Anchorage/Girdwood - Bei der Auswahl des Ziels für einen Winterurlaub steht Alaska nicht gerade hoch im Kurs. Unerträglich kalt, stürmische Winde und immerwährende Dunkelheit am Polarkreis - so lauten die gängigen Klischees. Doch abgesehen von den wirklich wenig einladenden grauen Dezember- und Januarwochen bietet der größte Bundesstaat der USA bemerkenswerte Bedingungen für den sportlichen wie auch den geruhsamen Aktivurlauber. Richtig gemütlich wird es in den für den Wintersport idealen Monaten März und April. Bei Temperaturen um oder etwas über dem Gefrierpunkt ist der Tag 14 Stunden lang und bietet beste Bedingungen für vielfältige Aktivitäten.
Alaskas einziges alpines Skigebiet liegt auf einer für europäische Verhältnisse geradezu lächerlichen Höhe zwischen 80 und 800 Meter, doch der Mount Alyeska muss keinen Vergleich scheuen. 15 Meter Schneefall im Jahresdurchschnitt waren sogar für den Internationalen Skiverband FIS Grund genug, 1973 hier einen Weltcup-Riesenslalom stattfinden zu lassen.
"Vor unserer Abreise haben wir uns gefragt, was sollen wir in dieser Eiswüste", erinnert sich Hansi Hinterseer. Der heutige Volksmusikstar aus Österreich gewann hier sein erstes Weltcuprennen und schwelgt noch gut drei Jahrzehnte später in Erinnerungen: "Man schwingt immer auf den Turnagain-Meeresarm zu. Auch das Licht verströmt eine spezielle Atmosphäre. Mit etwas Glück kann man nachts sogar Polarlichter beobachten."
Mit Blick auf den Pazifik
Girdwood, eine knappe Autostunde von Anchorage entfernt, ist idealer Ausgangspunkt für viele Wintersport-Angebote. In die Gemeinde mit den typischen Holzhäusern gelangt man über den Seward Highway, als "America's Most Outstanding Scenic Byway" ausgezeichnet. Von fast jedem Punkt der von neun Liften erschlossenen 68 Abfahrten hat man einen Atem beraubenden Blick auf den Fjord-ähnlichen Turnagain-Arm des Pazifischen Ozeans. Skifahren in den Abendstunden ist ein besonderes Vergnügen, wenn die Sonne die Berggipfel in violette Farbtöne taucht.
Apres-Ski ist sowohl bodenständig mit einer Flasche Bier und Steaks vom Grill als auch im Gourmet-Restaurant möglich. Beim in Alaska fast schon unvermeidlichen Lachs oder einem Karibusteak lässt sich der Blick auf die sieben umliegenden Gletscher genießen.
Der gebürtige Berliner und in Garmisch-Partenkirchen aufgewachsene Chris von Imhof hat es am anderen Ende der Welt weit gebracht. Als Leiter des Fremdenverkehrsamtes von Alaska baute er das Skigebiet aus und ist nun dessen Chef sowie General Manager des angeschlossenen "Alyeska Prince Hotel". Eine moderne Kabinenbahn bringt die Skifahrer fast aus der Hotellobby auf den Berg.
Wer es weniger nobel mag, ist trotzdem bestens versorgt: Auf einem Felsvorsprung mitten im Skigebiet lassen es sich zwei Männer gut gehen, die problemlos in einem Dokumentarfilm über die Hippiezeit mitspielen können. Dave und Steve bieten allen, die vorbeikommen, Getränke und Gegrilltes auf selbst gebastelten Sitzgelegenheiten an.
Malamuts für Hobby-Musher
Gut verpackt kann der Urlauber auch mit Schlittenhundegespannen ausfahren. Acht "Alaskan Malamuts" werden von erfahrenen Mushern gelenkt, doch auch der Urlauber kann bei der rasanten Fahrt das Kommando über die hochintelligenten Hunde übernehmen. Eine halbstündige Fahrt ist für die Tiere übrigens noch nicht einmal ein geeignetes Aufwärmprogramm: Beim härtesten Schlittenhunderennen der Welt, dem 1860 Kilometer langen Iditarod Trail von Anchorage nach Nome, brauchen die schnellsten Gespanne zehn Tage.
Bei zwei Skifahrern aus Alaska hat das Training mit Meerblick am Mount Alyeska Früchte getragen. Tommy Moe gewann bei den Olympischen Winterspielen 1994 im norwegischen Lillehammer Abfahrts-Gold. Hillary Lindh holte sich 1997 bei der WM in Sestriere/Italien den Abfahrtstitel.
Kondition und Können sind auch beim Heli-Skiing gefragt, für das Alaska geradezu uneingeschränkte Möglichkeiten bietet. Nach eingehender Einweisung über Schneelagen und daraus resultierende Lawinengefahren geht es in einem Helikopter - zusammengepfercht mit drei Mitfahrern, dem Ski-Guide und dem erfahrenen Piloten - in die weitläufigen Chugach Mountains.
Tiefschnee pur beim Heli-Skiing
Schon der Flug ist ein Erlebnis, doch die Landung auf schmalen Bergrücken lässt auch Frohnaturen ernst blicken: Wenn der Pilot die Maschine landet und die Kufen mit wackelnden Bewegungen in den Schnee gräbt, um dessen Stabilität zu prüfen, hofft der unkundige Insasse aus Mitteleuropa mehr denn je auf die Ortskenntnis seiner Begleiter.
Doch die Ski-Guides sind Profis und verweisen stolz darauf, dass es noch keine Unfälle mit Verletzten gegeben habe. Derart ermutigt, lauscht man umso aufmerksamer den Worten von Nigel, einem ehemaligen Soldaten der US-Eliteeinheit Marines, dessen Anweisungen von "Never" und "Do not" nur so wimmeln. In dieser extremen, unberührten Bergwelt ist es unbedingt erforderlich, auf die Ski-Guides zu hören. Völlig ungefährlich ist es nämlich nicht, das von den Alpen gewohnte Anstehen am Lift gegen Tiefschnee pur einzutauschen.
Allein das Ein- und Aussteigen in den Helikopter ist nicht ohne Risiko: Alle müssen in gebückter Haltung den landenden Hubschrauber erwarten und so verharren, um die Skier und Ausrüstung zu schützen und nicht selbst vom Wind der Rotoren umhergewirbelt zu werden. Jeder muss zwingend in der vom Ski-Guide vorgegebenen Spur bleiben, um keine Lawinen auszulösen. "Wir haben noch keinen ausgraben müssen", sagt Nigel. Den stets mitgeführten Sender zur Ortung im Fall der Fälle hat er selber jedoch schon zwei Mal benutzen müssen.
Mit dem Snowcat über die Baumgrenze
Nach einer Eingewöhnungszeit mit den "Fat Boys" genannten Ski ist das Schwingen durch unberührte Hänge auch für den mittleren Skifahrer eine einzige Freude, weil die breiten Ski verhindern, dass man zu tief einsinkt. "Eine gewisse Grundtechnik und Kondition sollte man aber schon mitbringen", meint Michael Veith, deutscher Vize-Weltmeister in der Abfahrt von 1978. Sonst ergeht es einem wie der in Alaska fast schon legendären Gruppe von Japanern, die sich nur für kurze Strecken auf den Ski halten konnten, um dann immer wieder unter lautem Gelächter im Tiefschnee abzutauchen.
Wer es beschaulicher mag, für den ist die Fahrt mit dem Motorschlitten oder der Snowcat genannten Schneeraupe das Richtige. Bis über die Baumgrenze bringt einen das schaukelnde PS-Ungetüm auf immer neue unberührte Hänge. Selbst Umweltaktivisten haben gegen die - in Europa undenkbare - immer weitere Ausdehnung der Skigebiete nichts einzuwenden. Bei einem Land, dass fünfmal so groß wie Deutschland ist und in dem Tausende Berggipfel keinen Namen haben, geschweige denn bestiegen wurden, haben etwa 550.000 Einwohner genug Platz zum Leben.
Von Marc Zeilhofer, gms
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