Santiago de Cuba - Trommelklänge hallen durch die schwülheiße Abendluft und mischen sich mit dem schrillen Stakkato Chinesischer Trompeten. Je näher die Victoriano-Garzon-Allee kommt, desto lauter, dichter und eindringlicher wird die Musik. Es ist ein heißer und schneller Rhythmus, der die ohnehin heißeste Stadt Kubas während des Karnevals für eine Woche in einen karibischen Hexenkessel verwandelt: Tausende Menschen sind unterwegs, aus allen Winkeln von Santiago de Cuba strömen sie in Feierlaune ins Stadtviertel Sueño.
Es ist längst dunkel, die brütende Tageshitze ist vorüber. Aber es bleibt das Gefühl, als tanze man in einer Sauna. Eine Mischung aus Dunst, Hitze und Feuchtigkeit liegt wie ein modriges Tuch über der Stadt. Doch die Santiagueros feiern ihren Karneval nun einmal jedes Jahr vom 21. bis 27. Juli und nicht wie die Europäer im kühleren Februar. Es ist ein Karneval, bei dem alles fließt: der Schweiß, der Rum und vor allem das saure kubanische Billigbier.
Santiago, mit mehr als 500.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Kubas, unterscheidet sich krass vom gleichfalls heruntergekommenen, doch vergleichsweise weltstädtisch strahlenden Havanna. Jamaika und Haiti sind Santiago nicht nur räumlich näher als die kubanische Hauptstadt. Auch die Bevölkerungsmehrheit ist hier schwarz, und die turbulente Geschichte Ostkubas hat Santiago zu einem Schmelztiegel afrikanischer, französischer und spanischer Kulturen werden lassen. In Santiago liegen denn auch die Wurzeln der berühmten Son-Musik.
Mekka für Ausgelassenheit: für Touristen unbekannt
Während der Karnevalswoche im Juli sind die Musiktreffs wie die "Casa de la Trova" oder die "Casa de la Musica" im Herzen der Altstadt von Santiago allerdings mehr oder weniger verwaist. Nur wenige Touristen irren durch die Gassen rund um den Parque Céspedes und fragen irritiert, wo denn der Karneval sei. Die Antwort finden sie 1,5 Kilometer weiter östlich im Stadtviertel Sueño. Dort sind auf beiden Seiten der Victoriano-Garzon-Allee Holztribünen zusammengezimmert worden. Die besten Plätze kosten fünf Peso Convertible, das entspricht fünf US-Dollar (etwa 3,65 Euro).
Jeden Abend ab 22.00 Uhr ziehen die Karnevalsgruppen der einzelnen Stadtviertel in einem Wettbewerb tanzend durch diese Straße. Groteske Figuren mit riesigen Köpfen aus Pappmaschee sind darunter, aber auch Hunderte von temperamentvollen Samba-, Rumba- und Salsatänzern, dann große Festwagen, auf denen äußerst sparsam bekleidete kaffeebraune Schönheiten tanzend den Beweis erbringen, dass es Sinn machen kann, Karneval im heißen Juli zu feiern. Die Tänzer werden begleitet von Musikanten, die mit einem enormen Arsenal aufspielen: Bongos, Claves, Tumbadoras, Maracas und weitere Schlaginstrumente aus Holz und Metall. Andere Musiker geben mit Pauken und Trompeten ihr Letztes.
Rund um die zur Bühne umfunktionierte Straße tobt das eigentliche Volksfest mit zahllosen Getränke- und Imbissbuden, mobilen Discotheken und Bühnen, auf denen spät abends bekannte Salsabands auftreten. Getanzt wird überall, mindestens bis 4.00 Uhr morgens.
Noch ursprünglicher und temperamentvoller ist der Straßenkarneval in zwei anderen Vierteln Santiagos: in Trocha und vor allem in Las Olmos. Hier gibt es keine Festwagen und durchchoreografierten Tanzdarbietungen. Stattdessen bilden sich abends so genannte Congas: Hunderte, manchmal sogar Tausende vom Menschen ziehen dicht gedrängt in einem stampfenden Tanzrhythmus durch die Straßen. Trommeln, Schlaghölzer, Rasseln und Glocken peitschen die Menge mit einem afrokubanischen Sound auf. Es ist das Gegenteil von Marschmusik: eine zügellose Party. Wer sich als Tourist in eine solche Conga stürzen möchte, sollte allerdings weder Geld noch Wertsachen dabeihaben.
Ursprünglich ein Fest der Sklaven
Zwei der Karnevalsgruppen Santiagos, die "Carabali Olugo" und die "Carabali Izuama" aus dem Viertel Trocha, sind mehr als 300 Jahre alt. Sie wurden einst von Sklaven gegründet. Am Ende des 16. Jahrhunderts führten die Spanier ihre eigenen Feste und Feiertage in die Kolonie ein. Bei den Karnevalsumzügen, die auch in Santiago zunächst im Februar stattfanden, gingen die Spanier dann vorneweg und verehrten ihre katholischen Heiligen. Ganz am Ende des Zuges durften die Sklaven ihre eigene afrikanische Musik spielen und sich mit abgelegten Kleidungsstücken ihrer spanischen Herren ausstaffieren.
Im Laufe der Jahre wurde das Fest immer größer und länger, bis die Kolonialherren realisierten, dass der Februar auf Kuba eine denkbar ungünstige Zeit ist, um 14 Tage lang die Arbeit ruhen zu lassen - läuft doch in diesem Monat normalerweise die Zuckerrohrernte auf Hochtouren. Also wurde am Ende des 18. Jahrhunderts beschlossen, das Fest erst nach der Erntezeit zu feiern. Die Wahl fiel auf den Juli. Das Karnevalsfest wurde dabei mit dem Feiertag für den Schutzpatron der Stadt, den Heiligen Santiago, am 25. Juli zusammengelegt.
Zu dieser Zeit kamen auch 30.000 französische Siedler, die vor den Sklavenaufständen im benachbarten Haiti Reißaus nahmen, nach Santiago. Auch sie hatten Musikinstrumente im Gepäck. Und nachdem die Sklaverei später auch auf Kuba abgeschafft war, holten die Plantagenbesitzer Tausende von chinesischen Kontraktarbeitern ins Land, die für einen Hungerlohn auf den Feldern schufteten. Diese Gastarbeiter wiederum brachten die Chinesische Trompete mit, die bis heute eine unüberhörbar wichtige Rolle in Santiagos Karneval spielt.
Georg Alexander, gms
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH