La Paz - Morgens zuckelt der Bus die Schotterpiste auf 5260 Meter hinauf. Touristen laden ihre Fahrräder ab - und nach kurzer Rast samt Schneeballschlacht strampeln sie in die Millionenstadt hinunter. In Bolivien zwischen Chacaltaya und der Metropole La Paz ist das für sportliche Menschen kein Problem - zumindest nicht im deutschen Winter. Dann scheint unterhalb des Äquators meist kräftig die Sonne. Ein Großteil des Schnees in den Anden ist geschmolzen. Und auch in die weiße Spitze des Chacaltaya mischen sich braun-graue Flecken.
Indio-Zeremonie auf der Isla del Sol im Titicacasee: Die meisten Bolivianer sind katholisch, doch der Indioglaube soll für Gesundheit und Glück sorgen
Der Blick vom Chacaltaya auf weiße Gipfel, Geröll, grüngraue Hänge und das meist im Dunst verborgene La Paz im Tal ist atemberaubend. Viele Lamas sind auf der Bergtour zu sehen. Wegen der dünnen Luft gilt in den meisten Regionen Boliviens für ausländische Gäste: haushalten mit den Kräften, keine unnötigen Bewegungen. Das müssen Touristen auch "unten" in La Paz bei Spaziergängen beherzigen. Die größte Stadt des Landes ist ein guter Stützpunkt für Ausflüge in die Anden, zum Titicacasee und zu den Ruinen von Tiwanaku.
La Paz' Reichen leben auf niedrigeren Höhen
Wer auf dem internationalen Flughafen von La Paz, El Alto, das "Dach Südamerikas" betritt, ist fast 4100 Meter hoch. Das historische Stadtzentrum mit Plaza San Francisco, Basilika, Museen, "Mercado de las Brujas", wie der Hexenmarkt heißt, sowie Gästehäusern und Gaststätten liegt 3800 Meter über dem Meeresspiegel. "La Ciudad de Nuestra Señora de la Paz" (Die Stadt unserer Frau des Friedens) wurde in einem großen Talkessel angelegt. Die Reicheren leben im untersten, etwas wärmeren Teil in 3400 bis 3500 Meter Höhe, wo sich Villen, Banken, feine Hotels und Boutiquen befinden
An den Ständen auf dem "Hexenmarkt" im Zentrum hängen Amulette, getrocknete Lama-Embryos, Hühnerkrallen, Tinkturen und Knöchlein. Die meisten Bolivianer sind katholisch, aber viele von ihnen wollen Gesundheit, Liebe und Lebensglück ein wenig nachhelfen mit den vermeintlichen Glücksbringern der "Brujas". Das knüpft an alten Indioglauben an. Die "Hexen" an den Ständen sind aber weniger alte Weiblein als vielmehr geschäftstüchtige Señoras mittleren Alters.
Über allem thront der Berg Illimani, 6460 Meter hoch und immer in Schnee gehüllt. Touristen kommen in Boliviens Berge zum Wandern, Bergsteigen, Skifahren und für der "Ritt" auf dem Mountainbike. Noch beliebter als die Radtour vom Chacaltaya ist die von La Cumbre, 4700 Meter hoch. Es geht durch zerklüftete Bergwelt, Tropenwald und vorbei an Wasserfällen bis in das 3000 Meter tiefere Coroico. Das Tagesabenteuer mit Hotelabholung in La Paz, Verpflegung, Rad und Ausrüstung kostet 35 bis 50 Euro. In 5345 Meter Höhe liegt - so wird hier geworben - "die höchste angelegte Skipiste der Welt."
Sonnentor in Tiwanaku
Aus Touristensicht ist das bitterarme Bolivien sehr preisgünstig. Im "Oberland", eine Drei-Sterne-Anlage im unteren Teil von La Paz mit Pool und Restaurant, gibt es Doppelzimmer häufig ab umgerechnet gut 20 Euro. Hier ist auch wohl der höchste Hotel-Volleyballplatz der Welt. "Manche Teams spielen die Sätze etwas kürzer", sagt "Oberland"-Eigentümer Walter Schmid, ein Schweizer. Das Hotel "Galeria" im Mittelteil der Stadt offeriert schlichte Zimmer mit Bad und TV ab zehn Euro. Das dreigängige "Lunch Special" für keine zwei Dollar ist vor allem "Renner" bei Geschäftsleuten des Viertels, sagt der einheimische Hoteldirektor Pablo Vincenti.
Gut zwei Autostunden von La Paz entfernt liegt Tiwanaku, auch Tiahuanacu geschrieben. In der von Andengipfeln umsäumten Kultstätte im Hochland werden die Bolivianer an Blütezeit und Baukunst ihrer Vorfahren erinnert. Der Wind bläst kräftig durch das Tal. Zu den Resten einer 2000 bis 3000 Jahre alten Kultur, die lange vor der Inkazeit entstanden war, zählen in brauner Einöde Tempelmauern, Monolithe und Steintore. Das riesige Sonnentor soll aus einem einzigen Steinblock geschlagen worden sein. Tiwanaku ist Weltkulturerbe und eine der wichtigsten präkolumbischen Kulturstätten Südamerikas.
Beten zur Jungfrau von Copacabana
Urlauber besuchen Bolivien oft im "Kombipaket" von Peru aus. Beide Länder teilen sich den über 3800 Meter hohen Titicacasee. In Copacabana, zwei Busstunden von La Paz, schießen Gästehäuser und Souvenirstände wie Pilze aus dem Boden. Unter die Pilger mischen sich immer mehr Kulturtouristen und Weltenbummler. In dem Wallfahrtsort an der Grenze zu Peru bitten vor der Basilika Besitzer mit Blumen und Heiligen-Bildern geschmückter Autos auch um Segen für ihre Vehikel. Drinnen beten Arme und Reiche zu Boliviens Nationalheiliger im blauen Gewand, der Jungfrau von Copacabana, was "Seeblick" bedeutet.
Wen in Bolivien die Abenteuerlust gepackt hat, der hat Lust auf größere Abstecher. Dann darf auch ein Besuch in Potosí nicht fehlen: Die Silberstadt im Landesinneren liegt etwa 4100 Meter hoch, war einst die reichste Stadt des Kontinents und ist ebenfalls Weltkulturerbe. Bergsteiger und Trekking-Fans können in der Cordillera Real das Condoriri-Bergmassiv mit Gletschern, urwüchsiger Indio- und Bergwelt erleben. "Wüstenfüchse" zieht es in die Uyuni-Salzwüste, ein begehbarer riesiger See mit weißen, kleinen Hügeln, einer Insel mit Kakteen, Vögeln, Nagetieren sowie einem Hotel aus Salzquadern. Und Geschichtsfans können auf den Spuren Ernesto "Che" Guevaras auf einem speziellen Trail durch Boliviens Tiefland wandern.
Von Bernd Kubisch, gms
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