Kamele in Dubai: Aufgalopp eines Wundertieres

Von Meike Kirsch

3. Teil: Lesen Sie im dritten Teil: Das Rennen - Bohrmaschinen statt Kinderjockeys

Sechs Stunden sind seit dem Morgentraining vergangen, die Sonne sticht aus stahlblauem Himmel, ein Sandsturm wirbelt. Da rollen die ersten wuchtigen Geländewagen in die Mitte des Rennkurses von Nad Al Sheba: Land Cruiser, Range Rover, Porsche, BMW, fast ausschließlich die neuesten Modelle. Das Schauspiel ähnelt der Verkaufsvorführung bei einer Automesse – bis aus jedem der Wagen bis zu fünf Emiratis in wallenden, wehenden Gewändern steigen und einander mit einer kurzen Berührung ihrer Nasen respektvoll begrüßen. Said Belarti, der ehrgeizige junge Trainer, ist auch unter ihnen.

Knistern erfüllt die Luft. Elektrische Spannung. Direkt über der Rennstrecke verlaufen die Lebensadern der immer gieriger werdenden Stadt: ein Gewirr aus faustdicken Hochspannungsleitungen, chaotisch, apokalyptisch, tollkühn. Das Renngericht versammelt sich neben einem turmhohen Strommast, der Starter nimmt seine Position ein, ein Fernsehteam ist bereit, das Spektakel in alle Wohnzimmer des Landes zu übertragen. Kamele sind noch nicht zu sehen.

Eine Stunde vergeht.

Eine weitere halbe.

Endlich – der Autokonvoi, auf den alle warten: die Herrscherfamilie. An der Spitze Scheich Mohammed im weißen Mercedes G 500 mit der Eins auf dem Nummernschild. Im schwarzen Wagen dahinter sein Sohn, Scheich Hamdan, der wohl künftige Herrscher des Emirats. Dann der Finanz- und Industrieminister und weitere hochrangige Scheichs.

Keine Minute später sprinten die Kamele los. Elf schlanke, windhundartige Tiere. Sie werfen ihre tellergroßen Füße, strecken ihre Beine, bald haben sie Schaumflocken vor dem Maul, keuchen schwer. In zehnfacher Überzahl folgen ihnen die monströsen Geländewagen der Scheichs und Beduinen um das riesige Oval. Denn: Nur aus dem Auto lässt es sich standesgemäß mitfiebern, von der Tribüne ist drei Viertel des Rennens nicht zu überblicken. Staub, den der allradgetriebene Pulk aufwirbelt, hüllt die gesamte Szenerie ein.

Knapp 45 km/h sind die Kamele jetzt schnell, Scheich Hamad Al Ghuwais deutet auf den Tacho seines Range Rovers. Der vollbärtige Mann mit den buschigen dunklen Augenbrauen, dem Trainingscamps mit Golfrasen und Schwimmanlage gehören, Dutzende Autos und noch mehr Vollblutaraber für Distanzritte, sitzt nicht selbst am Lenkrad aus Walnussholz. Er instruiert einen Freund, um die Hände frei zu haben: für ein Bündel umfunktionierter Autoschlüssel.

Roboter statt Kinderjockeys

Mit diesen steuert der Scheich jene Roboter, die seit 2006 hinter die Höcker seiner Kamele geschnürt werden. Wobei Roboter zu groß klingt für das, was nach weltweiten Protesten die sechs- oder siebenjährigen Kinderjockeys aus Pakistan oder Bangladesch, die früher auf die Kamele mussten, ersetzt: Die Tiere werden von umgebauten Bohrmaschinen getrieben. Im Bohrfutter steckt eine Peitsche, in der Verkleidung manchmal ein Funkgerät. Lenken kann der knapp zwei Kilogramm schwere Kasten nicht. Sein angedeuteter Kopf ist hohl.

Nach fünfeinhalb Minuten ständiger Positionskämpfe biegen die Kamele in die Zielgerade ein. Scheich Hamads Kamel liegt gut, der Roboterjockey mit dem weißen Kreuz auf rotem Trikot – Hamads Farben – wippt an Position zwei. Davor sind nur die weißen Punkte auf blauem Grund zu sehen, die Farben von Herrschersohn Hamdan. Direkt dahinter: weiße Streifen auf blauem Grund, die Farben des Herrscherbruders, für den Said Belarti trainiert.

Im Auto spitzer Jubel. Scheich Hamads Fahrer packt blitzartig die Keksschachtel weg, seine Flasche Oranamin-Energiedrink, und versucht, noch dichter an die sprintenden Tiere zu kommen. Dazu drängt er ein anderes Auto recht unsanft ab. Ohrenbetäubendes Hupen.

Scheich Hamad hält derweil seine Schlüssel mit gestrecktem Arm aus dem Fenster, um sein Kamel anzutreiben. Wenn er auf das Kofferraum-öffnen-Symbol drückt, soll eigentlich die Peitsche des Roboters losgehen, die das Tier an der Flanke trifft. Tut sie aber nicht. Ein zweiter Schlüssel. Nichts. Ein dritter. Wieder nichts.

Zu spät: Die Tiere galoppieren über die Ziellinie, Scheich Hamads Kamel ist weit abgeschlagen, auch Said Belarti gewinnt nicht.

Scheich Hamad flucht. Dann lacht er: „Alles nur ein Spiel, noch einen Keks?“

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  • Datum: Mittwoch 28.02.2007 | 11:01 Uhr
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