Havanna - Neil Kok hebt sein Glas in Richtung der lebensgroßen Bronzestatue. "Wir dürften gar nicht hier sein", sagt der 47-jährige US-Amerikaner in der Bar "Floridita" in Havanna und prostet dem Abbild des früheren Stammkunden Ernest Hemingway mit einem Daiquiri zu. Das war "Papa" Hemingways Lieblingsgetränk, die Bar seine bevorzugte Kneipe und Kuba der Platz, an dem er 20 Jahre lang immer wieder wohnte und einige seiner größten Romane schrieb. "Es ist traurig", sagt Kok zu der Tatsache, dass das 45 Jahre alte US-Embargo eine literarisch inspirierte Reise wie die seine für illegal erklären. Er ist nicht der einzige, der dennoch kommt.
Ein Umweg über Mexiko ermöglicht Kok und anderen US-Touristen den Erwerb eines kubanischen Lose-Blatt-Visums. Vor seiner Rückkehr in die Heimat muss er dieses sorgfältig zerreißen und verschwinden lassen. Denn seit Präsident John F. Kennedy im Februar 1961 das Embargo verhängte, wurden die Regeln stetig verschärft: US-Staatsbürger dürfen heute kein Geld in Kuba ausgeben. Ein einfaches Mittel, um Reisen in die Insel zu unterbinden, die nur rund 150 Kilometer südlich der Südspitze der USA liegt.
Der Nobelpreisträger schrieb ins Gästebuch
Doch literaturbegeisterte, reisefreudige US-Amerikaner wollen auf das Erlebnis nicht verzichten, auf den Spuren des legendären Schriftstellers zu wandeln, der außer Trinkgelagen auch Hochseefischen, Großwildjagd und Stierkampf liebte. Neben dem "Floridita" gehörte eine winzige Schnapsbude in der selben Straße, die "Bodeguita del Medio", zu seinen Stammplätzen. Hier allerdings trank der Autor keine Daiquiris, sondern Mojitos, eine Mischung aus Rum, Zucker, Sodawasser, Minze und Eis. "Meinen Mojito in der Bodeguita, meinen Daiquiri im Floridita" schrieb er von Hand in das mittlerweile vergilbte Gästebuch der kleinen Kneipe.
An der Wand hängt ein Foto von Hemingway, der dem kubanischen Staatschef Fidel Castro die Hand schüttelt. Die Kellner in der Bar bestätigen, dass viele Amerikaner trotz des Embargos an diese erinnerungsträchtigen Orte kommen. Die Legende um Hemingway, der 1954 für seinen in Kuba geschriebenen Roman "Der alte Mann und das Meer" den Literaturnobelpreis bekam, könnte der Insel dringend benötigte Devisen eintragen. Doch zunächst muss die Insel unter dem erkrankten Alleinherrscher Castro Geld hinblättern: Hemingways im 19. Jahrhundert im Kolonialstil errichtetes Wohnhaus Finca Vigía muss für fast eine Million Euro renoviert werden.
Eine rare "Ausnahme" vom Embargo ermöglichte es US-Fachleuten, sich zur Finca zu begeben und ihre kubanischen Kollegen zu beraten. Doch zur Erhaltung dieses historischen Ortes darf keine US-Einrichtung auch nur einen Cent beitragen.
Patrick Moser, AFP
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