelt so groß wie Deutschland. Und dennoch gehört sie zu den am wenigsten beachteten Ländern des schwarzen Kontinents. Die deutsche Botschaft im Land war eine der ersten, die das Auswärtige Amt im Rahmen von Sparmaßnahmen in Afrika dichtgemacht hat. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen liegt bei etwas mehr als 40 Jahren, kaum jeder Zweite kann lesen und schreiben. Von den 3,7 Millionen Einwohnern beziehen gerade einmal ein paar Zehntausend ein Gehalt. Arbeitgeber ist in den meisten Fällen die Regierung, und die ist chronisch zahlungsunfähig. Die Beamtengehälter können immer nur dann gezahlt werden, wenn mal wieder eine Finanzspritze vom ehemaligen Kolonialherren Frankreich kommt.
In diesem Arbeitsumfeld kümmert sich Schwarzer um Projektplanung, Verwaltung und Berichterstattung für den WWF. Was andernorts ein typischer Bürojob wäre, ist hier jeden Tag eine neue Herausforderung. Allein die Bereitstellung der Löhne für die rund 130 Angestellten treibt dem Projektleiter jedes Mal den Schweiß auf die Stirn. Die nächste Bank befindet sich in der 500 Kilometer weit entfernten Hauptstadt Bangui. Da es kaum asphaltierte Straßen gibt, ist das eine Reise von mindestens zwei Tagen. Die Löhne müssen in bar ausgezahlt werden, und Wegelagerer sind in einem Land, in dem zwei Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze leben, keine Seltenheit.
In einem zum Projekt gehörenden Camp im Regenwald tauchten vor einigen Monaten ein paar mit Macheten und einer Pistole bewaffnete Banditen auf und bedrohten die dort arbeitenden Biologinnen. Mit umgerechnet rund 500 Euro aus der Projektkasse zogen sie schließlich wieder ab. Auch Diebstahl innerhalb des Projekts selbst ist an der Tagesordnung. Mit Elefanten und Gorillas hat Schwarzers Alltag wenig zu tun.
Bei all ihren Schwierigkeiten bleiben Schwarzer und seine Kollegen jedoch optimistisch. Schließlich gibt es auch Erfolge: So kommt der Tourismus in Dzanga-Sangha langsam in Gang. Die Doli Lodge, das einzige Hotel am Ort, ist immer öfter ausgebucht. Allein im ersten Halbjahr 2004 kamen knapp 500 zahlungskräftige Urlauber vornehmlich aus Europa und den USA, um das kleine Naturparadies mit seinen Elefanten und Gorillas zu bestaunen.
Das klingt nach wenig, aber Massentourismus ist hier weder erwünscht noch zu erwarten. 2000 bis 3000 Touristen im Jahr, das ist aus Sicht des WWF eine anstrebenswerte Zahl. Eine Reise nach Dzanga-Sangha ist kein Urlaub für jedermann. Nicht nur ist die Anreise lang und beschwerlich, die Touristen müssen auch noch je nach Luxus mehrere tausend Euro berappen. Mallorca gibt es für weniger. Und wem eine Gorillapirsch im Dschungel zu teuer ist, dem bleibt immer noch der Griff zur Bierflasche.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH