Minneapolis - Willard und Marvis Haro haben sich gemütlich eingerichtet draußen auf dem Eis. Ihre knallrote Fischerhütte, die mitten auf dem zugefrorenen Mille-Lacs-See im US-Bundesstaat Minnesota steht, ist mit Herd und Kaffeemaschine, Fernseher und Musikanlage ausgestattet. Der Strom kommt aus dem Generator, und der Gasofen sorgt für bullige Wärme. Bei so viel Komfort ist das Angeln selbst im tiefsten Winter eine entspannte Angelegenheit. Durch zwei Löcher im Boden der Hütte und im Eis darunter lassen die Haros die Schnüre hängen - doch auch wenn die Fische mal nicht anbeißen, verdirbt das den Eheleuten nicht die Laune. "Es macht einfach Spaß, hier rauszukommen und sich zu entspannen", sagt Willard Haro, ein 59-jähriger Bauunternehmer.
Eisfischen ist Kult in weiten Teilen der nördlichen USA - und die beheizbaren und meist aus Holz gebauten Hütten, die dafür entweder auf Kufen oder Rädern hinaus auf die Seen geschafft werden, lassen für einige Monate regelrechte neue Siedlungen inmitten der Natur entstehen. Allein auf dem Mille Lacs gibt es in diesem Winter etwa 6500 solcher Hütten, wie Judy Cane vom örtlichen Tourismusbüro schätzt. Sie gruppieren sich auf dem 530 Quadratkilometer großen See zu Mini-Dörfern an jenen Stellen, wo sich unter dem Eis die meisten Fische tummeln. Schneepflüge räumen Straßen zu den Dörfern auf dem See frei, und entlang der Straßen gibt es sogar Wegweiser und Stoppschilder.
Wie die Haros besitzen viele Eisangler ihre eigene Fischerhütte. Badezimmer und Sitzecken, Teppichboden und Holzvertäfelung, Satelliten-TV und Mikrowelle - an Komfort rund um die Eislöcher herrscht kein Mangel. Aber auch in den Mietshäusern, die den Eisanglern auf dem Mille Lacs angeboten werden, gehören Ofen, Licht, Betten und Tisch zur Grundausstattung. Die preiswertesten sind für rund 50 Dollar (42 Euro) für einen Zwölf-Stunden-Aufenthalt zu haben. Die Vermieter der Fischerhütten sind zugleich für die Sicherheit draußen auf dem See zuständig. Sie bohren die Löcher, kontrollieren die Dicke der Eisschicht, sperren riskante Stellen ab oder bauen kleine Brücken über Sprünge im Eis.
"Es ist mir egal, wenn ich keinen Fisch fange"
Der Mille Lacs, zwei Stunden Autofahrt nördlich der Großstädte Minneapolis und St. Paul gelegen, gehört zu den beliebtesten Zielen der Eisangler in den USA. Der See ist für seinen Fischreichtum berühmt. Zu den rund 40 Fischarten in dem Gewässer gehören Barsche, Hechte und Muskies. Am begehrtesten ist der "Walleye", weil er besonders schmackhaft ist. Allein von dieser Barschart, die im Schnitt etwa 40 Zentimeter lang wird und ein halbes Kilo wiegt, leben rund eine Million Exemplare in dem See. Marvis Harlo erzählt stolz, dass sie einmal einen außergewöhnlich fetten Walleye von mehr als vier Kilogramm am Haken hatte - er landete nicht auf dem Grill, sondern ausgestopft bei ihr zu Hause an der Wand.
Das Eisangeln hat in Minnesota eine lange Tradition, die bis auf die Ureinwohner des Mittelweststaats zurückgeht. Schon die Indianervölker der Sioux und Chippewa fischten an Eislöchern - allerdings mit dem Speer. Heute wird dagegen oft die modernste Technik eingesetzt. Viele Eisangler sind mit Unterwasserkameras ausgerüstet: Der Kamerakopf hängt an einem langen Kabel im Wasser, ein Monitor bringt das Treiben unter dem Eis live in die Hütte.
Doch beim Eisfischen ist das Fischen nur ein Teil des Vergnügens. Die Ruten sind in der Regel mit einer Rassel bestückt, die Alarm auslöst, wenn ein Fisch anbeißt. Die Angler können sich mittlerweile anderen Aktivitäten widmen - Partys und Kartenspiele sorgen für Stimmung in den Hütten. "Das ist das Aufregende, dass du feiern und zugleich vielleicht einen Fisch fangen kannst", sagt Judy Kane. Für den 63-jährigen John McGraw (Spitzname "Whisky"), in dessen Hütte auf dem Mille Lacs sich bereits an diesem Samstagmittag eine Gruppe von Eis-Nachbarn zum feucht-fröhlichen Gelage versammelt hat, ist das Angeln gar reine Nebensache: "Ich will aus der Stadt weg, ich hasse die Stadt", sagt er. "Ich liebe es hier draußen, und es ist mir egal, wenn ich keinen Fisch fange."
Von Daniel Jahn, AFP
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