Kreuzfahrt mit der "Easycruiseone": Karibik ohne Extras

2. Teil

Tag drei, St. Lucia

Wandern? Heute? Nach der kurzen Nacht? Viel zu anstrengend. Außerdem liegt der Vulkan in Wolken. Und die schwefeligen Gase, die aus seinem Inneren dringen, stinken schon hier unten auf Meereshöhe durchdringend. Reizvoller erscheint uns die kleine Palmenbucht, die wir beim Vorbeifahren vom Aussichtsdeck erspäht haben. Nur, wie kommt man da hin? "Fragt auf dem Markt nach Jitneys in Richtung Marigot Bay", rät uns Cruise-Manager Neil, "so heißen hier die Sammeltaxis." Auf dem Weg stranden wir in einer Gasse mit unzähligen Garküchen.

Es dampft und raucht und duftet, dicke schwarze Frauen mit Haarnetzen und Schürzen rühren, braten, schnippeln, dämpfen Gemüse, Fisch und Fleisch in riesigen Töpfen und Pfannen. Und weil sie ihre Gäste, egal ob Insulaner oder nicht, allzu charmant an ihre Tische locken - "Sweetheart, komm probieren!", "Mein Engel, ich seh, du hast Hunger!" -, lassen wir uns verführen. Zu einem köstlichen Hühnchen-Curry-Sandwich und einem Shake, gemacht aus einer grünen, stacheligen Frucht, die uns völlig unbekannt ist.

Hinter den Garküchen beginnt der eigentliche Markt. Ingwer- und Yamswurzeln, Papayas, Mangos, Tamarinden und 100 weitere Früchte liegen auf Kisten und Tüchern ausgebreitet, dahinter sitzen Marktfrauen in bunten Röcken, meist barfuß, aber stets mit Hut. Sie schwatzen in lautem Patois, dem englisch-französischen Sprachmix der Insel, und preisen ihre Ware an. Daneben hacken Männer ganze Lämmer in Stücke, Frischfisch wird natürlich auch verkauft. Mit vollen Tüten fragen wir uns schließlich zum richtigen Jitney durch. Quetschen uns neben ebenso bepackte Insulaner und warten. Warten. Warten. Bis das Taxi so voll ist, dass keine Ananas mehr reinpasst.

"Warum stehen die Häuser hier alle auf meterhohen Stelzen?", frage ich unsere Mitfahrer, als wir die Stadt verlassen. Eine lebhafte Diskussion beginnt. "Damit die Kinder unten anbauen können, wenn sie erwachsen sind", meint einer. "Weil weiter oben stets eine kühle Brise weht", ein anderer. "Quatsch, wegen der Fluten in der Regenzeit", ein Dritter. Aha. Nächste Frage: Lohnt es sich, abends zur Straßenparty "Jump-up" nach Gros Islet zu fahren? Alle nicken: klar!

Die Marigot Bay ist keine Enttäuschung: Der Sand puderfein, die Palmen werfen genug Schatten für eine ausgedehnte Siesta. Der "Jump-up" am Abend ist - vor allem laut. Kaum bricht die Dunkelheit über das Fischerdorf herein, beschallen riesige Boxen die Hauptstraße mit ohrenbetäubender Reggaemusik. Menschenmassen schieben sich zwischen Tanzfläche, Rum- Shops und den Fressbuden hin und her, quatschen, essen, trinken, trinken noch mehr. Je später der Abend, umso heißblütiger drücken sich Insulaner und Touristinnen beim Tanz aneinander - Stilnoten werden keine vergeben.

Tag vier und fünf, Barbados:

Auf Barbados herrscht Wochenendstimmung. Kaum haben wir den Cruise-Terminal verlassen, diesmal im Mietwagen, stehen wir im Stau. Ganz Bridgetown scheint an den Strand zu wollen; an die Platinküste, wo sich Luxushotels an Ferienvillas reihen und das Warnschild "Attention, Senior Citizens Crossing the Road" (Achtung, Rentner überqueren die Straße) unmissverständlich klarmacht: Hier, in "Little England", tanken reife, reiche Amerikaner oder Briten Sonne. Wir fahren den Spring Garden Highway weiter nach Norden, irgendwann gibt es keine Hotels mehr, pünktlich zum Lunch sind wir in Speightstown.

Ältere Bauten mit überhängenden Balkonen säumen die engen Straßen, dazwischen stehen einfache Holzhütten. Es gibt einen Picknickplatz mit Meerblick, eine nach Zimt duftende Bäckerei, eine Metzgerei namens "Chicken King", drei Gemüseläden, vier Frisöre, sechs Rum-Bars. Händler und Verkäuferinnen haben ihre Stühle aufs Trottoir gestellt, fächern sich mit Zeitungen Luft ins Gesicht, beißen auf Zuckerrohrstangen und rufen uns nette Dinge wie "Hey honey!" oder "Welcome, angel!" hinterher. Wir sind die einzigen Touristen weit und breit.

Am Sonntagmorgen spazieren wir durch Bridgetown, das im Vergleich zu gestern völlig ausgestorben wirkt. Nur vor der St.-Michaels-Kathedrale herrscht Trubel. Frauen und Männer mit Hut, Kostüm und Gebetbuch unterm Arm begrüßen sich herzlich, glätten ihren ebenso adrett gekleideten Kindern das Haar. Als die Glocken zu läuten beginnen, kommen acht Ministranten in roten Roben aus der Sakristei, einer knipst noch schnell sein Handy aus, dann ziehen sie gemeinsam in die voll besetzte Kirche ein. Die Orgel spielt auf. Ganz kurz überlegen wir, ob wir uns mit hineinsetzen. Die Alternative wäre eine Katamarantour entlang der Küste. Hm. Wir lauschen noch, bis der Chorgesang verstummt, dann kehren wir um zum Hafen.

Tag sechs und sieben, Martinique:

Sechs Inseln in sieben Tagen - klingt nach einer überschaubaren Tour. Doch anscheinend fällt das menschliche Hirn in orangefarbener Umgebung in eine Art Tiefenentspannung, denn spätestens am fünften Tag hat fast jeder an Bord, selbst Tom LaManna, die Orientierung verloren: Waren wir vorgestern im Hafen von Kingstown oder Georgetown? Ist St. Vincent die Koralleninsel oder die mit dem Vulkan? Zum Glück gibt es das Aussichtsdeck und den Whirlpool, um alle erdenklichen Infos auszutauschen: über Inseltrips, Mittel gegen Seekrankheit oder den Familienstand des Kanadiers, der gestern an Bord gekommen ist. Alternative Anlaufstellen sind Neil und Captain Roché - der dauerfröhliche Ire an der Rezeption und der charmante Brite, der abends, wenn er die "Easycruiseone" in ruhiges Fahrwasser gesteuert hat, stets an der Bar vorbeikommt. Beide touren seit Jahren durch die Karibik. "Der perfekte Tag auf Martinique? Frühstück mit Croissants auf der Place de la Savane in Fort-de-France, mit der Fähre übersetzen zu den Stränden der Pointe du Bout, ausführliches Shopping in den Boutiquen, dann mit dem Taxi zum Diner in die Bucht von Grande Anse." Und wo liegt der schönste Strand der Karibik? "In Mexiko, aber da kommen wir leider nicht vorbei."

Welche der Inseln uns am besten gefallen hat? Schwer zu sagen. Eine weitere Woche wäre ideal, um das nachzuholen, was wir bei der ersten Inselrunde verpasst haben. Doch am Hafen von Fort-de-France, Martinique, geht schon die Sonne unter, Captain Roché macht sein Schiff klar zum Auslaufen. Wir verlassen die Gangway. Die elenden Palmen winken im Abendwind. Die "Easycruiseone" zieht weiter.

Text aus dem Geo-Saison-Heft "Mallorca" 9/2006

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  • Datum: Montag 23.10.2006 | 06:02 Uhr
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