Nashville - "In meinem Alter ist das Bücken etwas schwierig", lacht Little Jimmy Dickins heiser, dann räuspert er sich und geht vorsichtig in die Knie, um zärtlich nach den ausgestreckten Händen seiner weiblichen Fans vor der Bühne zu greifen. "Klein, aber immer noch laut" ist Jimmys Devise mit 86. Der winzige Countrysänger aus West Virginia trägt seine 1,25 Meter auch heute - nach 58 Jahren im Geschäft - noch stolz zur Schau: die kurzen Hosenbeine seiner schwarzen Kluft sind mit Pailletten verziert, die Jacketkronen strahlen, und seine Gitarre und der wagenradgroße Cowboyhut gehören ebenso dazu wie seine launigen Witze und die Stiefel aus Krokoleder.
Jimmy Dickins ist eine Ikone der Country-Hochburg Nashville. "Man merkt, dass man alt wird, wenn der Herzschrittmacher beim Anblick einer Bikini-Schönheit beschleunigt und das Garagentor öffnet", sagt Jimmy schmunzelnd und beginnt zu singen: vom Leben, von der Liebe, von Gott und der untergehenden Sonne in Tennessee. Dickens ist eine von vielen Attraktionen der rumpelnden Country-Show, die jeden Dienstag, Freitag und Samstagabend die Opry-Konzerthalle füllt und vom Radiosender WMS seit 81 Jahren live übertragen wird. Die amerikanischen Volksmusikanten geben sich das Mikrofon in die Hand und sagen sich gegenseitig mit blumigen Worten an.
Patriotismus, Religion, Country-Musik
"Connie Smith ist eine unserer besten, schönsten und tollsten christlichen Country-Sängerinnen", verkündet Jimmy. Die so gerufene Platin-Blonde in engen Jeans schält sich aus dem Backstage-Schatten, küsst Jimmy und stöckelt ins Rampenlicht. Ein Strass-Kreuz glitzert über dem gut gefüllten Dekolleté. Kein Zweifel: Tennessee ist Teil des "Bible-Belts" - des strenggläubigen Gürtels - der den Süden der USA fest umspannt. Die Show in der Opry ist entsprechend konservativ, gespickt mit patriotischen Parolen, Gebeten, Flaggen und reichlich Zuwendung für im Irak kämpfende GIs.
Fast immer sind die 4400 Sitzplätze in der holzverkleideten Konzerthalle vor den Toren der Stadt ausverkauft. "Diese älteste Live-Radio-Show hat Nashville erst zum Country Mekka gemacht", erklärt der Vizepräsident und Manager der Opry, Pete Fisher. "Es begann im November 1925, als die Lebens- und Unfallversicherung mit dem Kürzel WMS (We Shield Millions - Wir beschützen Millionen) in ihrem Büro im fünften Stock einen Volkstanz organisierte, Musiker anheuerte und das ganze im Radio übertragen ließ.
Die Taufe zur "großen Oper" entstand zwei Jahre später aus einer Persiflage auf ein Klassikprogramm des Senders NBC, und der Name blieb. Genauso wie der Sender WMS und die Frequenz auf 650 Mittelwelle, die in Nashville jeder kennt.
"Wenn die Sonne untergeht, senden wir in 38 Staaten, bis hoch nach Kanada, runter nach Louisiana, rüber zur Ostküste und Richtung Westen bis Arizona", sagt Fisher. Die Shows, die von live gelesener Pfannkuchen- und Restaurant-Werbung verschiedener Sponsoren unterbrochen werden, laufen auch im Internet und im Fernsehen. "Country pur" wird dort vorgetragen von wechselnden Interpreten aus dem Mitglieder-Fundus des Opry-Clubs. "Derzeit haben wir 67 Mitglieder", sagt Fisher stolz. "Sie kommen und gehen, aber wir hatten über die Jahre schon mindestens 300."
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