Sonntag, 22. November 2009

Reise



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01.08.2006
 

Ost-Kanada

Volle Fahrt zum Elchfest

Steile Felsküsten, dichte Wälder und verwunschene Fischerdörfer: Die kanadische Atlantikinsel Cape Breton strotz vor rauer Natur. Wer ein Herz für Seehunde, Wale und Elche hat, ist hier goldrichtig. Und auch Whisky-Liebhaber kommen auf ihre Kosten.

Immer wieder diese Schilder. Jedem Kanada-Fan dürften die "moose crossing"-Warntafeln ein Begriff sein. Immerhin steht der stilisierte Elch auf gelbem Grund fast schon symbolisch für das nordamerikanische Land. Doch wer im Sommer über die Highways von Cape Breton Island im Norden der Provinz Nova Scotia fährt und alle paar Kilometer vor "kreuzenden Elchen" gewarnt wird, ohne auch nur je ein Fitzelchen Fell der Tiere zu erblicken, kommt sich schon etwas veralbert vor.

Wurden die Schilder etwa nur für Urlauber aufgestellt? "Nein, nein", beruhigt Ann Robinson ihre Gäste. Dass auf der Fahrt zu ihrer Bed-&-Breakfast-Unterkunft in Bucklaw am Rande des Bras d'Or Lake keine Elche zu sehen gewesen seien, liege nur an der Jahreszeit. Im Sommer zögen sich die Tiere in die Berge zurück. Aber im Herbst seien Elche auch in den Wäldern um den Binnensee zugegen. "Einmal stand einer sogar in meinem Garten", erzählt die Wirtin. Autofahrer sollten die Schilder daher schon ernst nehmen. "Die Tiere kommen unvermittelt aus dem Wald und bleiben mitten auf der Straße stehen." Dadurch hätten sich schon tödliche Unfälle ereignet.

Die schönste Panoramaroute Ost-Kanadas

Wer im Sommer auf Cape Breton Island Elche aus der Nähe sehen möchte, sollte im Cape Breton Highlands National Park wandern gehen, empfiehlt Robinson. Der 950 Quadratkilometer große Nationalpark ist der älteste und größte in den kanadischen Atlantikprovinzen. Einige Dutzend bedrohter Tier- und Pflanzenarten gibt es dort. Der Weg dorthin führt vom zentral gelegenen See-Ort Baddeck bergauf nach Nordwesten über den Cabot Trail, der - wie es heißt - schönsten Panoramaroute Ost-Kanadas. Sie schlängelt sich in Serpentinen an der Felsküste entlang, führt durch schroffes Hochland, durchquert dichte Wälder und passiert kleine Fischerdörfer.

Einige Kilometer vom westlichen Parkeingang bei Chéticamp entfernt beginnt der "Skyline"-Hiking Trail. Die rund acht Kilometer lange Wanderroute ist auch für Anfänger gut zu bewältigen. Allein der Blick über die Täler und auf die Küste ist den Abstecher wert. Adler ziehen ihre Kreise, mit etwas Glück lassen sich Seehunde und Wale beobachten - und tatsächlich auch Elche. Unkundige Beobachter halten die am Hang gegenüber äsenden Elchkühe zwar zunächst für entlaufene Pferde. Doch der Blick durchs Fernglas lässt keinen Zweifel, dass es sich wirklich um zwei weibliche Exemplare der größten Hirschart handelt.

Ein paar Wegbiegungen weiter stolpern die Wanderer fast über das männliche Pendant: Keine 20 Meter entfernt liegt ein Elchbulle wiederkäuend im Dickicht, unbeeindruckt von den hektisch fotografierenden Urlaubern. Hin und wieder bewegt er den Kopf samt der mächtigen Geweihschaufeln, um Fliegen zu verscheuchen. Bis zu zwei Meter groß und 800 Kilogramm schwer können die Tiere werden - verständlich, dass Autofahrer da gewarnt werden. Bei der Rückfahrt nach Baddeck macht sich niemand mehr über die gelben Schilder lustig.

Manche Einheimische sprechen noch Gälisch

Baddeck war einst ein Zentrum des Bootbaus. Heute starten in seinem Hafen Chartertörns. Vom Blick auf den See war offenbar auch Alexander Graham Bell angetan. Der Erfinder des Telefons besaß in Baddeck ein Sommerhaus und experimentierte auf dem Bras d'Or Lake bis zu seinem Tod im Jahr 1922 unter anderem mit dem Bau von Tragflügelbooten. Im Museum in Baddeck sind einige der Prototypen sowie viele weitere Erfindungen Bells ausgestellt.

Um mehr über die Geschichte Cape Bretons zu erfahren, bieten sich von Baddeck aus zwei Ausflüge an: nach Südwesten über den Ceilidh Trail und nach Südosten zur Fortress of Louisbourg. Erinnerte schon die Landschaft auf dem Cabot Trail an die schottischen Highlands, erhalten Urlauber auf dem Ceilidh Trail Gewissheit, dass sie sich in "Neuschottland" befinden: Die Route führt durch altes schottisches Siedlungsgebiet, in dem noch vereinzelt Gälisch zu hören ist und wo bei Festivals schottische Folklore gepflegt wird. Außerdem steht bei Mabou die einzige Single-Malt-Whisky-Destillerie Kanadas.

Dagegen tauchen Urlauber in Louisbourg in die Geschichte der französischen Siedler Cape Bretons ein und können Näheres über das Hin und Her zwischen französischen und neu-englischen Siedlern im 18. Jahrhundert erfahren. Der Ort mit befestigten Hafenanlagen war damals das Macht- und Handelszentrum der Franzosen in der Neuen Welt, heute ist er das größte Museumsdorf Kanadas.

Bei der Rückfahrt nach Baddeck führt die Route durch Whycocomagh, eines der vier Reservate, in denen heute die Ureinwohner Cape Bretons, die Mi'kmaq leben. In einem Laden werden Souvenirs angeboten: geflochtene Körbe, handgefertigter Silberschmuck - und ein ausgestopfter Elchkopf. "Selbst geschossen", sagt der Ladenbesitzer. Die Mi'kmaq sind die einzige Bevölkerungsgruppe, der die kanadische Regierung noch die Elchjagd gestattet.

Felix Rehwald, gms

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