Von Lutz Jäkel
Ausgerechnet am letzten Tag. Bisher lief doch alles so gut. Und jetzt diese Wellen. Die Stabilisatoren, die das Flaggschiff der Reederei Hapag-Lloyd ruhig halten sollen, sind ausgefahren. Die Propeller surren mit ihren 28.000 PS auf voller Kraft und treiben die "Europa" zwar sanft, aber doch mit merklichem Auf und Ab über das Wasser. "Die See ist ein bisschen bewegt," stellt Kapitän Friedrich Jan Akkerman nüchtern fest. "Der Wind kommt hart von Steuerbord. Aber das ist nicht der Rede wert." Einige Stammgäste, denen die See und das Schiff schon fast zur zweiten Heimat geworden sind, sehen das genauso, inhalieren die frische Seeluft und genießen ihr Frühstück hinten, pardon, achtern auf dem Lido-Deck.
Andere Gäste, die den Balanceakt zwischen Reling und Bullauge, Sonnendeck und Swimmingpool nicht so elegant beherrschen und sichtlich anfällig sind für Seekrankheit, sehen das differenzierter. Sie bevorzugen den starren Blick auf den Horizont, der den Magen beruhigen soll. Auch das flauschige Bett in der Suite – wie auf der "Europa" alle Kabinen genannt werden – soll helfen. Aber bitte nur nicht ansprechen oder gar danach fragen, wie es ihnen gehe!
Auch für Galeristen und Künstler ist Wasser allenfalls Teil ihrer Kunst oder etwas, das sie trinken und worin sie baden. Aber es ist nicht das Medium, das ihnen diktieren darf, wann sie ihre Werke präsentieren. Denn genau das wollen sie an Bord des Luxusschiffes, auf dem zum ersten Mal während einer Kreuzfahrt eine Kunstmesse stattfindet, die Europa.art. Zeitgenössische Kunst soll damit solventen und kunstinteressierten Gästen präsentiert werden, von Malerei über Skulpturen bis hin zur Fotografie. Galeristen, Künstler und Kunstexperten reisen mit. Doch das Schwanken des Schiffes bringt das Programm aus Vernissagen, Vorträgen, Workshops und Diskussionen ein wenig durcheinander.
Europa unterm Hammer
Kunst auf der Europa – das ist grundsätzlich nichts Neues. Mehr als 1400 Werke sind ständig an Bord ausgestellt, darunter die Sahara-Landschaften des Malers Heinz Mack und Bilder des Spaniers Segovia. Einige Gäste nennen die Europa deswegen die "schwimmende Galerie". Doch diese schwimmende Galerie soll nun mit der Europa.art Eventcharakter bekommen. Auf der Fahrt von Hamburg nach Lissabon ist Premiere. "Die Vermittlung zeitgenössischer Kunst durch den direkten Kontakt, durch das Gespräch mit den Künstlern im kleinen Kreis, bietet eine ganz neue Form, sich mit ihr auseinander zusetzen", sagt der Kunsthistoriker Bernd Fechner, der Europa.art initiiert hat.
Galeristen und Künstler können jeweils für einen Tag in der 160 Quadratmeter großen Galerie ihre Kostbarkeiten präsentieren. Anschließend stellen sie die Werke in ihren Suiten zum Verkauf aus. Die Passagiere schlendern von Raum zu Raum und gucken mal hier, mal dort hinein. Natürlich können die Gäste auch zusehen, wie Kunst entsteht. H.N. Semjon, Meisterschüler von Georg Baselitz, hat für sich das "Wax painting" entdeckt: Er überzieht Alltagsprodukte mit gebleichtem Bienenwachs. In seinem Atelier auf dem Sportdeck überzieht er für die Edition "MS Europa Wax Paintings" Bilder des Schiffes, die am letzten Abend während der traditionellen Versteigerung der Seekarte unter den Hammer kommen.
Wie in den Bergen
Für Nadja van der Grinten, Galeristin aus Köln, steht zunächst das kommunikative Element der Europa.art im Vordergrund. "Hier an Bord erfährt man eine entspannte Atmosphäre, wie man sie auf Galerien und Kunstmessen nicht hat", resümiert sie. "Hier steht der Verkauf nicht im Vordergrund." Der Schweizer Galerist Christian Roellin sieht das ähnlich. "Es ist ein bisschen wie in den Bergen", sagt er. "Man ist abgegrenzt – und gewinnt dadurch Zeit. Auf Galerien wird gehetzt, gekauft, die Kunstwerke werden eigentlich kaum betrachtet. Das ist der Zeitgeist. Bei der Europa.art dagegen kommt man zum Einzelkunstwerk zurück."
Damit zeitgenössische Kunst nicht nur an Bord zum "Event" wird, steuert die "Europa" Metropolen von kunsthistorischer Bedeutung an. Auf dem Programm stehen unter anderem das Rubenshaus in Antwerpen, der Altar im Dom von Gent und das Centre Pompidou in Paris. In Bilbao müssen die Passagiere sich entscheiden, ob ihnen der Bau des Guggenheim-Museums oder die darin ausgestellten Kunstwerke besser gefallen. Zurück auf dem Schiff können sie die Eindrücke beim Abendessen mit den Künstlern und Galeristen verdauen.
Eine Suite für Wassily Kandinsky
Am Nachmittag hat der Wind etwas abgeflaut, die See ist ruhiger geworden. Die Galeristin Jule Kewenig aus Mallorca dankt es – und ist dennoch froh, wenn die Gäste sich in ihrer Suite nicht allzu lange aufhalten. Der Blick auf den Horizont tut ihr noch immer gut. Eher erleichtert stellt sie deswegen fest: "Die offenen Suiten kommen bei den Passagieren nur zögerlich an. Ich vermute, die Gäste haben eine gewisse Scheu. Oder sie wissen noch zu wenig darüber." Jörg Paal von der Münchner Galerie Thomas dagegen freut sich über jeden Besucher, schenkt ihm etwas zu trinken ein und erläutert die Werke, die er zum Verkauf anbiete. Die Auslage ist beeindruckend: Emil Nolde, Wassily Kandinsky, Gerhard Richter, ein Otto Müller, der für 235.000 Euro zu haben ist. Wem das zu teuer ist, der kann sich auch an einem Pablo Picasso für 195.000 Euro erfreuen. Für den schmaleren Geldbeutel gibt es einen Max Ernst für 35.000 Euro.
Hat Jörg Paal keine Angst, diese Schätze auf dem Bett liegend oder auf das Sofa gelehnt auszustellen – bei geöffneter Kabinentür? "Keine Sorge", lächelt er. "Alles ist gut abgesichert. Außerdem: Würde es nicht auffallen, wenn jemand mit einem Picasso unter dem Arm das Schiff verlassen wollte?" Und hat er schon etwas verkauft? "Nein, bisher nicht", antwortet er immer noch lächelnd. "Wir hatten mit der ersten Europa.art auch keine hohen Erwartungen. Aber das Konzept ist viel versprechend. Denn hier kommt die Kunst zum Besucher, und nicht der Besucher zur Kunst."
"MS Europa" als Gesamtkunstwerk?
Gegen Abend hat sich die See wieder beruhigt, die Stabilisatoren sind eingefahren. Trotzdem finden nur wenige Gäste am Champagnerglas nippend den Weg zur Finissage. War das die erwartete Resonanz? Bernd Fechner antwortet ausweichend: "Diese Reise war ein Experiment. Wir haben gezeigt, dass es funktioniert, jetzt geht es darum, die Kunstreise entsprechend zu bewerben."
Die Europa.art, die zum ersten Mal Ende September stattfand, soll jährlich wiederholt werden, der Termin für 2007 steht, 2008 ist in Planung. Langfristig sollen Häfen angelaufen werden, in denen Ausstellungen und Kunstmessen stattfinden wie die Art Basel Miami Beach oder die Biennale in Venedig. "Dabei wäre es doch toll, das gesamte Schiff mit einzubeziehen", schwärmt Fechner. "Vernissagen in der Europa-Lounge, Videoinstallationen im Club Belvedere, Ausstellungen auf allen Decks… Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt."
Ein Kreuzfahrtschiff als Gesamtkunstwerk. Dann müssen nur noch die kunstinteressierten Gäste kommen. Und die See sollte etwas ruhiger sein.
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