Von Carola Padtberg
Der Sage nach entstanden die elf heiligen chinesischen Berge, als ein Riese starb. Er soll mit seiner Axt Erde und Himmel erschaffen haben, und als seine Zeit vorbei war, verwandelte sich sein Leib in die Gebirge der Erde. Vor mehr als 2000 Jahren waren den vielen Körperfalten des Riesen über 300 heilige Berge zu verdanken – heute sind es nur noch elf: fünf taoistische, fünf buddhistische und der Gelbe Berg, der weltberühmte Huang Shan. Die Massive mit ihren Klöstern gelten bis heute als Orte der Besinnung und als Symbole für die Verbindung zwischen Mensch und Natur.
Die Berge liegen über das riesige Land verstreut. Wer die einsame Welt der chinesischen Eremiten kennen lernen will, kann sie nicht einfach so erwandern. Zwölf China-Reisen in vier Jahren unternahmen der Fotograf Karl Johaentges und der Schriftsteller Uli Franz kreuz und quer durch das Land der Mitte, um die abgelegenen heiligen Stätten zu fotografieren. Sie schwankten auf Hängebrücken 800 Meter über schwindelerregenden Abgründen und erklommen in Stein gemeißelte "Himmelsleitern" auf dem Weg zu meditierenden Mönchen und Eremiten.
Johaentges und Franz besuchten aberwitzig an Felswänden hängende Klöster und stiegen die 6600 schweißtreibenden Steinstufen des Tai Shan empor zu der Wohnstatt des Großen Kaisers des Ostgipfels, der dem Mythos zufolge über Geburtstag und Todestag eines Menschen bestimmt. Geradezu lebensgefährlich war der Weg des Teams entlang der nur mit Ketten gesicherten Steilwände des Hua Shan zu den Siedlungen der frühesten Daoisten.
Eine Fülle mystischer Szenen, dramatischer Ansichten und spektakulärer Traumlandschaften haben die Autoren auf diese Weise fotografiert und sie mit Reiseberichten und kulturhistorischen Erläuterungen versehen. Wer chinesische Bergregionen bereist hat, kann mit diesen romantischen Bildern die zwiespältigen Eindrücke, die ein Besuch hinterlässt, für einen Moment vergessen und sich in ein China jenseits der touristischen Vermarktung träumen.
Denn alle elf heiligen Berge Chinas haben auch ein zweites Gesicht als Wallfahrtsorte und Anziehungspunkte für viele Touristen. So etwa der Wudang Shan, Nationalpark und himmlischer Berg der Daoisten im Zentrum Chinas, auf dem Mönche das Tai Chi erfanden und dessen 46 Tempel und Klöster deshalb von Touristen gleich busseweise besucht werden. Ähnlich überlaufen ist der Song Shan in der Provinz Henan - schließlich sollen hier der Zen-Buddhismus begründet und die Kampfkunst Kung Fu entwickelt worden sein.
Zukünftige China-Reisende könnten deshalb durch den Bildeband fast enttäuscht werden. Denn wer sich nicht auf spektakuläre Klettertour begibt, wird die Kulturparks schwerlich so meditativ einsam vorfinden. Die lauten Restaurants und Imbisse, bunten Souvenirläden und fliegenden Händler, Seilbahnen und Lifte, Kampfkunst-Internate und uniform gekleideten Touristenschwärme sind nur im Nachwort erwähnt.
Karl Johaentges, Uli Franz: Chinas Heilige Berge. Frederking & Thaler, München 2005. 192 Seiten, 49,90 Euro
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
| alles zum Thema Bücher rund ums Reisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH