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17.12.2006
 

Orang-Utans auf Borneo

Die Gärtner im Paradies auf Erden

Vom spartanischen Flughafen in Pangkalan Bun ist es ein langer Weg ins Affen-Paradies. In einer mehrtägigen Tour mit dem Flussboot geht es über den Sekonyer River tief in den tropischen Urwald. Das Ziel: Camp Leakey, die letzte Zufluchtstätte der vom Aussterben bedrohten Orang-Utans.

Pangkalan Bun - Schwerer Rauch hängt in der Luft. Wie jedes Jahr kurz vor der Regenzeit brennt in Kalimantan der Regenwald. "Aber so schlimm ist es noch nie gewesen, der Monsunregen will einfach nicht einsetzen", sagt Anang. Er arbeitet im indonesischen Teil Borneos als Reiseführer und bringt abenteuerlustige Gäste für mehrere Tage per Boot in den Tanjung-Puting-Nationalpark - dorthin, wo die Orang-Utans leben.

Warten auf Gäste: Schon an der Anlegestelle der Flussboote trifft man manchmal Orang-Utans
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Warten auf Gäste: Schon an der Anlegestelle der Flussboote trifft man manchmal Orang-Utans

Es ist ein langer Weg ins Primaten-Paradies: Vom spartanischen Flughafen in Pangkalan Bun aus geht es zunächst per Auto in das Hafenstädtchen Kumai und dann mit einem Klotok - dem traditionellen indonesischen Boot - in den Dschungel von Zentral-Kalimantan. Schon nach zwei Stunden bewegt sich etwas Rotes in den Baumkronen. "Ein Orang-Utan!", ruft Anang, während der Kapitän das Boot zum Halten bringt.

Im Laufe der mehrtägigen Tour über den Sekonyer River sehen Touristen aber nicht nur die roten Menschenaffen, sondern auch Gibbons, Proboscis-Affen mit markanten Nasen, Krokodile, Fischreiher und Horden von tropisch-bunten Schmetterlingen. In der Nacht leuchten Feuerfliegen in den Palmen, die tropischen Gewächse sehen dann plötzlich aus wie ein Weihnachtsbaum. "In der Regenzeit gibt es natürlich auch unzählige Insekten, besonders Blutegel, die sich überall am Körper festkletten", erklärt der Kapitän. Mit an Bord ist auch ein Koch, der den Gästen in der kleinen Kombüse herrliche asiatische Gerichte zaubert.

Nachts, im Boot, unter freiem Himmel

Nachts, wenn es sich die Besucher auf Matratzen bequem machen und unter einem Moskitonetz in den Schlaf gleiten, erwacht der Regenwald erst richtig zum Leben. "Unter freiem Himmel auf dem Boot zu schlafen ist einfach phantastisch. Nur so hat man andauernd den direkten Kontakt mit der Natur", sagt Carlo, ein italienischer Orang-Utan-Fan.

Vorbei geht es an der "Rimba Lodge", dem einzigen Hotel im Regenwald, während der Klotok immer tiefer in den Urwald Borneos eindringt. Rechts liegt der Tanjung-Puting-Nationalpark, links säumen Bäume und Sträucher das Ufer, aber dahinter ist erschreckende Leere auszumachen: Unkontrolliertes Holzfällen und die daraus resultierenden Waldbrände haben hier alles kahl geschlagen und für Jahrhunderte Spuren hinterlassen.

"Die Situation für die Orang-Utans und den Regenwald ist wirklich trostlos", sagt die Kanadierin Biruté Galdikas, die weltweit bekannteste Orang-Utan-Forscherin. Sie hat im Jahr 1971 die nach ihrem Mentor Louis Leakey benannte Auswilderungsstation Camp Leakey mitten im Nationalpark eingerichtet - das Ziel der Bootsreise.

Von der Anlegestation geht es über eine mehrere hundert Meter lange Holzbrücke hinein ins Camp. Dieses besteht aus einfachen Häusern, in denen die zuständigen Ranger leben, sowie einem Informationszentrum für Besucher. "Männliche Orang-Utans können bis zu 1,50 Meter groß werden und wiegen durchschnittlich 120 Kilogramm", ist da zu lesen.

Bedrohte Art: In der Nähe von Camp Leakey im indonesischen Teil Borneos leben noch Orang-Utans
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Bedrohte Art: In der Nähe von Camp Leakey im indonesischen Teil Borneos leben noch Orang-Utans

Auge in Auge mit den Orang-Utans

Wem die pure Statistik nicht reicht, der hat kurz darauf die Möglichkeit, den "Mann des Waldes" persönlich zu treffen. Nach einem fünfminütigen Fußmarsch versperrt auf einmal Tom den Dschungelpfad. Der ausgewachsene mächtige Menschenaffe mit den typischen Backenwülsten ist auf dem Weg zur Fütterungsplattform, wo die Orang-Utans täglich mit Milch versorgt werden.

Viele Besucher suchen gleich das Weite: Tom ist so eindrucksvoll, dass er unbedarfte Touristen wahrlich das Fürchten lehrt. Dabei sind Orang-Utans keineswegs aggressiv. Allerdings sind die Tiere wahre Meisterdiebe, die sich zwecks Nahrungssuche gerne - und ziemlich unsanft - auf Rucksäcke oder ausgebeulte Hosentaschen stürzen. Tom ist mit Utung unterwegs, einem jungen Weibchen, dessen Hand er beharrlich festhält. "Tom ist verliebt!", ruft eine amerikanische Touristin entzückt.

Besucher können - wenn sie Glück haben - mehr als ein Dutzend der rot-flauschigen Riesen an der Fütterungsstation bewundern. Und auch im Camp befinden sich einige "Dauergäste", die süße Siswi etwa oder die stets etwas gefährlich dreinschauende Unjuk. Die meisten der rund um Camp Leakey lebenden Orang-Utans sind Waisen, die in jungen Jahren von Galdikas gerettet und später ausgewildert wurden. Fast alle Weibchen haben ein Junges dabei, das sich an den Körper der Mutter klammert. Sie sind durchaus in der Lage, sich selbst ihre Nahrung - hauptsächlich Früchte - zu besorgen. Aber viele lassen sich gerne von den Rangern mit etwas Milch verwöhnen.

Da Orang-Utans nur etwa alle acht Jahre ein Junges bekommen und ihr Lebensraum wegen der Abholzung der Wälder und der Brände zunehmend gefährdet ist, ist ihr Überleben seit Jahren bedroht. Wild lebende Orang-Utans könnten Schätzungen zufolge in zehn Jahren ausgestorben sein. "Aber sie sind wichtig für die Artenvielfalt und sie sind zudem die größten auf Bäumen lebenden Tiere der Welt", erklärt Galdikas, die selbst rund zwei Jahrzehnte im Regenwald Borneos gelebt und geforscht hat. "Für mich sind diese wunderbaren Kreaturen schlicht und einfach die Gärtner des Garten Eden."

Von Carola Frentzen, gms

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