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10.08.2006
 

Hana auf Maui

Shangri-la von Hawaii

Von Ole Helmhausen

Knapp zweitausend tradtionsbewusste Einwohner und über 600 Haarnadelkurven schützen ein Südsee-Paradies vor Hotelsilos und unsäglichen Hula-Shows: In Hana im Osten Mauis wird noch Aloha gelebt und uralte Geschichten von Göttern und Prinzessinnen werden getanzt.

Mit Hana ist es ein bisschen so wie mit dem mystischen Shangri-la: Man muss sich ins Zeug legen, um hinzugelangen. Ein Platzregen stürzt vom Himmel, der Nebel vor der Motorhaube ist so dick wie neuenglische Fischsuppe, und die Scheibenwischer korrigieren den Traum von der ewig sonnigen Südsee. Knorrige Eukalyptus- und Mangobäume tauchen auf und verschwinden gleich wieder.

Faule Mangos, in Massen von den Bäumen gefallen und vom Verkehr zermatscht, verwandeln manche Straßenabschnitte in gefährliche Rutschbahnen. Nach diesem Schauer lassen die Wasserfälle des Haleaala-Vulkans es so richtig krachen. So dicht kippen sie ihr Wasser neben der Straße aus, dass man wie durch eine Waschstraße fährt. Selbst das Autoradio ist nicht mehr zu verstehen.


Und so plötzlich, wie dieses Spektakel hinter einer Kurve auftauchte, verschwindet es auch wieder. Ein paar Kilometer später ist die Straße wieder knochentrocken. Lichtspeere dringen durch das dichte Blätterdach, Vögel zwitschern. Sobald die Vegetation zurücktritt, wird einem bewusst, wo man eigentlich ist: 300 bis 400 Meter über dem Pazifik, in einer von über 600 Serpentinen, mit denen sich der schmale Highway No. 360 die Lava-Steilküste im Nordosten von Maui entlang nach Hana schlängelt. Seit 1982 erst durchgehend asphaltiert, bringt er es auf 83 Kilometern auf genau 617 Haarnadelkurven - und auf 57 einspurige Brücken, vor denen der Autofahrer sich mit dem entgegenkommenden Verkehr verständigen muss.

Nix los hier

Mit müden Armen vom Lenkradkurbeln kommt man dann in Hana an der kreisrunden Hana Bay an. Die Prospekte preisen das Dorf als das "letzte Stück des wahren Hawaii", doch am Ortseingang grüßt erst einmal der Wagenpark der städtischen Feuerwehr. In den kleinen Straßen gibt es keine internationalen Hotelketten, keine Fastfood-Franchises, keine Shopping Malls. Das einzige Restaurant der Stadt hat nur an drei Tagen geöffnet. Kaum 200 Hotelbetten gibt es, und kein Haus darf höher als die Palmen sein. Das Verdikt nach der ersten Rundfahrt, die nur zwei Minuten dauert: Nix los hier!

Die Hälfte der Einwohner besteht aus mehr oder weniger reinblütigen Hawaiianern, die Pidgin-English und oft noch Polynesisch sprechen und ihre Gärten in Subsistenzwirtschaft betreiben. Der Rest sind zugewanderte Filippinos, Japaner, Portugiesen, Amerikaner. Ein bunt gemischter Gen-Pool, doch in einem sind sich alle einig: Hana soll bleiben, wie es ist. Doch irgendwas muss es mit Hana auf sich haben.

George Harrison, der hier ein Haus hatte, wird hier nicht umsonst "End of the Line" geschrieben haben: "Well it's all right, riding around in the breeze/Well it's all right, if you live the life you please/Well it's all right, even if the sun don't shine/Well it's all right, we're going to the end of the line.." Hier durfte der Ex-Beatle sein, hier ließ man ihn. Man beschließt, George zu glauben und lässt sich für ein paar Tage nieder. Erst in einer der Jurten im urigen Luana Spa Retreat, später im Hana Hale Malamalama, einem um einen historischen Fischteich herum angelegten Bed & Breakfast.

Vorgarten-Grill für die Touristen

Der zweite Tag in Hana beginnt, wie der erste aufhörte: mit leichten Irritationen. Wo ist es bloß, das "alte Hawaii"? Der Hana Beach Park? Schöner Sand, schöner Strand. Die Wanalua-Kirche von 1838? Ganz nett. Hasegawa's General Store? Der einzige Kaufladen weit und breit, wohl wahr, und mit Insulaner in Badelatschen echt authentisch, aber eine Sehenswürdigkeit? Hatota Tehiva schmunzelt und wendet die Mahi-Mahi-Stückchen auf seinem Rost. Der bullige Hawaiianer hat einen Grill in seinem Vorgarten aufgestellt, bis er das Geld für einen Familienausflug aufs Festland zusammen hat - in Hana ein häufig betriebener Nebenerwerb und für Besucher eine gute Möglichkeit, Einheimische kennen zu lernen.

"Die Weißen suchen Aloha und merken gar nicht, dass sie hier auf Schritt und Tritt davon umgeben sind." Während er die Teller seiner Nachbarn füllt, erklärt er, was es mit Hawaiis bekanntestem Exportartikel auf sich hat. "Aloha ist ein Lebensgefühl, ist die Basis unserer Kultur. Wir leben in Einklang mit der Umwelt, die wir als großen Bruder ansehen, der uns versorgt und schützt, solange wir ihn pflegen und respektieren."

Aloha durchdringe alle Bereiche des Alltags. Den Einkaufswagen bei Hasegawas wieder zurückbringen. Jemandem die Tür aufhalten. Müll aufsammeln, die Kapunas, die Ältesten, respektieren. Etwas pflanzen, Fremde willkommen heißen - alles Aloha. Bewahren und beschützen, für die Leute von Hana sei das keine leere Floskel, sondern Teil ihrer uralten Kultur. "Wir nennen das Malama, seit unsere Ahnen aus Tahiti hier ankamen", sagt Hatota stolz.

Beschämt unternimmt man einen neuen Versuch, Hana auf die Schliche zu kommen. Plötzlich ertrinken Hanas kleine Häuser im Jacaranda- und Bougainvillea-Dickicht. Hunde dösen auf Betten aus Hibiskusblüten. Zu den schönsten Stellen Hanas muss man sich durchfragen. Kein Schild verrät, wo sie zu finden sind.

Der Weg zum Kaihalulu Beach zum Beispiel. Er führt von der Sackgasse neben dem Gemeindezentrum durch ein Loch in der Hecke zunächst zu einem verlassenen japanischen Friedhof. Von dort aus rutscht man eine steile Böschung hinunter, bis man einen schmalen Pfad erreicht, der über der donnernden Brandung zu dem von schwarzen Lavawänden umgebenen Strand aus roter Asche führt.

Knochen von Pele

Durch Wellenbrecher aus Lava vom Pazifik geschützt, ist das Wasser der Bucht kobaltblau und ein Paradies für Schwimmer und Schnorchler. Ein paar Minuten außerhalb liegt, auch er nicht ausgeschildert, der Hamoa Beach, Teil eines erodierten Aschekegels, dessen zerfetzte, überall herumliegende Lavabrocken von den alten Hawaiianern Kaiwi O Pele (Knochen von Pele) genannt wurden. Doch wo einst die Götter aufeinander einprügelten, liegt heute einer der schönsten Sandstrände des Hawaii-Archipels, ein herrliches Revier für Schwimmer und Surfer.

Selbst zur größten historischen Attraktion der ganzen Insel gelangt man nicht, ohne zuvor gründlich nachgefragt zu haben. Die Kahanu Gardens, ein weitläufiges, der schwarzen Steilküste zulaufendes Gelände mit Kokos-, Pandanus- und Bambuswäldern, beherbergen die Reste des größten Tempels Hawaiis: Im 14. Jahrhundert errichtet, ist der Pi'ilani-hale Heiau noch heute 15 Meter hoch. Über ein Gatter steigen muss schließlich, wer Hana von oben sehen will. Das Fagan Memorial, ein Kreuz zu Ehren des 1960 verstorbenen Gönners Hanas, liegt auf einem Hügel hinter der Stadt, zu Füßen des wolkenverhangenen Haleakala. Der Weg dorthin führt zwischen grasenden Kühen - und ihren duftenden Hinterlassenschaften - hindurch.

Hula erzählt Geschichten von Prinzessinnen

Abends im Hotel Hana-Maui tanzt Auntie Carol. Carol ist über 70 und Leiterin einer der beiden hiesigen Hula-Schulen. Hula, haucht sie schüchtern ins Mikrofon, sei Poesie in Bewegung, eine Spiegelung der Schönheit ihrer Heimat. Und sobald Trommel und Ukulele erklingen, wird sie eins mit Mutter Natur. Ihr Körper wiegt sich wie die Palmen im Wind, ihre geschmeidigen Hände erzählen Geschichten, ihr Lächeln verzaubert die Gäste. Malama Maui, Maui beschützen und bewahren, nirgends wird die Liebe der Insulaner zu ihrer Heimat deutlicher.

Später holt Auntie Carol den General Manager Doug Chang auf die Tanzfläche, und dieser wiederum nötigt die Rezeptionistin, eine Köchin und zwei Kellner zum Hula. Mit wunderschönen Bewegungen erzählen sie bis spät in die Nacht uralte Geschichten von Göttern, Halbgöttern und Königen und Prinzessinnen. Erst nach Mitternacht löst sich die Veranstaltung langsam auf. Mit Hula à la Honolulu hatte das alles nichts zu tun. Aloha, sagt Auntie Carol zum Schluss, sei Geben ohne Nehmen. Die übrig gebliebenen Gäste sehen aus, als hätten sie etwas verstanden.

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