An der Basis der amerikanischen Demokratie
Gus' Vater Joe heute 84-jährig, ist ein wenig schwerhörig, aber wenn er sich mit einer jüngeren Frau unterhält, versteht er jedes Wort. Er hat noch vor ein paar Jahren gearbeitet, zuletzt managte er eine kleine Kleiderfabrik mit 75 Mitarbeitern. "I was always in the rag business", sagt er mit einem breiten Grinsen, denn "rag" bedeutet so viel wie "Lumpen". Auch seine fünf Kinder sind alle etwas geworden. Gus, Joe und Mimi machen in Eiscreme, Diane ist Bibliothekarin und Conny im Finanzgeschäft. "Wir lieben es zu arbeiten", sagt Conny, "Arbeit ist unsere Leidenschaft."
Den 25. Geburtstag von "Toscanini's" feiern sie mit ihren Freunden und Unmengen von Ice Cream. An der Wand hängt ein Ausdruck der amazon-Geschichte von Helen Epstein. Für Gus ist das so etwas wie eine späte Promotion. "Well done, Gus", sagen seine Freunde, "we love you!" Während Helen eine Eissorte nach der anderen ausprobiert, macht sich Patrick auf den Weg zu einem Town Meeting, einer Kommunalversammlung in der Cary-Hall. Städte wie Boston haben einen Stadtrat und einen Bürgermeister, Orte wie Lexington eine Versammlung und anstelle eines hauptamtlichen Bürgermeisters fünf "Selectmen", die gemeinsam und ehrenamtlich die Gemeinde führen, dazu Komitees für Finanzen, Schulen, Feste, Sozialwesen usw. In den Kleinstädten ist der Anteil der Bürger, die aktiv an der Politik teilnehmen, viel höher als in den großen Metropolen. Wenn man erleben will, wie die amerikanische Demokratie an der Basis funktioniert, muss man nur ein Town Meeting besuchen.
Patrick ist einer von 189 Town Meeting Members, er wurde schon zweimal in die Versammlung gewählt. Sein Spezialgebiet ist Energie und die Frage, wie man Kosten für Energie reduzieren könnte. Er fährt, ebenso wie Helen, einen Toyota Prius, das erste serienmäßige Auto mit Hybrid-Antrieb. Ginge es nach ihm, würden Autos wie der Hummer verboten oder mit extrem hohen Steuern belegt.
Er macht einfach weiter
Energie steht nicht auf der Tagesordnung der Versammlung, es geht vor allem um eine Erhöhung des Schulbudgets im laufenden Jahr von 62.346.492 Dollar auf 63.419.500 Dollar. Bevor die Versammlung die Erhöhung um über einer Million Dollar, die vom Finanzkomitee beschlossen wurde, genehmigt, möchten die Mitglieder der Versammlung wissen, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Tom Diaz, der Vorsitzende des Schulkomitees, erklärt, wie es zu der Situation gekommen ist und warum sie im Frühjahr, als das Budget beschlossen wurde, nicht absehbar war. Es geht sehr gesittet zu in der Versammlung, nur wem "Madame Moderator" das Wort erteilt hat, darf etwas sagen.
Patrick hat eine Frage und stellt sich hinter das Mikrofon im Mittelgang. "Mr. Mehr, please", sagt die Moderatorin. "Thank you, Madam Moderator", sagt Patrick. Er möchte wissen, warum das Schul- und das Finanzkomitee den Schuletat erhöhen wollen, statt die Energiekosten durch entsprechende Umbauten der Gebäude zu senken, was kurzfristig die Ausgaben zwar erhöhen, sie aber langfristig reduzieren würde. "Mr. Mehr, das ist nicht unser Thema!" erwidert Madame Moderator, ohne zu warten, bis Patrick seine Frage beendet hat.
Er setzt nur kurz aus - und wiederholt seine Frage.
"Mr. Mehr, ich habe eben gesagt, Energie ist nicht unser Thema!" ruft Madame Moderator, schon erheblich lauter.
Patrick macht einfach weiter.
"Mr. Mehr, ich rufe Sie zur Ordnung!" Nach dem dritten Ordnungsruf gibt Patrick auf. Zehn Minuten später wird die "Etatanpassung" von der Versammlung mit großer Mehrheit angenommen. Die dafür sind, rufen "aye!", die dagegen sind, "no!" Es kommt nur selten vor, dass einzeln abgestimmt werden muss.
Am späten Abend treffen sich Helen und Patrick wieder zu Hause. Wie war deine Versammlung? fragt Helen. "Really exciting", sagt Patrick, "ziemlich aufregend". "Meine auch", sagt Helen, "das Eis war großartig."
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