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30.08.2006
 

Höhlentauchen in Mexiko

Menschenopfer für den Wassergott

Vorbei an skurrilen Kalkformationen, über gähnende Abgründe und begleitet von schillernden Fischen - Tauchen im unterirdischen Labyrinth der Yucatán-Halbinsel ist ein einmaliges Erlebnis. Autorin Alexandra Frank ist in die mythische Welt des Wassergottes Chac eingedrungen.

Der Weg zum Eingang in die Unterwelt ist lang und steinig. Der Kleinbus ruckelt und hüpft über den schmalen Geröllweg und seine Insassen – Fahrer, Führer und sechs Touristen – werden ordentlich durchgeschüttelt. An Schlaf ist nicht zu denken, denn wer nicht aufpasst, fliegt gegen die Wagenwände und erntet blaue Flecken.

Aber Stefan, der sich trotz deutscher Herkunft selber "Guide" nennt, hatte alle früh aufmarschieren lassen. Von Carmen del Playa, einem belebten Ferienort an der Ostküste der Halbinsel Yucatán, bis zu den Eingängen in die Unterwelt, den Cenoten Dos Ojos, sind einige Kilometer zu bewältigen. Wer nicht früh aufsteht, kann laut dem Führer vor lauter anderen Tauchern und Schnorchlern kaum etwas von den unterirdischen, wasserdurchfluteten Höhlen sehen.

Bei Ankunft im Dschungel wird schnell klar, warum diese Cenoten "Dos Ojos", auf Deutsch "zwei Augen", genannt werden. Türkis-blau luchsen sie aus dem grünen Dickicht, wenngleich an weit mehr als zwei Stellen. Wie Lider spannt sich die Höhlendecke über das klare Türkis, Baumwurzeln und Äste der Dschungelpflanzen hängen wie Wimpern über dem Wasser.

Alleingänge sind lebensgefährlich

Während seine Gruppe in schwarze Neopren-Anzüge schlüpft, gibt Stefan letzte Anweisungen: Immer in seiner Nähe bleiben, nur in Bereichen, wo Tageslicht einfällt, alleine ein paar Runden drehen, niemals alleine in die dunklen Tunnel schwimmen. "Höhlentauchen ist viel gefährlicher als Hochseetauchen", sagt der gebürtige Duisburger warnend und verteilt Lampen, die den Tauchern unter Wasser die Sicht ermöglichen sollen. "Unter der Erde erstreckt sich ein gigantisches Labyrinth aus Höhlen, Gängen und Flüssen." Heraus käme man nur durch die Löcher in den Höhlendecken, die Cenoten.

Einmal hätte ein junges Paar aus Deutschland seine Anweisungen missachtet und wäre ohne Begleitung in einen dunklen Tunnel getaucht. "Nur mit viel Glück haben wir sie wieder gefunden. Hätten sie sich noch tiefer hineingewagt, wären sie vielleicht für immer verschollen geblieben", sagt Stefan und setzt eine Taucherbrille auf.

Ein paar letzte Handgriffe, und schon befindet sich die Gruppe im Wasser - glasklar, 24 Grad Celsius warm und bevölkert von kleinen Fischen, die neugierig auf die schwarz gekleideten Besucher zuschwimmen. Obwohl sich alle an die Anweisungen halten und nahe beieinander bleiben, ist doch jeder für sich allein. Allein in dieser seltsamen Welt, in der nichts als der eigene Atem zu hören ist. Im Tageslichtbereich kann man 80 bis 100 Meter weit blicken, so klar ist das Wasser.

Nun schwimmen die Taucher wie schwerelos zwischen den Stalagmiten und Stalaktiten hindurch, die nach der letzten Eiszeit, als dieser Höhlenraum trocken lag, gewachsen sind und erhalten blieben, als erneut Wasser das Gewölbe durchfloss.

Pieta und Krokodilschwänze

Manche Kalkformationen haben sich bis auf wenige Zentimeter aneinander angenähert, andere ragen wie Krokodilschwänze oder Schnäbel, Pilze oder Tannenzapfen von der Höhlendecke hinab ins Wasser. Rostrotweiß marmorierte Stelen bilden eine bizarre Säulenhalle, in deren Mitte die "Madonna" steht, ein Stein mit runden Ecken und Profil, der mit etwas Phantasie wie die Jungfrau mit dem Kinde wirkt. "Zu gut, um natürlich zu sein, ein wenig zu schlecht, um von Menschenhand geschaffen zu sein", hatte Stefan ihn zuvor beschrieben.

Ein paar Züge weiter tut sich eine neue Höhle auf. Ihre Decke ist gewölbt wie die einer Kathedrale und über und über mit spitzen langen Steinnadeln bedeckt – wie das Innere eines gigantischen Nadelkissens. Auf dem Boden weichen durchsichtig-weiße Garnelen dem Licht der Lampen aus und verschwinden hinter einer der vielen Bodensäulen - baumdicke Stelen, filigrane Spiralen, kunstvolle Pfosten, die aus der Erde ragen.

"Yucatán", hatte Stefan gesagt, "war eigentlich ein urzeitliches Korallenriff. Vor Millionen Jahren hat es sich als Kalksteinplateau langsam aus dem Meer erhoben." Später sei durch Risse im Kalkstein nach und nach Wasser in den Boden eingedrungen, dieses habe Löcher ausgespült, die schließlich zu einem verzweigten Flusssystem unter der Erde wurden, das immer wieder von neuem Regenwasser gespeist wird.

Hinter einem dunklen Tunnel, den die Taucher dicht zwischen Boden und Stalaktiten gedrängt durchqueren, öffnet sich eine weitere Höhle. Wo gerade noch der nahe Boden war, tut sich plötzlich ein metertiefer Abhang auf, über den die Taucher mit ausgesteckten Armen zu fliegen scheinen. Gleichzeitig mag es manchem vorkommen, als grabe er sich durch tiefes Erdreich, zu Füßen von Bäumen, deren Wurzeln aus der Höhlendecke herab wachsen.

Mysteriös wie ein Traum

Vielleicht wird auch hier eines Tages die Decke unter der Last der Büsche und Bäume einstürzen, so dass eine weitere Cenote entsteht. Den Maya waren die Cenoten heilig. Kein Wunder: Das unterirdische Süßwasser war in diesem heißen, trockenen Landstrich, in dem sich kein einziger überirdischer Fluss befindet, lebenswichtig. Die Tempel, Pyramiden und Paläste gigantischer Mayastädte wie Chichén Itzá legte das Volk deshalb dort an, wo Cenoten eine Ansiedlung ermöglichten. In der Tiefe der Höhlen, so glaubten die Maya, lebe Chac. Dem Regen-, Fruchtbarkeits- und Wassergott brachten sie am Eingang zu seinem Reich, dem Rand der Cenoten, Gaben und Opfer dar - sogar Menschen wurden ihm geopfert.

Langsam schwimmt die Gruppe zurück. Das Wasser spiegelt die Lichtstrahlen, die durch Löcher in der Decke fallen, an die Höhlenwände. Grüne, blaue und gold glänzende Fische huschen an den Tauchern vorbei. Noch einmal ist sie erstaunlich präsent: die Stille, die in diesem nur von Tieren bewohnten Palast, in seinen Hallen und Gängen, Kolonnaden und Sälen herrscht. Dann ist der einstündige Ausflug auch schon vorbei. Plötzlich macht sich die Kühle des Wassers bemerkbar, die durch den Neopren-Anzug drängt.

Im Eingangsbereich tummeln sich die Touristen, die sich ins Wasser geworfen haben: Kinder und Frauen, die um die Wette kreischen, Männer, die mit ihren strampelnden, mit Tauchflossen bekleideten Füßen die Erde aufwühlen. Unten, nah über dem Boden zieht eine weitere Gruppe von Tauchern wie ein Schwarm schwarzer Fische vorbei. Und später auf dem Parkplatz, wo der Fahrer belegte Brote und Limonade bereithält, gruppieren sich mehr als ein Dutzend Kleinbusse und Jeeps um den Bus.

Stefan hatte Recht, das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Einen Moment lang fragen sich die Besucher, wie es wohl wäre, wie Stefan die Heimat zu verlassen und als Tauchlehrer in Mexiko zu arbeiten. Immerhin kann er jeden Tag aufs Neue den Frieden und Zauber der Unterwasserwelt genießen. So ruhig wie das All, so mystisch wie ein Traum. Die Welt des Chac.

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