Sokotra: An den Hüter der Schönheit

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Flaschenbäume und Wolfsmilchpflanzen

Die gerettete Lagune könnte fast darüber hinwegtrösten, dass sich die Küstenstraße ansonsten wie eine Wunde durchs Land zieht: Schuttberge neben der Straße und eine Bauweise ohne jedes Gespür für landschaftliche Gegebenheiten. Kenner der Insel zuckten die Schultern, als ich meiner Bestürzung Ausdruck gab: Der Präsident habe nun einmal viele Bauunternehmer in der Verwandtschaft und im Freundeskreis, sagten sie. Und auch wegen der Ringstraße rund um die Insel - ein Vorhaben, das alle, mit denen ich sprach, für gigantischen Unsinn halten - sei der Präsident im Wort.

Mir steht es nicht zu, ein jemenitisches Präsidentenwort zu kritisieren. Aber Sie werden es mir nachsehen, dass in mir so etwas wie Beschützerreflexe zucken. Auch, wenn ich von den Plänen für die Hoq-Höhle höre. Der Aufstieg zum Eingang der Höhle an Sokotras Nordostküste ist schiere Verzauberung. Das Wadi mit seinen Flaschenbäumen und Wolfsmilchpflanzen, die sich in zerklüftete Felsen spreizen, muss eine Referenzarbeit aus Allahs Paradiesgarten sein - mit Farbverläufen aus eisenrot oder kupfergrün gefärbtem Kalkstein, mit Tupfern aus Sokotra-Veilchen, Sokotra-Hyazinthen und rotschäumenden Wüstenrosen.

Man spürt die Steilheit des Wegs kaum, auch nicht die Hitze. Man badet in den eigenen Glückshormonen, schaut gelbgrünen Chamäleons in die Schwenkaugen und rotbrüstigen Sokotra-Ammern auf die Flügeldecken. Man ist da und doch in einer anderen Welt, ist bei sich und doch außer sich - ich werde dieses Gefühl in meinem privaten Sprachgebrauch künftig "sokotrisch" nennen. Wie kann es sein, dass ein Landesvater, der einen weltweit fast beispiellosen Schutzplan unterzeichnet hat, nun verspricht, eine Straße durch diesen Wundergarten zu brechen, damit eine Tropfsteinhöhle per Auto erreichbar ist? Das wäre so, als wenn die Schweizer das Wallis planierten, damit das Matterhorn besser erreichbar ist.

Zugegeben: Schönheit kann man nicht essen

Sie, Herr Präsident, verbinden damit wohl die Hoffnung auf mehr Besucher, vor allem solche, die Eintritt zahlen und dafür Beleuchtung erwarten. Aber das wird so nicht funktionieren. Sokotra wird Naturfreunde anziehen, Leute wie mich, in deren Ländern die Erde mit Beton überkrustet und die Natur gekreuzigt wurde. Wildnishungrige werden kommen. Menschen, die den Sokotra-Kormoran sehen wollen und die goldgepuderten Samtblüten der Caralluma socotrana. Menschen, denen im durchzivilisierten Norden der Sternenhimmel abhanden gekommen ist. Beleuchtete Tropfsteinhöhlen gibt es schon mehr als genug.

Aber, Herr Präsident, ich glaube, ich verstehe Ihren Grundgedanken. Die Sokotri, meinen Sie, können von der Schönheit ihrer Insel nicht abbeißen. Wo uns Reisenden auf einsamen Hochplateaus die Seele aufgeht, sehen die Hirten nur karges Land. Und neuerdings ein paar Europäer, die ihre Ziegen fotografieren und die darüber schwebenden Ägyptischen Geier und Wüstenraben. Sehr verschiedene Sichtweisen, das gebe ich zu.

Die Beduinen in den Hochlagen warten sehnsüchtig auf den Regen im November, der uns Besucher vertreibt, die Küstenbewohner ertragen die heißen Stürme von Mai bis September, denen wir uns nie aussetzen würden. Sie alle wollen ein erträgliches Leben, was denn sonst! Und sie freuen sich über die neue Wasserpipeline für einige Bergdörfer, die von Triangle verlegt worden ist, einer französischen Hilfsorganisation.

Myrrhe und Weihrauchbäume

Doch es handelt sich um ein gefährliches Geschenk: Da nun an einigen Stellen genug Wasser aus der Gipfelregion auf die Weiden der Hochebenen fließt, müssen die Ziegen- und Schafherden nicht mehr wandern - und fressen den schütteren Bewuchs bis auf die Wurzeln nieder. Wo bisher Dürre herrschte, droht nun Erosion. In diesem Zusammenhang, Herr Präsident, auch mein Wunsch, Sie mögen Ihre Empfehlung überdenken, die Ziegenherden Sokotras für den Fleischexport auf die Arabische Halbinsel zu vergrößern. Denn schon jetzt bedrohen die Fresskünstler die einzigartige Inselflora - sogar die Drachenbäume, diese urtümlichen Symbolgestalten Sokotras. Es heißt, seit 50 Jahren sei kein Drachenbaum-Schössling mehr nachgewachsen.

Diese Bäume, diese unwahrscheinlichsten Gestalten, die auf Wurzeln stehen, sind das Sokotrischste von Sokotra. Gewachsene Denkmäler längst vergangener Pflanzenepochen. Aufrecht stehende Botschafter. Auf den Kanaren und Kapverden gibt es verwandte Einzelexemplare oder winzige Haine. Aber der Wald oberhalb der Irhir-Schlucht ist wie eine Rückblende in Urzeiten - besonders wenn Wolken durch dicke Astfinger ziehen oder die tiefstehende Sonne die Stämme glühen lässt. Oder diese Felsen, die wie versteinerte Riesenschwämme in ausgetrockneten Wadis liegen; die Gestecke aus Dutzenden Wolfsmilchsträuchern, locker in Schotterhänge drapiert, über die blaue Eidechsen huschen - Augenfutter! Aber wen macht es satt? Jahrhundertelang lieferte der Wald wertvolle Rohstoffe und war darum vor dem Abholzen geschützt. Das Baumharz, das rote Drachenblut, ist wirksamer Blutstiller und Farbstoff zugleich. Solche Stämme ließ man stehen, wie auch die Myrrhe und Weihrauchbäume, ehemals Schatzträger der kostbaren Art.

Heute bieten die blutenden Bäume allenfalls noch einen kleinen Nebenerwerb. Aber welche Möglichkeiten, Geld zu verdienen, gibt es sonst auf dieser nur an Naturschätzen reichen Insel? Die Sokotri sollen erleben, dass den künftigen Besuchern aus aller Welt Landschaften wie die Diksam-Hochebene oder der erdaltertümliche Haghir-Granitkamm etwas wert sind. Sie sollen davon profitieren, wenn an besonderen Aussichtspunkten Öko-Lodges oder einfache Kleinküchen entstehen, Toiletten und Duschen an den Stränden, Parkbuchten an besonders spektakulären Punkten. Bisher allerdings sind die drei Hotels im Zentralort mit sehr bescheidenem Komfort und die Flugkapazität (zwei Flüge wöchentlich zwischen Sanaa und Hadibu) noch eher ein Engpass als ein Einlasstor. Auf Sokotra sagt einem jeder, das werde sich bald ändern.

Tourismus, der die Insel nicht überrennt

Die Gefahr besteht, dass die Sokotri angesichts der neuen Möglichkeiten ihre alten Tugenden vergessen: Die Erfahrung, wie man schüttere Grünflächen beweidet, das Feingefühl, wo man wann wie viel Holz ernten darf - solches Basiswissen überlebt nur bei einem Volk, das zu Fuß sein Land durchstreift. Schon die Achshöhe eines Toyota Landcruiser ist zu weit abgehoben. Die Inselflora, mit einem Drittel endemischer (nur hier lebender) Pflanzen einmalig auf der Welt, kann sich künftig nicht mehr in der Unzugänglichkeit verstecken.

Und so wie die eigentümliche Sprache Gefahr läuft, vom Arabischen verdrängt zu werden, könnte es der ganzen Sokotra-Hirtenkultur ergehen. Ich vermute, Herr Präsident, das empfänden auch Sie als Verlust. Es spricht für Ihr Feingefühl, dass Sie während Ihrer regelmäßigen Besuche auf der Insel die Sokotra-Beduinen hoch in den Bergen in einem Zelt empfangen und sie nicht in irgendeinen Repräsentationsbau nötigen.

Ihr Augenmerk möge weiterhin den Möglichkeiten eines sanften Inseltourismus gelten, der nachhaltigen Nutzung einer Ausnahmelandschaft, der Entwicklung in kleinen Schritten, in einem Tempo, das Mensch und Natur nicht aus dem Gleichgewicht wirft. All das steht sehr klar und richtig in den Entwicklungsplänen: Tourismus, der die Insel nicht überrennt, eine Entwicklung, die das delikate ökologische Netz nicht zerreißt. Und das ist ja der eigentliche Grund meines Briefes: Ihnen zu versichern, dass dieser Plan weltweit Freunde hat, Menschen, die gern Ihre Insel und deren Bewohner besuchen. Nicht zuletzt deshalb, weil ihnen das Wohl Sokotras lieb und teuer ist.

Ich verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr Claus-Peter Lieckfeld

Aus dem "GEO Saison"-Heft  09/2006

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  • Datum: Mittwoch 24.01.2007 | 06:04 Uhr
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