Von Ole Helmhausen
Philip Klausen ist wie diese Küste: naturbelassen, etwas rau an den Kanten und nicht sonderlich geschäftstüchtig. In Riverton, einem Weiler in den Tälern wenige Kilometer landeinwärts von Bandon, baut er Möbel aus Myrtlewood, einem lorbeerähnlichen, nur hier in der Südwestecke Oregons vorkommenden Baum. Beim Betreten seiner dusteren Werkstatt muss man rufen, und wenn der Alte da ist, kommt er nach einer Weile. Vielleicht. Er wird nicht gern gestört.
Abendstimmung an Oregons Küste: "Der Strand rettet unsere Seele"
Sein Meisterwerk, ein zehn Meter langer, aus einem Stück geschnitzter Tisch, steht mitten im Laden, Kostenpunkt: schlappe 30.000 Dollar. Seit zehn Jahren sucht er einen Käufer. Auf die Frage, ob es in dieser Preisklasse überhaupt noch Interessenten gäbe, raunzt er, ja doch, die gäbe es schon. Und dann taut ein Schmunzeln seine Miene auf, und plötzlich wirkt er 30 Jahre jünger. "Ich weiß nur nicht, wie ich das verdammte Ding wieder aus meiner Werkstatt heraus bekomme."
Oregons Küste liegt über der von Kalifornien, doch damit hört die Ähnlichkeit auch schon auf. Kaliforniens Küste ist schön und berühmt. Die von Oregon ist nur schön. Den Sprung in die Promi-Klasse hat sie nie geschafft. Weil man hier nicht im Meer baden könne, sagen manche. Wenn's nur das ist, sagen andere. Und freuen sich darüber, dass alles so ist, wie es ist, und dass es auch so zu bleiben scheint. Denn Oregon, der US-Bundesstaat in der Nordwestecke der USA, schützt seine Pazifikküste per Gesetz vor Beton. Oswand West sei Dank. 1913 bescheinigte der für seine Zeit ungewöhnlich weitsichtige Gouverneur seinen Oregonians ein Geburtsrecht auf eine naturbelassene Küste und erklärte alle Strände zu Allgemeinbesitz. Deshalb treffen sich Berge, Täler und Meer hier bis heute ungestört im Dunstschleier des Pazifiks.
"Life is a beach"
Steile Vorgebirge mit poetischen Namen wie Cape Arago, Cape Humbug oder Cape Perpetua erheben sich über die schäumende Brandung, schroffe Felsen und Säulen stehen auf einsamen Stränden Spalier. Tolle Aufführungen, und nicht minder spektakulär als die in Kalifornien. Mondäne Resorts und Plätze zum Promi-Gucken wird man vergebens suchen, ebenso wie die Steinofen-Pizza von Wolfgang Puck, ohne die man in Kalifornien nicht mehr leben kann. Stattdessen gibt es hier Fish'n'Chips und viele preiswerte Strandmotels mit Meeresblick - solche, wo man bis zur Tür fährt und die Eismaschine nachts zu laut wummert. An allen anderen Küsten des Landes steht diese Motel-Art auf der Liste der bedrohten Unterbringungskategorien.
"Life is a beach" - die Oregonians nehmen diesen Satz wortwörtlich. Was die jedermann zugänglichen Strände den Oregonians bedeuten, formulieren sie selbst am besten. "Den Eltern eine Lügengeschichte aufzutischen und die erste Liebesnacht am Strand zu verbringen, das ist hier ein Initiationsritus." Lee Gray war früher der Star-Koch von Beverly Hills, doch 1982 kehrte er crazy L.A. entnervt den Rücken. In einer Höhle unweit von Cape Perpetua überdachte er sein Leben und fand seine Bestimmung. Heute wirbt der stattliche Mittfünfziger mit dem Pferdeschwanz im Seebad Lincoln City als tang- und seegurkenverzehrender "Wild Gourmet" für Rohkost aus dem Meer. Fast jeder Oregonian habe, aus welchen Gründen auch immer, schon eine Nacht im Schlafsack am Strand verbracht. "Der Strand rettet unsere Seele." Da ist Gray sich sicher.
Der Schlüssel dorthin ist der Highway 101. Die zweispurige Straße folgt der 570 Kilometer langen Küste von Astoria an der Mündung des Columbia River bis hinunter nach Brookings kurz vor Kalifornien. 70 State Parks schützen die leeren Räume zwischen Weilern und Städtchen, die selten mehr als ein paar tausend Einwohner haben. Niedliche "Espresso Drive Thru's" am Wegesrand, wo nette junge Damen frisch Gebrühtes durchs Wagenfenster reichen und schon mal Tipps für den Absacker am Abend geben, verkürzen die Fahrzeit.
Astoria kommt, viktorianisches Kleinod an der Mündung des Columbia River und auf schmalem Landstreifen liegend. An steilen Hängen stapeln sich die alten Wohnviertel mit ihren bunten Holzhäusern so steil auf wie die in San Francisco. In den Kneipen mag man Volkes Stimme lauschen. Vor der Worker's Tavern unter der Megler Bridge parken die Trucks, drinnen versammelt sich die Kundschaft um eine Theke, über der ein Schild das Motto des Ladens verkündet: "No bullshit. No Dope. No Fights." Die Gespräche, sie kreisen um proletarische Reizthemen, darunter die Preisabsprachen der Kabelgesellschaften und die zugezogenen Kalifornier, die die Immobilienpreise verderben. Touristen dagegen mag man, und jeder ist stolz auf Lewis und Clark, Amerikas beliebteste Entdecker, die vor 200 Jahren hier die Mündung des Columbia River erreichten und mit allerlei Festivals geehrt werden.
Rote Jacke am Horizont
Südlich von Astoria dann Strände, nichts als Strände. Und keiner geht hin. Nicht mal während der Sommerferien - oder halt, doch, da hinten am Horizont, da bewegt sich ein roter Punkt, das ist jemand in einer roten Jacke. Der Sand ist von der Brandung steinhart geklopft und so glatt wie frisch gegossener Zement. Eine Viertelstunde später passt die Jacke noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger. Cannon Beach kommt, das mondäne Seebad zu Füßen der oft dunstverhangenen Coast Mountains, die Ausnahme von der Regel, es nennt sich selbst Oregon's Carmel und besitzt einen der schönsten Strände im Nordwesten.
Dann kommen die State Parks. Einer schöner als der andere. Der vielleicht schönste trägt den Namen des Wohltäters Oregons. Der Oswald West State Park liegt in einer tiefen Gebirgsfalte, Fußwege führen in Serpentinen zum Pazifik hinab. Braungebrannte Boys und Girls zelten dort zu Füßen mächtiger Douglaskiefern, die mehrere hundert Meter unterhalb der Straße liegende Bucht ist ein beliebtes Surfrevier.
Oregons Küste ist eine Art Off-Kalifornien. Der Golden State produziert kassenträchtige Blockbuster, Oregon dagegen kleine, aber feine Low-Budget-Produktionen. Auch Beach Life wie in Süd-Kalifornien gibt es hier nicht. Das allein reduziert die Zahl der Besucher dramatisch, trennt die Großfamilien von den Einzelgängern und die Spaß- von den Sinn-Suchern. Wer den Highway Nr. 101 unter die Räder nimmt, weiß warum. Ruhe, Fernblick, Luft zum Atmen, in Manzanita - 810 Einwohner - genießt man das ein paar Schritte vom Stadtzentrum entfernt.
In Nehalem und Wheeler, zwei Nestern an der Mündung des Nehalem River, wo das Leben noch auf der Main Street stattfindet, signalisieren blank polierte Bierreklamen aus den fünfziger Jahren Innovationsresistenz. Dunkle Kaschemmen, wo Touristen naserümpfend auf der Schwelle umkehren, locken halbherzig mit "famous chicken". Flugblätter in Ladentüren laden zur Gemeindeversammlung. Im Tillamook Valley grasen glückliche Kühe auf dicken, grünen Matten, der Besuch der Tillamook Cheese Factory, wo man den Käsern über die Schulter schauen darf, ist obligatorisch. An der Theke des Rogue Ales Public House, einer Kneipe im alten, ungeschminkten Hafenviertel von Newport, haben verdiente Trinker mit Namenschildchen ausgezeichnete Ehrenplätze. In Yachats, einem hübschen Nest zu Füßen des mächtigen Cape Perpetua, nimmt eine Fischersfrau am Straßenrand Tunfische aus, die Innereien fließen über die Straße ins Meer zurück.
Es wird voll am Strand
Dahinter beginnen die schönsten 36 Kilometer Küste, die Oregon zu bieten hat. Wild und gänzlich unbewohnt, stürzt sie sich immer wieder Hunderte Meter tief in den Pazifik. Die Nr. 101 öffnet Leuchttürmen, die eitel auf dunklen Felsvorsprüngen posieren, den Vorhang und Seelöwen, die faul auf Felsen über der Brandung dösen. Südlich von Florence beginnt die - noch einsamere - Südküste. Die seit ein paar Jahren stagnierende Holzindustrie und die mit Quoten belegte Lachsfischerei haben diesem Abschnitt eine Rezession beschert, die der hier nur zögernd in Gang kommende Tourismus nicht lindern kann.
Die Einheimischen jedoch nehmen es gelassen. Das Städtchen Bandon liegt kurz vor Kalifornien und ist so schön wie Cannon Beach, aber nur halb so angestrengt. Philip Klausen geht hier hin und wieder einen trinken. Nachher wandert er über den Strand und schaut sich die Sonne an, wie sie zwischen den Basaltfelsen, die auf dem Strand herumstehen wie vergessenes Spielzeug, untergeht. Keine Menschenseele stört die Andacht. Oder doch: Aus dem Dunst schält sich ein Reiter heraus. Es dauert eine Weile, bis er so groß wie der Daumennagel ist. Es wird voll.
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