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22.01.2007
 

Hawaii

Ritt zum Abgrund der Welt

Mit dem Maultier die Klippen entlang, haarscharf an Felskanten vorbei, auf Serpentinen zum Strand hinab. Ole Helmhausen stand auf Hawaii Ängste aus - auf einem winzigen Eiland, das sich die ursprüngliche Kultur und Natur des Archipels erhalten hat.

Molokais Nordküste ist eine monumentale, aus dem Pazifik ragende Felswand. Vom Wasser aus lässt ihr Anblick an eine vergessene Welt denken, nicht umsonst wurden hier Sequenzen für dritte Folge des Dino-Thrillers "Jurassic Park" gedreht. Beim Blick von oben dreht sich einem den Magen um. Um die 500 Meter hoch ist die Klippe, wir erklettern sie per Muli.

Meines hört auf den schönen Namen Lahilahi. Oder auch nicht, jedenfalls reagiert es weder auf Kommandos noch Rippenstöße. Und genau betrachtet, ist das auch ganz gut so. Denn zehn Minuten nach Verlassen der Scheune von Molokai Mule Ride Inc. am Highway 470 hat unsere Gruppe, eine Herde Maultiere mit ahnungslosen Touristen huckepack, den Kalaupapa Overlook erreicht.

Lahilahi fädelt ein, die Mähre macht - das beruhigt doch sehr -dies offenbar nicht zum ersten Mal. Und nun schaukeln wir beide, mit dem Schweif von Keaka vorne und der unaufhörlich furzenden Pili hinten, zum Point of No Return. Die Felskante kommt so unvermittelt, dass der Schock Verspätung hat. Unmittelbar vor Lahilahis Kopf hört plötzlich die Welt auf, stürzt sie in die ziemlich bodenlose Tiefe. Am liebsten würde ich umkehren und Kalaupapa Kalaupapa sein lassen. Aber für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät.

Der Trail, der sich in 26 extrem engen Serpentinen zum Strand hinunterwindet, ist zu schmal für solch ein Manöver. Ich schließe also mit meinem Leben ab, verfluche gehörig die Idee zu diesem Trip und halte mich am Sattelknauf fest. Doch Lahilahi scheint das Leben ebenso zu lieben wie ich. Jeder ihrer Schritte sitzt. Nur an die Kurven, an die mag ich mich überhaupt nicht gewöhnen. Dann hängen Lahilahis Kopf - und meiner, nur höher - ein paar Sekunden über dem Abgrund, während die gute Stute ihre vier Extremitäten sortiert und gemächlich in die neue Richtung stellt.

Schutzgebiet für hawaiianische Kultur

Maultieren sein Leben anvertrauen - nicht gerade ein typisches Hawaii-Erlebnis! Während die übrigen Inseln des Hawaii-Archipels noch immer vom Südsee-Mythos zehren - Palmen, Strände, Hula-Hula - hält sich Molokai, so gut es geht, aus dem Massentourismus heraus. Zwischen den größeren Nachbarn Oahu und Maui liegend, ist es immer schon ein Schutzgebiet gewesen, früher für verbannte Tabu-Brecher von anderen Inseln, heute für die hawaiianische Kultur.

Fast die Hälfte der rund 8000 Insulaner haben hawaiianische Vorfahren, nur 20 Prozent sind eher weiß als braun. Dass sich der Ananas-Produzent Del Monte vor 30 Jahren aus Molokai zurückzog, schadete zwar der Inselökonomie, nahm aber auch das Tempo aus der Überfremdung durch den amerikanischen Mainstream.

Tatsächlich wirkt Molokai auf den Neuankömmling wie ein Stück Südsee aus einem Joseph-Conrad-Roman. Die Propellermaschine der Island Air landet auf einem handtuchbreiten Rollfeld zwischen struppigen Bäumen und vertrocknenden Feldern. Erst das mit einem tiefen Seufzer anfahrende Gepäckband erweckt den Mini-Flughafen zu Leben. An der Straße nach dem Hauptort Kaunakakei erinnert ein Schild mit der Aufschrift “Aloha. Slow down. This is Molokai” daran, das dies nicht Honolulu ist.

Kaunakakei schließlich ist eine schläfrige Angelegenheit aus drei, vier flachen Häuserblocks, die sich an der meist leeren Ala Malama Street festhalten. Es gibt keine, weder hier noch anderswo auf der Insel, Fastfood-Läden, Kinos und Starbuck-Cafés, keine Ampeln, Rolltreppen und hohen Hotelkästen. Tante-Emma-Läden versorgen die Menschen mit allem Notwendigen. Auf den Bürgersteigen zeigen Nachbarn einander ihre Kinder, und das einzige Geräusch ist, neben Getuschel und Gelächter, das rhythmische Klatschen billiger Flip-Flops made in China.

Ein Nachtleben ist abwesend. Nächtlichem Entertainment am nächsten kommt die freitags von 16 bis 18 Uhr auf der Terrasse des Molokai Hotel in Kaunakakei stattfindende Jam Session. Dann versammelt sich dort alles, was eine Ukulele halten kann, zum Schrammeln hawaiianischer Volksweisen. Doch weil die Musikanten meist Kupunas (Senioren) sind, ist kurz nach Sonnenuntergang auch schon wieder Schluss.

Schöne Strände und noch viel mehr

Was also hat Molokai dem Besucher außer Maultieren und einem schläfrigen Hauptort zu bieten? Strände, natürlich. Anders als anderswo im Archipel sind sie jedoch meist leer. Und gelegentlich sogar schwer erreichbar. Wie der Kawakiu Beach, der nur mit Vierradantrieb erreichbar ist. Die besten Strände liegen im Westen der Insel, allen voran der Papohaku Beach, ein fast fünf Kilometer langer und hundert Meter breiter Sandstreifen, der an einen dichten Mezquite-Wald grenzt. Die schönsten Tage des Jahres jedoch nur am Strand zu verbringen, täte Molokai allerdings unrecht.

Im Osten der Insel, die vor den Europäern als “Pule Oo” (ungefähr: wirksames Gebet) bekannt war, weil die Insulaner ihre Gegner angeblich zu Tode beten konnten, liegen die ältesten Siedlungsreste von Hawaii. Bereits um 650 n. Chr. war das Halawa Valley, ein enges, zum Meer offenes Tal dicht besiedelt. Erst in den sechziger Jahren gaben die hier lebenden Insulaner ihre traditionelle Lebensweise auf, doch einige von ihnen sind vor ein paar Jahren zurückgekehrt und rekonstruieren nun das in alter Zeit für die Tarofelder angelegte Bewässerungssystem.

Über die Molokai Visitor Association buchbare Touren unter Leitung von “cultural practicioner” - nach alter Väter Sitte lebende Hawaiianer - führen tief in das immer enger werdende Tal hinein, durch einen immergrünen tropischen Dschungel und vorbei an den Moos überwachsenen Resten uralter Heiau (Plattformen für rituelle Handlungen), Lele (Altäre) und GrabstättenAlibi genannter Adliger.

Nach fünf Kilometern endet das Halawa Valley an einer gewaltigen Felsenwand. Natürlich inspirierte der Anblick der Mouala Falls, die hier in ein 80 Meter tiefer liegendes Becken stürzen, die Altvorderen zu Sagen und Legenden, wie der von der Riesenechse Moo, die allzu leichtsinnige Schwimmer mit Haut und Haaren verschlingt. Und natürlich ist - bis jetzt - noch jeder Besucher so unversehrt wie erfrischt den Fluten entstiegen.

Verbannungsort für Lepra-Kranke

Lahilahi & Co. nicht zu vergessen. Sinn und Zweck der 26-Serpentinen-Übung auf Maultier-Rücken ist der Besuch der Kaulapapa-Halbinsel. Auf der flachen, von Meer und Felsenwänden vom Rest der Insel hermetisch abgeschlossenen Halbinsel ließen die hawaiianischen Könige einst die Lepra-Kranken des Archipels zum Sterben absetzen. So groß war damals die Angst vor dieser als unheilbar geltenden Infektionskrankheit, dass auch Menschen mit harmlosen Hautproblemen nach Kalaupapa verfrachtet wurden.

Die die Landung an der gefährlichen Küste überlebten, wünschten bald den Tod herbei: Kalaupapa, vom Rest der Insel weiter entfernt als der Mond, war die Hölle auf Erden. Junge Frauen wurden von deformierten Männern vergewaltigt, Kinder in Lumpen bettelten um Essen. Es mangelte nicht an Versuchen seitens der Kirchen, für die Verdammten von Kalaupapa zu sorgen, doch erst Vater Damien gelang es, ihr Leiden zu lindern. Er wusch ihre Wunden, baute ihnen Hütten und bettelte überall in Molokai für sie um Nahrung. 16 Jahre wirkte der resolute Priester aus Belgien in Kalaupapa, bis 1889 auch er von der Lepra hingerafft wurde.

Andere Geistliche und Ärzte setzten seine Arbeit fort, und in den sechziger Jahren ermöglichten Fortschritte in der medikamentösen Behandlung die Aufhebung der Quarantäne. Heute lebt noch eine Hand voll Lepra-Kranker in Kalaupapa, das inzwischen aus modernen Häusern mit Satellitenschüsseln besteht. Es steht ihnen frei, diese Fast-Geisterstadt unter Palmen, in der es keine Kinder, keine Schule, keinen Supermarkt und keine Sonnenanbeter an den Stränden gibt, zu verlassen, doch die meisten ziehen es vor, hier zu bleiben, sie haben nie woanders gelebt. Ihr Durchschnittsalter beträgt inzwischen 78 Jahre, Besucher sind gehalten, ihre Privatsphäre zu respektieren.

Spektakulärer Blick auf Molokais Nordküste

Vor der Siedlung satteln diese von den Mulis auf den altersschwachen Bus von Damien Tours um, der sie zum Besucherzentrum und zur schönen St. Francis Kirche bringt. Vor der hübschen St. Philomena Kirche auf der anderen Seite der Halbinsel endet die Tour. Gleich neben der Kirche befindet sich Damiens Grabstätte. Der Blick von hier aus auf die zerklüftete, dunkelgrün überwachsene Nordküste von Molokai ist spektakulär. Irgendwo dort wurden die Anfangsszenen von "Jurassic Park III." gedreht. Fast sieht man die Spielbergschen Flugsaurier durch den Dunst gleiten. Nicht gerade typisch für Hawaii. Doch zu Molokai würde das durchaus passen.

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