Sie ist blond, schön und sie sitzt auf einem Topf voller Gold: Eine Sirene haust im dritthöchsten Wasserfall der Welt und verscheucht alle Neugierigen. Unterstützt wird die attraktive Sagengestalt von einer Riesenschlange - als gigantische Leibwächterin. So zumindest erzählen es sich die Gocta, die Einwohner der Amazonasregion in der peruanischen Provinz Chachapoyas, 700 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Lima.
Als Beweis der mystischen Geschichte ragt ein einzelner grauer Fels in den wuchernden Regenwald. Das sei Juan Mendoza, ein Dorfbewohner, verzaubert von der hexenden Sirene, erklären die Gocta. Es sind Legenden wie die des Juan Mendoza, die dafür gesorgt haben, dass der Wasserfall so lange von der Weltöffentlichkeit unentdeckt geblieben ist.
Stefan Ziemendorff hat sich von der Sirenen-Sage jedoch nicht abhalten lassen. Zusammen mit einem peruanischen Forschungsteam hat der 32-jährige Deutsche bereits vor vier Jahren den verwunschenen Wasserfall inmitten eines Naturreservats entdeckt - und vermessen: Aus 771 Metern Höhe stürzen die Wassermassen in die Tiefe, mehrere Millionen Liter pro Sekunde.
Touristenschwemme im Naturreservat
Damit stellt der Gocta, der nach der Bevölkerungsgruppe der Region benannt wurde, alles auf den Kopf: Bisher rangierten die Yosemite Falls im amerikanischen Yosemite-Nationalpark auf dem dritten Platz in der Liste der höchsten Wasserfälle der Welt. Doch Gocta schlägt seinen amerikanischen Konkurrenten um 32 Meter. "Allerdings mit einem Messfehler von 13,5 Meter nach oben oder unten", betont Ziemendorff.
Für die Top-Position hat es ohnehin nicht gereicht: Der höchste Wasserfall der Welt ist der "Salto del Angel" in Venezuela mit 972 Metern, die "Tugela Falls" in Südafrika belegen den zweiten Platz mit 948 Metern. Trotzdem hoffen die Bewohner der peruanischen Provinz nun auf einen Strom von Touristen, berichtet die spanische Zeitung El Pais. Dafür fordern sie Unterstützung von der Regierung, die für asphaltierte Straßen zum Wasserfall sorgen soll.
Dass die blonde Sirene des Gocta mit dem künftigen Wasserfall-Sightseeing einverstanden ist, darf jedoch bezweifelt werden.
jkr/AP
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