Von Jan Jepsen
Position 72° Süd und 170° Ost. 5 Uhr 30 Bordzeit. Siebter Tag auf See. Und dann das: Die Sonne steht schon eine Handbreit hoch am Himmel. Etwas derangiert ziehe ich die Gardine meiner Kabine auf. Ein Eisberg dümpelt vorbei. Ach ja, Antarktis, denke ich leicht umnachtet - ein Gedanke besser als jeder Wecker. Ich bin sofort raus an Deck. Nach ganz oben. Sozusagen auf die Dachterrasse noch über der Brücke, aber unterhalb der Radargeräte. Von hier hat man den besten Blick in alle Richtungen. Hier trifft man auch fast immer Ingrid, Walexpertin an Bord und Zodiacpilotin. Sie hat immer ein kleines Notizbuch dabei. Jede Sichtung wird sofort vermerkt. Als ob sie die Tiere mit Namen kennt. Ihr Schwerpunkt: Killerwale. Wenn irgendwer, irgendwo und irgendwann eines dieser Raubtiere sichtet, soll man sie sofort aus ihrer Kabine holen, wo sie sich allerdings eher selten aufhält, weil sie sich fast immer auf der Pirsch befindet.
Diesen Morgen bin ich allein da oben. Es ist weltmeisterliches Wetter. Ich werfe einen Blick über den Bug nach vorn, und was ich dann sehe, könnte durchaus die Verlängerung eines Traumes sein: die Antarktis. Eine Reihe frisch verschneiter Bergspitzen, die zwischen zwei Blautönen zu schweben schien. Der Anblick dürfte sich durch die Jahre nur marginal bis gar nicht verändert haben. Keuscher als die Antarktis kann ein Kontinent nicht sein. Sie macht es den Menschen mit ihren extremen Bedingungen nicht gerade leicht, sie zu erobern.
Der erste Mensch, der in der Antarktis starb
Vor einem Jahrhundert noch war die Antarktis ein so ferner Ort wie heute das Weltall. Nur eine Hand voll Robben- und Walfänger und Entdecker drangen bis in die antarktischen Gewässer vor, aber niemand hatte den Kontinent wirklich erforscht. Die Idee, dort eine längere Zeit zu verbringen - insbesondere den dunklen, kalten Winter - war etwas, wovon nur die verwegensten Entdecker träumten.
Vor uns liegt Cape Adare, jene Landspitze, auf der 1899 die britisch-norwegische "Southern Cross"-Expedition unter Carsten Borchgrevink ihr Lager errichtete. Die ersten Menschen, die auf engstem Raum in der Antarktis überwinterten. Borchgrevink und seine Männer hatten sich für ihre "Southern Cross"-Expedition zwei vorgefertigte Holzhütten aus baltischem Kiefernholz mitgebracht. Sie errichteten die Hütten auf einem Strandstück am Kap, inmitten der größten Adeliepinguin-Kolonie der Welt.
Über das Dach wurden Kabel gespannt, die mit Schiffsankern im Sand befestigt wurden. Jede dieser Hütten maß 5,5 mal 6,5 Meter. Mit Einbruch des Winters segelte die "Southern Cross" gen Norden und ließ die zehn Männer in einer dreckigen, überfüllten Hütte zurück. Draußen tobten antarktische Stürme, und die Schlittenhunde zerfleischten sich gegenseitig. Ein Expeditionsmitglied, Nicolai Hansen, überstand den Winter nicht. Er war der erste Mensch, der in der Antarktis starb. Sein Grab befindet sich unweit der Hütte.
Holzskier, Socken, Kekse
Mit Blick auf Borchgrevinks Bude lässt die "Kapitan Khlebnikov" den Anker rasseln. Auf den Eisschollen dösten Weddell- und Seeleoparden mit einem Gottvertrauen, das schon fast an Dummheit grenzte. Gerade so, als hätte die Tiere auf uns gewartet oder als würden sie ständig Besuch bekommen, von einem wummernden Biest mit 12.288 Bruttoregister Tonnen. Fakt ist, dass kaum ein Schiff dieses entlegene Gestade anlaufen kann. Wir lassen die Zodiacs zu Wasser. Das erste Schlauchboot ist immer der Spähtrupp mit dem Expeditionsteam. Es wird nach der Stelle gesucht, an der sich am besten anlanden lässt. Ich setze mit der zweite Fuhre über. Schon alle Kameras im Anschlag, fest entschlossen Borchgrevinks Hütte so einsam und menschenleer zu fotografieren, wie sie hier all die Jahre überdauert hat.
J.R. und Harry, die beiden Abgesandten des Antarctic Heritage Trust, die unsere "Expedition" begleiten und aufpassen, dass wir keinen Unfug machen, schließen die Hütte auf. Sie wachen darüber, dass man sich beim Besuch a) die Schuhe abputzt, b) seinen Rucksack ablegt und c) sich niemals mehr als vier Personen gleichzeitig in der fensterlosen Hütte befinden. Ansonsten könnte man sofort einziehen. Die komplette Ausrüstung scheint noch da: Holzskier, Schlafbänke, Socken, Kekse, Bücher. Aber so richtig Zeit, sich umzuschauen, beibt mir nicht. Jeder bekommt nur vier Minuten. Und außerdem habe ich vor lauter antarktischer Aufregung mein Blitzlicht an Bord vergessen. Das Thema Fotografieren und Filmen ist überhaupt so eine Sache auf dieser Reise. Es gibt einige Passagiere, wie mich, die sehen die Hälfte der Reise durch den Sucher. Ein Herr Chan aus Hongkong sogar die ganze. Schwer behangen mit optischem Gerät aller Art, erinnert er an einen fliegenden Händler. Selbst in den Vorlesungen richtet er sein Videogerät auf die Leinwand und filmt Dias und Grafiken und alles ab, was nicht niet- und nagelfest ist. Eine Dame aus Belgien erzählte mir, dass es auf ihrer letzten Antarktisreise einen Japaner gab, der filmenderweise über eine Robbe gestolpert ist. Sollte mir so was Beklopptes jemals passieren - und das gebe ich hiermit schriftlich -, stifte ich meine gesamte Ausrüstung dem Tierschutzverein. Oder dem Antarctic Heritage Trust, damit sie die Hütte von Borchgrevink für alle anderen anständig ausleuchten können.
Zwei Augen sind nicht genug
Andererseits sind zwei Augen auch nicht genug für diese Pracht. Wir haben gute drei Stunden Zeit an Land. Das Wetter ist weltmeisterlich. T-Shirt tauglich. Überall sieht man junge Adeliepinguine, die sich gerade in der Mauser befinden, etwas desorientiert herumlaufen oder bereits tot rumliegen. Wir sehen auch etliche Riesensturmvögel, Räuber und Aasfresser, die auch als Geier der Antarktis bezeichnet werden und dem Brutzyklus der verschiedenen Pinguinarten folgen. Die Vögel brauchen nur den Schnabel aufzumachen. Entsprechend träge, fast flugunfähig vor lauter lebendem Futter, scheinen sie die jungen "Pinguini", wie die italienischen Kabinennachbarn sagen, nur aus Spaß hin und her zu scheuchen.
Wir werden dann auch an Bord zurückgescheucht. Zwecks Lunch und Weiterfahrt nach Süden, tief in den McMurdo Sound, zur amerikanischen Forschungsbasis und vor allem zu Scotts Discovery Hütte. Auf dem Weg durch die Ross See werden wir jenem gigantischen Eisberg mit dem hübschen Namen B 15 passieren, der erst kürzlich durch die Presse ging, weil er den Pinguinen einen Umweg von 70 Kilometern bescherte. Das böse Ding. In der Ferne liest man das und denkt wie immer: Scheiße, Weltuntergang. Ozonloch, Polarschmelze. Vor Ort sieht die Sache wie so oft wesentlich entspannter aus. Erstens treiben hier etliche Eisgiganten rum. Zweitens, so ist das nun mal mit Gletschern: Sie kalben. Drittens ist das Ross-Schelfeis, dem der B 15 entspringt, ungefähr 1,5-mal so groß wie Deutschland. Kein Grund zur Aufregung, hab ich mir gedacht. Höchstens ab und zu mal dran denken, wie monströs mickerig man eigentlich ist. Das klappt in der Antarktis allerbest.Auf anderen Social Networks posten:
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