Von Leif Kramp
Die Falten auf Jim Birds Gesicht sind tief, doch sein Lächeln ist frisch. Der 79-jährige Rinderfarmer lacht gern und häufig, vor allem über sich selbst. Gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth, die er längst nur noch Lib nennt, und seinem Hund, der pragmatisch "Dog" gerufen wird, hütet er einen mehrere Hektar großen Hof unweit vom Highway 43 nahe Forkland im mittleren Westen des US-Bundesstaates Alabama.
Die Farm mutet an wie die Kulisse eines klassischen Horrorfilms aus Hollywood: Staub schwirrt durch die Luft, die Scheune gleicht löchrigem Schweizer Käse, knorrige Bäume ragen schräg in den Himmel, und überall liegen ausgeschlachtete Autokarosserien und anderer Schrott herum. Hinter dem kleinen blauen Wohnhaus der Birds findet sich ein verwildertes Areal mit Pool, verrosteten Grill und altem Spielzeug, das von lebhaftem Gebrauch früherer Zeiten erzählt.
Alabama ist keine typische Urlaubsregion und bleibt von Touristen größtenteils unbehelligt. Seine Bewohner aber sind umso authentischer und häufig, wie die Birds, auf sympathische Weise skurril. Er schweißt aus Altmetall und anderem Sperrmüll Kunstwerke zusammen. Sie liest währenddessen ein vergilbtes Buch und nippt an ihrem Root-Beer, einer Art Karamell-Brause, die in den Südstaaten eine ganz eigene Tradition hat. Jims übermannshohe Skulpturen aus Blech und Strohballen stehen direkt am Highway und unterhalten seit 15 Jahren Autofahrer und Trucker.
Da jagt ein Stier aus Treibholz eine Torera mit rotem Tuch, die in großen Lettern um Hilfe schreit: "Call 911". Da wird Snoopy im Doppeldecker zum Roten Baron mit Maschinengewehr – das jedoch nicht aus Metall, sondern aus Pappe. Alles wird überragt von einem Blechmann, dessen Herz auf einem Korpus aus Metallbadewannen und einem 5000-Liter-Tank sitzt. Arme und Beine bestehen aus Fässern, der Kopf aus einem Düngerstreuer. Der staubige Feldweg zur Farm wird markiert von einem Verkehrsschild: "Interstate Bird", die Vogelautobahn.
Abstinent durch Blechskulpturen
Woher hat der Vogelmann aber all das Blech? Seit über die künstlerische Leidenschaft des ehemaligen Traktor-Vertreters ein Artikel im Regionalblatt erschien, kann er sich kaum noch vor Schrott retten. Aus den umliegenden Bezirken bringen andere Farmer, Familien, aber auch Unternehmen ihren sperrigen Metallabfall herbei, um Bird neues Arbeitsmaterial zu bringen – und selber die Entsorgungsgebühren zu umgehen.
Birds neuestes Projekt: Er möchte in den nächsten Monaten einen gigantischen Elefanten und einen Tiger im Kampf um einen American Football antreten lassen. Tiger und Elefant deshalb, weil das die Maskottchen der Football-Teams der benachbarten Lokalmetropolen Auburn und Tuscaloosa sind. "Die Dinger haben mich vom Whiskey abgebracht", sagt Bird und muss unwillkürlich lachen, aber nur kurz.
Dann geht es runter zum "Rattlesnake Bend", der Klapperschlangen-Biegung des Tombigbee Rivers. Dort sank vergangenes Jahr sein stolzer Kutter, mit dem er jahrelang an der Weihnachtsparade der Nachbarstadt Demopolis teilnahm. Dieses Jahr dürften sich andere einreiht haben in den langen Zug an Booten, die mit ihren leuchtenden Dekorationen aus Licht-Elfen, mit Girlanden behängten Weihnachtsmännern und sonstigen festlich leuchtenden Motiven den 7500 Seelen-Ort zum Anziehungspunkt für Familien aus dem ganzen Land machen.
Alabama ist mit 136.000 Quadratkilometern ein durchschnittlich großer US-Bundesstaat, hat keine sonderlich bekannten Sehenswürdigkeiten, keine besonders schönen Altstädte, keine Naturwunder. Selbst der Heimatort des berühmten Dummkopfes Forrest Gump namens Greenbow ist ein Hirngespinst. Zumindest stammt Außenministerin Condoleeza Rice aus Birmingham, der größten Stadt Alabamas. Doch wer den Süden der USA kennen lernen und keinesfalls auf die üblichen Klischees vom gemächlichen, bescheidenen Leben Tabak kauender Farmer verzichten möchte, kommt an Alabama nicht vorbei.
"Wir behalten dich im Auge"
Ein klassischer Road Trip über die leeren Highways hat viele Reize: Im Radio werden noch Songs mit Texten wie "She thinks my tractor’s sexy" gespielt. Und als vor einigen Wochen das Studiensemester in der früheren Hauptstadt Alabamas, Tuscaloosa, begann, fand eine Studienanfängerin im historischen Distrikt ein Knöllchen am Scheibenwischer ihres Autos mit dem handschriftlichen Kommentar: "Wir behalten dich im Auge." Die Sheriffs fahren hier noch selbst auf den Landstraßen Streife und halten gerne Autos an, deren Kennzeichen verrät, dass der Fahrer nicht aus der Region stammt. Mit breitem Akzent werden Männer "Son" und Frauen "Mäam" genannt. Und für alles, aber wirklich alles wird sich Zeit gelassen, ausreichend Zeit.
Die ist auch vonnöten, um eines der ungewöhnlicheren Sehenswürdigkeiten des Staates zu entdecken. Eineinhalb Stunden nördlich der Birdschen Farm liegt der kleine Ort Carrollton, der nicht der Rede wert wäre, wenn sich dort nicht das Pickens County Courthouse finden würde, das im Mittelpunkt einer beliebten Geistergeschichte steht.
Im 19. Jahrhundert brannte das Gebäude zweimal nieder. Ein Schuldiger wurde bald gefunden: Der afroamerikanische Kleinkriminelle Henry Wells wurde in der Bodenkammer des neuen Hauses eingeschlossen und musste mit ansehen, wie der wütende Mob an den Türen des Gerichts rüttelte und seine Erhängung forderte. In diesem Moment, so geht die Legende, soll ein Blitz das vor Schreck verzerrte Antlitz von Henry Wells ins Fensterglas gebrannt haben. Das Gesicht ist von innen nicht zu sehen, es gibt auch keinen öffentlichen Zugang zur heutigen Rumpelkammer.
Der langsame Gang von Alabama
Das Haus ist nicht sonderlich gepflegt, die Schritte hallen hohl durchs Gemäuer. Publikumsverkehr gibt es hier nur selten. Wasser tropft in den Toiletten, es mieft nach Abort. Zu erahnen sind die dunklen Flecken, die Wells’ Augen und Mund andeutend sollen, nur aus angemessener Entfernung. Ein unübersehbarer Pfeil lenkt den Blick. Doch die Carrolltoner Bevölkerung ist stolz auf ihr Denkmal in Glas, und wer danach fragt, der bekommt die Geschichte erzählt – in allen ihren Kleinigkeiten und individuell ausgeschmückt mit grausamen Details.
Für diesen kurzen Moment, wenn die Worte nur so sprudeln, ändert sich das Bild vom typischen Alabamian. Doch so leidenschaftlich die Legende erzählt wird: Bald will wieder am Root-Beer genippt werden, und die Aufregung in den Augen des Erzählers weicht wieder jener gutmütigen Gelassenheit. Und plötzlich geht alles wieder seinen langsamen Gang.
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