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15.05.2006
 

Südspanien

Kap der enttäuschten Hoffnung

Von Anna Reimann

An der südlichsten Spitze Spaniens haben Surfer und Aussteiger ein kleines Fischerdorf in ihr Paradies verwandelt. Aber Tarifa ist nicht nur das Mekka der Surfer. Für viele Afrikaner bedeutet der Ort das Ende ihrer Hoffnungen auf ein Leben in Europa.

Von Osten aus Richtung Malaga kommend sind sie das erste, was man von Tarifa sieht: Dutzende von Windrädern stehen wie Wachposten auf den Bergen vor dem kleinen andalusischen Ort und drehen sich, mal synchron, mal in unterschiedlichem Tempo. 

In scharfen Kurven schlängelt sich die Straße aus den Bergen an den Windrädern vorbei hinunter zum Meer, zu den Häusern von Tarifa. Wie ein  schlafender Dinosaurier liegt ein Felsblock auf der anderen Seite des Meeres -  ein Vorläufer des Atlasgebirges. Dort, auf der anderen Seite der Meerenge, in knapp 15 Kilometer Entfernung, liegt Afrika.

Am Horizont zeichnen sich schwach die Umrisse der spanischen Enklave Ceuta in Marokko ab, die Lichter der Küstenstadt Tanger schimmern. Ceuta ist oft der erste Anlaufpunkt für afrikanische Flüchtlinge, die versuchen, nach Europa zu gelangen. Doch die meisten Menschen haben keine Chance, die Behörden schicken sie zurück in ihre arme Heimat. Manche von ihnen werden in der Wüste ausgesetzt - ein jähes Ende für die Hoffnung auf ein Leben im reicheren Europa.

In Tarifa hingegen scheint die Freiheit keine Grenzen zu kennen: Mit wehenden Haaren kreuzen Surfer übers Meer und haben die Segel ihrer Boards fest im Griff.

Schweine grunzen vergnügt

Bis Mitte der achtziger Jahre war Tarifa nicht mehr als die Heimat einiger Fischerfamilien - ein Plätzchen am südlichsten Fleck Spaniens, an dem der Wind besonders harsch und kräftig weht. Tarifa liegt dort, wo Atlantik und Mittelmeer aufeinander zutosen. Dann aber sind die Surfer aus der ganzen Welt gekommen, erst die Windsurfer, jetzt auch die Kiter, und haben das Städtchen eingenommen. Surfshop reiht sich an Surfschule, an Cafés und Hostels in der kleinen verwinkelten Altstadt mit den weißgetünchten Häusern. Die engen Gassen, durch die sich oft ein kalter Wind fegt, führen hinunter Richtung Hafen.

Mitten in der Altstadt hat Diana aus Schwerin eine kleine Bar eröffnet, die gleichzeitig eine Galerie ist. "Durch-den-Wind-Sein, so fühlt man sich hier wirklich", sagt sie. Und genau das sei es auch, was ihr hier gefalle. Durchgepustet zu werden, herausgerissen aus dem Trott. "Kontinuität gibt es hier nicht."

Tatsächlich: Das Leben im Sommer ist mit dem im Winter nicht zu vergleichen. Keine Surfer, nur einige Aussteiger harren aus - die Stadt ist wie ausgestorben. Das Leben in Tarifa bestimmt der Wind. Weht der von den Fischern gefürchtete und von den Surfern herbeigesehnte Levante oder Poniente mit bis zu hundert Stundenkilometern über die Strände, bleibt es trotz Sonnenscheins kühl. Ist die Thermik gnädig mit den Bewohnern der andalusischen Kleinstadt, dann leben Mensch und Tier auf. Vor den kleinen Bars sitzen Männer und trinken Jerez-Sherry. Die Wildpferde aus den Hügeln im Hinterland wagen sich aus ihrer Stellung. UndBlumen leuchten auf den Wiesen um Tarifa, und die braunen andalusischen Schweine grunzen vergnügt.

Bunte Farbkleckse im Himmel 

Wer auf der Straße zwischen den sanften Bergen des Hinterlandes und dem Küstenstreifen um Tarifa fährt, sieht bunte Drachen, die sich im Himmel tummeln und sich scharf gegen den Hintergrund der felsigen Klippen abzeichnen: Kitesurfer sind unterwegs. Ihre Segel sehen aus wie Farbkleckse eines expressionistischen Gemäldes. Am Straßenrand wehen die Fahnen mehrerer Surfclubs, Campingbusse stehen vereinzelt am Straßenrand. Aussteiger und Surfer sind aus der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Aber hier und da blitzt das einheimische, ursprüngliche Leben der Südandalusier doch durch. Knorrige Männer, sitzen Bänken und beobachten, in der Hand Zigarren, das bunte Treiben. Das alte spanische Ehepaar, das auf den Stock gestützt die Einkäufe in der kleinen Markthalle erledigt. Die jungen Tarifaner, die sich herausgeputzt an der Hauptstraße tummeln.

Die lieblich-schöne und trotzdem wilde Landschaft, das raue Klima mit heftigen Stürmen einerseits und die vielen Sonnentage andererseits machen den Reiz der Südspitze Spaniens und Tarifas aus. Doch eines ist in Tarifa immer gegenwärtig: Das Meer, ist nicht nur das Revier der Surfer. Es ist die natürliche Grenze zwischen Afrika und Europa - und die wird scharf bewacht. Die Grenze ist von Afrika aus kaum zu überbrücken. Immer wieder werden in Tarifa Leichen angeschwemmt, von Afrikanern, die den Weg bis nach Spanien nicht geschafft haben.

Wenn die Luft diesig ist und den Blick auf die Berge des Atlas an der Küste Marokkos verstellt, wenn der Sturm das Knattern der Hubschrauber übertönt und das Dröhnen der Boote, die die Küste nach Flüchtlingsbooten absuchen, erscheint Tarifa wie das Ende der Welt. Die Schilder am Straßenrand erinnern an das nahe Afrika: "In 35 Minuten bis nach Tanger" - so wirbt ein Reisebüro.

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