Mittwoch, 10. Februar 2010

Reise



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16.10.2006
 

Fidschi-Inseln

Besuch beim Südsee-Pharao

Von Stephan Orth

Bei den Fidschis denken die meisten an Sandstrände, Palmeninseln und Luxusressorts. Eine komplett andere, aber viel eindrücklichere Welt erleben Besucher eines traditionellen Dorfes wie Bucalevu. Lange stand dort die Zeit still - doch jetzt donnert die Moderne heran.

Bucalevu - Die Trucks kommen jetzt jeden Tag. Schwere gelbe Caterpillar-Walzenzüge und John Deere Bulldozer fahren durch Bucalevu in Fidschis Ra-Provinz auf dem Weg zur Baustelle ein paar hundert Meter weiter. Sie pflastern grauen Asphalt über den braunen Schotter der King's Road, und sie wirbeln sandfarbene Wolken aus trockenem Staub auf. Es riecht nach Teer und Benzin.

Dieser Abschnitt der neuen Straße um die Hauptinsel Viti Levu ist der Letzte, der fertiggestellt wird. In den anderen Gebieten waren die Arbeiter schneller. Von den 850 Bewohnern Bucalevus hält kaum mehr einer inne, um die Trucks zu beobachten, aber viele starren mich an, als ich aus dem klapprigen, blau-weißen "Sunbeam"-Bus steige. 6,20 Fidschi-Dollar, knapp drei Euro, für gut 150 Kilometer von der Hauptstadt Suva. Die Fahrt dauert vier Stunden, die dank überlauter Reggae-Musik und durch den Nervenkitzel beim Überqueren morscher, geländerloser Holzbrücken nie langweilig werden.

"Pass auf, hier sind einige verrückte Fahrer unterwegs", sagt mein Begleiter Joe. Dann schießt mit mindestens 80 km/h und lautem Geschepper ein Pickup-Truck voller rostiger Metallkanister vorbei. Ich huste von dem aufgewirbelten Staub und frage, was in den Kanistern ist. "Müll aus der Plastikfabrik. Sehr gefährlicher Müll, sehr giftig", sagt Joe.

Im Bus war ich der einzige Hellhäutige, und auch in Bucalevu ist es über ein Jahr her, dass ein Weißer zu Gast war. Sofort bei der Ankunft bin ich von Kindern in bunten Shirts umringt, die mit großen Augen jede meiner Bewegungen inspizieren. Sie lachen und rufen "Bula", das bedeutet "Hallo" und gleichzeitig "Leben".

Brot, Zucker, Kawa

Die Tradition verlangt, dass ich zuerst den "Pharao" aufsuche, um mit meinem "Sevusevu" um Unterkunft im Dorf zu bitten. Das "Sevusevu" ist ein Beutel der Volksdroge Kawa aus zerstampften Pfefferwurzeln, dazu bringe ich Lebensmittel aus der Stadt – Lammfleisch, Zucker, Mehl, Brot, Teebeutel und Margarine. Der "Pharao" heißt mit richtigem Namen Josefa Lalaisu und ist der 75-Jährige Dorfhäuptling von Bucalevu. Er weiß nichts von dem Spitznamen, der auf seine strenge, aufbrausende Art anspielt.

Fidschi: Bucalevu liegt auf der Hauptinsel Viti Levu
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Fidschi: Bucalevu liegt auf der Hauptinsel Viti Levu

Als ich ihn das erste Mal treffe, schneidet er in sengender Nachmittagshitze mit einem riesigen Messer Taroblätter von einem Feld in der Nähe des Flusses. Er ist schlank, etwa 1,70 Meter groß, hat kräftige Arbeiterhände mit vorstehenden Adern, einen grauen Dreitagebart und schwarz gefärbte Haare. Dicke runde Brillengläser, hellblaues T-Shirt, karierte grau-weiße Shorts, keine Schuhe. Seine Stimme ist kratzig und heiser, aber laut und voller Autorität. Anders als die meisten Fidschianer, die ich bisher kennen gelernt habe, lächelt er kaum. Chief Josefa spricht kein Englisch, deshalb stellt Joe mich vor und fragt, ob ich ein paar Nächte bleiben darf.

Ich lernte Joe in Suva kennen. Er ist 24, Elektriker, und raucht eine Benson & Hedges nach der anderen. Auf Oberkörper und Armen trägt er selbstgemachte Tattoos aus Linien, Dreiecken, Punkteornamenten und Buchstaben. Nach einem langen Abend mit viel Kawa und Gesang fragte er mich, ob ich das traditionelle Dorf kennen lernen wolle, in dem er aufgewachsen ist.

Sprite-Flaschen neben Bambusbesen

Etwa die Hälfte der Bevölkerung Fidschis lebt auf dem Land, viele davon in Dörfern wie Bucalevu. Die Menschen können sich mit Obst- und Gemüseanbau und Viehzucht selbst versorgen. Für Trinkwasser und Fische sorgt der majestätische Wainibuka-Fluß, zugleich fungiert er als Badezimmer. Aus Bequemlichkeit bringen die Dorfbewohner inzwischen oft Lebensmittel und Alltagsgegenstände aus der Stadt mit.

Das ergibt ein einzigartiges Durcheinander aus alt und neu: Im Haus von Chief Josefa steht neben dem handgemachten Bambusbesen eine Sprite-Flasche, und auf den filigran geflochtenen Pandanus-Matten liegt ein knallrotes Kissen mit der Aufschrift "Sweet Dream". Früher hatten die Häuser spitz zulaufende Strohdächer, doch die gehen ständig kaputt, deshalb wird immer öfter Wellblech verwendet. In Bucalevu gibt es einen Kühlschrank - und nur eine Toilette mit Spülung, neben dem Haus des Häuptlings.

Als Gast sind viele Regeln zu beachten: Auf dem Boden sitzt man im Schneidersitz, jede andere Haltung ist ein Zeichen mangelnden Respekts. Wer zum Baden geht, trägt das Handtuch über dem Arm, nicht über der Schulter. Der Haupteingang des Häuptlingshauses darf nur von ihm selbst betreten werden, alle anderen gehen durch die Seitentür. "Es wird immer schwerer, die Traditionen aufrecht zu erhalten", sagt Joe. "Die Jugendlichen drängen in die Stadt, wollen Fernsehen und HipHop-CDs." Aber manchmal gibt es DVD-Abende im Dorf, 30 Cent für Kinder, 50 Cent für Erwachsene. Wenn nicht der alte Dieselgenerator wieder kaputt ist.

Grog-Shows und Geisterkontakt

Die meisten Fidschi-Reisenden erleben eine komplett andere Welt: Nur kurz bleiben sie auf Viti Levu, um direkt zu den als paradiesisch geltenden Yasawa- oder Mamanuca-Inseln weiterzureisen. Dort wartet preisgünstige Beachresort-Entspannung, "All Inclusive" und mit den traumhaften Palmenstränden aus "Die blaue Lagune". Abends demonstrieren Animateure eine Kawa-Zeremonie als verkitschte Exotik-Show zum Mittrinken.

ZU GAST IN EINEM FIDSCHI-DORF

Das "Sevusevu"- Gastgeschenk ist ein Päckchen Kawa- Pulver für etwa fünf Fidschi- Dollar, erhältlich in kleinen Kawa- Shops in jedem Ort oder in der Markthalle in Suva. Dazu bringt man Grundnahrungsmittel, und zwar mindestens soviel, wie man während dem Aufenthalt selbst verbrauchen würde. Aber lieber großzügig rechnen: Für drei Nächte empfehlen sich zum Beispiel zwei Kilo Lammkeulen, zwei Kilo Zucker, zwei Kilo Mehl, vier Laib Brot, 100 Teebeutel und 250 Gramm Margarine - für umgerechnet etwa zwölf Euro. Im Dorf fragt man als Erstes nach dem "Chief", um ihm das "Sevusevu" zu präsentieren. Viele Dorfbewohner können kaum Englisch, aber sie sind sehr gastfreundlich und wissen, dass man als Reisender nicht jeden Brauch und jede Regel kennt.
Dabei hat Kawa, von den Einheimischen "Grog" genannt, große spirituelle Bedeutung. Die Zeremonie, bei der die Männer um eine geschnitzte Holzschüssel sitzen und reihum aus einer halben Kokosnussschale die erdig-bittere, mattgraue Flüssigkeit trinken, soll eine Verbindung zu den Geistern der Vorfahren herstellen. Traditionell werden Gäste mit einem Kawa-Ritual empfangen. Man erzählt Geschichten, spielt Ukulele und singt, und mit jeder Runde geht es wegen der betäubenden Wirkung des Rauschgetränks etwas ruhiger und langsamer zu.

Chief Josefa fragt, woher ich komme, wie alt ich bin und ob meine Eltern noch leben. Dann segnet er in einem etwa drei Minuten langen Gebet das Kawa-Pulver, das ich mitgebracht habe. Immer wieder kommen die Worte "Bula", "Sevusevu" und "Vinaka" ("danke") vor, den Rest verstehe ich nicht. Als draußen ein schwerer Truck vorbeifährt, muss er die Stimme heben, um nicht übertönt zu werden.

Langsam füllt sich das kaum möblierte Haus des Häuptlings. Die Männer kommen von der Arbeit auf dem Feld oder vom Speerfischen im Fluss zurück. Im Schneidersitz lassen sie sich auf den Bastmatten auf dem Boden nieder, "Grog" wird zubereitet, und jeder scheint gleichzeitig zu reden. Chief Josefa brüllt etwas auf Fidschianisch, das für kurze Erheiterung sorgt, und auch Joe grinst: "Er hat gesagt, 'Seid leise, Europäer mögen es nicht, wenn man laut spricht'."

Draußen donnert ein Bulldozer vorbei.

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