Von Meike Kirsch
Camp aus Palmenmatten
Erst am Rande der nahen Wüste enden die Straßen. Feiner Sand weht hier in goldenen Schlieren über die letzten Meter Asphalt. Minutenlang lassen wir Luft aus den Reifen, damit sie breit aufliegen und der Jeep nicht sofort stecken bleibt. Dann wagen wir uns in die sonnendurchglühte Ramlat Al Wahibah. Tausende Quadratkilometer ist sie groß – und doch wenig mehr als ein Sandkasten im Vergleich zur Rub Al Khali, dem Leeren Viertel, dessen unermessliche Sandmassen den Südwesten Omans und weite Teile Saudi-Arabiens bedecken.
Auf dem pulverigen Untergrund ist unser Jeep schwer zu kontrollieren, immer wieder schlingert er wie von einer kraftvollen Böe erfasst. Wir haben das Gefühl, auf das offene Meer hinauszutreiben. Wie Wogen eines rostroten Ozeans fließen die Dünen bis zum Horizont.
In einem Camp aus Palmenmatten, 40 Kilometer vom Rand des Sandmeeres entfernt, sind wir mit Rashid Al Mighairy verabredet. Der Beduine, der die Wüste wie eine Landkarte zu lesen vermag, soll uns tiefer in die Wahibah führen. Rashid rafft sein Gewand hoch und springt auf den Fahrersitz.
Es ist, als hätten wir das Auto gewechselt. Ohne zu schleudern jagt der Jeep los, quert feinsten Sand, rutscht Abhänge hinunter, schnellt Steilhänge hinauf – bis Rashid auf die Bremse tritt. Wir stehen auf der höchsten Düne der Umgebung. Um uns: Stille. Tief wie ein Brunnen.
Noch wärmt der aufgeheizte Boden, doch bald schon sind wir froh, dass unser Begleiter ein Lagerfeuer entfacht. Die Kühle der Nacht kriecht heran. Bis auf 15 Grad sinken die Temperaturen – 30 Grad Unterschied zum glutheißen Tag.
Der Gastgeber schenkt nach, bis der Gast die Tasse schwenkt
Alle paar Wochen peitschen zudem Stürme den Sand auf, manchmal verdunkeln sie für Stunden die Sonne. Erst vor kurzem hat das Sandstrahlgebläse der Wüste Rashids Familiencamp zerlegt, die Palmenmatten flogen kilometerweit. "Macht nichts", sagt Rashid. "Die drei Hütten bauen wir wieder auf." In ihnen lebt er mit Vater, Mutter, Schwestern, Schwägern und deren Kindern zusammen. Für das Fernsehgerät der Großfamilie muss eine Batterie herhalten, für den Herd eine Gaskartusche. Der wichtigste Besitz ist das Auto. "Unsere Lebensversicherung", sagt Rashid. Mit dem Jeep, erzählt er, transportiere die Familie Wasser, bringe die Kinder zur kostenlosen Behandlung ins Krankenhaus und hole Lebensmittel aus der Stadt. Die Reise in die Hauptstadt Maskat, mit dem Kamel beschwerliche zwei Wochen lang, ist so zum Tagesausflug geschmolzen. Dem Sultan und seinen Straßen sei Dank. "Wir haben das Beste von allem", sagt Rashid. "Die Wüste unserer Vorfahren und das, was das Leben in ihr erleichtert."
In aller Ruhe kocht er Kaffee, lässt die Zungen des lodernden Feuers eine Schnabelkanne umschlingen – bis das Wasser in ihr zu dampfen beginnt. Wir lernen: Ein Gastgeber schenkt nur dann nicht mehr nach, wenn der Gast seine Tasse schwenkt und an ihn zurückgibt. Wer sie einfach abstellt, sagen die Beduinen, habe ein Kamel auf dem Gewissen.
Rashids Dromedare zupfen in einiger Entfernung an sperrigem Gestrüpp. Die meisten Nächte verbringt er in ihrer Nähe. Auf einem Dünenkamm. In einer Senke. Irgendwo unter dem Sternenhimmel. Auch sein Cousin und zwei Freunde, die uns nachgefahren sind, graben sich nun Mulden in den Sand. Neben ihnen ziehen schwarz glänzende Pillendreher-Käfer filigrane Muster, während der Vollmond einmal über das nächtliche Firmament wandert.
Schräger Kanon aus Dutzenden Kehlen
Am Morgen darauf klopfen die Männer die Wüste vom Gewand, knoten ihr Tuch – schon sind sie fertig. Ihr erster Blick gilt dann üblicherweise den Kamelen. Die Tiere entfernen sich bei der Futtersuche oft weit vom Lager, an diesem Morgen aber hocken sie ganz in der Nähe und kauen stoisch. Erst nach einem Ruck am Strick stemmen sie sich in die Höhe, gehen die ersten, noch steifen Schritte in den neuen Tag. Im Gegensatz zu uns, die barfuß neben ihnen laufen, sinken sie nicht ein. Laut platschen ihre Schwielen auf den Sand. Dann, endlich: shoruk el shams, Sonnenaufgang. Die wärmende Scheibe schiebt sich hinter den Dünen empor. Sofort steigt die Temperatur.
Wir fahren monotone Stunden über glatten Asphalt, vorbei an schläfrig wirkenden Dörfern, Tankstellen, von Palmen gesäumten Flussläufen, Minaretten – immer Richtung Meer. Unser Ziel: Sur, die Fischerei-Hochburg an der östlichen Spitze der Küste.
Doch ist die Ruhe der Wüste in uns. Am Golf von Oman angekommen, meinen wir gar, die Zeit stünde endgültig still, denn in der Hitze des frühen Nachmittags liegen die Gassen der Stadt wie ausgestorben vor uns. Nur die Stimme der Muezzine, ein schräger Kanon aus Dutzenden Kehlen, weht über die Bucht: "Aschhadu an la ’ilaha ’illallah." Ich bezeuge, dass es keinen anderen Gott gibt außer Allah.
"Inshallah", ruft auch Suleiman Al Hechi, gebräunt, groß gewachsen und stark, Fischer wie seine Vorfahren, als wir ihn bitten, uns eine Nacht mit auf sein Boot zu nehmen. Inshallah! So Allah will. Mit anderen Worten: Suleiman ist grundsätzlich bereit, weiß aber nicht, welche Pläne der Allmächtige in den nächsten Stunden mit ihm hat. In uns keimt ein Verdacht – Suleiman baut sich eine wasserdichte Ausrede im Voraus.
Was tut man nachts? Haie fangen!
Trotzdem suchen wir nach einer Apotheke, um ein Mittel gegen Seekrankheit zu kaufen. Für etwas weniger als einen Euro bekommen wir bittere Tabletten in die Hand gedrückt, ohne Beipackzettel, ohne Verpackung – und sind skeptisch. Ob uns die Pillen für die Nacht auf See rüsten werden? Der Apotheker nickt entschieden. Dizinil sei das Mittel, das er mit Abstand am häufigsten verkaufe. Als wir uns umschauen, bemerken wir: In seinen Regalen liegt kaum etwas anderes.
Am Strand rennen Jungen in gebückter Haltung in die Gischt. In den Händen dicke Styropor-Stücke, ihren Surfboard-Ersatz. Wir blicken auf das mittlerweile ins Abendlicht getauchte Meer. Auf die spielenden Kinder. Auf den Leuchtturm, der bald seine Signale aussenden wird. Und tatsächlich! Allah will! Aus einer Gruppe traditioneller Daus, die im tieferen Wasser ankern, löst sich ein kleines, schnelles Motorboot: Suleiman holt uns ab, um uns zu einem der alten Holzschiffe zu bringen, wo seine zwei Brüder und drei Freunde bereits warten.
Erst lachen die Männer scheu, dann kichern sie immer aufgeregter: In dieser Nacht wollen sie Haie fangen. Fische, weit größer als sie selbst. Kurz nach dem Ablegen ziehen sie zu dritt einen massigen Köder aus dem Kühllager – einen Delfin. Das Blut des Säugers ergießt sich auf das Deck. Fotografieren dürfen wir nicht, was wir nun sehen, ist verboten. Angeblich ging der geschützte Fisch versehentlich ins Netz. Sein Fleisch fliegt bei voller Fahrt, auf Haken gespießt, über Bord.
Suleiman knipst eine blanke Glühbirne an. Heller noch als die schmucklose Lichtquelle leuchtet in der Ferne eines der ehrgeizigsten Industrieprojekte Omans: die Gasverflüssigungsanlage von Qalhat, deren Abfackelturm den Mond und alle Sterne überstrahlt.
"Ich werde mindestens sechs oder sieben Kinder zeugen"
An Deck flitzen Kakerlaken herum. Die Männer lachen, sind bester Laune. Sie schwärmen, dass Sultan Qabus alles für sie tue. Denn nur omanische Staatsbürger dürfen als Fischer, Taxifahrer oder Polizisten arbeiten. "Omanisierung" heißt das Dekret, das Einheimischen bessere Perspektiven geben soll – und etwa Indern oder Pakistani immer mehr beliebte Berufe vorenthält. Nur 26 von 100 Menschen im Sultanat sind Ausländer, im Vergleich zu 89 von 100 in Dubai.
Suleiman weiß, dass er privilegiert ist. Sein Verdienst schwankt zwar mit der Menge, die er aus den Fluten zieht: In schlechten Monaten bekommt er fast nichts, in guten umgerechnet 2000 Euro. Im Durchschnitt aber hätte er genug, um eine große Familie zu ernähren. "Ich werde mindestens sechs oder sieben Kinder zeugen", sagt Suleiman. Dringend sucht er nach einer Frau. Ob ich nicht wolle? Da lachen die Männer erneut und reichen Süßigkeiten herum. Eingeklemmt vom Steuerruder, kauern wir die langen Stunden der Nacht auf den Holzplanken direkt vor der Toilette. Über uns die Sterne von Andromeda und Kassiopeia, um uns Delfine, die pfeifen und schnattern.
Noch vor Sonnenaufgang wäscht sich Suleiman flüchtig Hände und Füße und breitet an Deck ein Tuch aus, zum Morgengebet. Während er auf Knien Allah preist, ruft einer der Brüder mit spitzem Schrei: ein Hai! Gemeinsam wuchten sie das Zwei-Meter-Tier an Bord. Die Fahrt hat sich gelohnt. Ein solcher Fisch ist genug, um bis morgen zu leben. Um alles andere wird sich Sultan Qabus kümmern – oder Allah, so der wieder will.
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