Von Stephan Orth
Nairobi - Ein unbekannter Virus geht derzeit im Fahrerlager der Tour d'Afrique um. "Wir hatten in den letzten 24 Stunden acht Leute, die spucken mussten", sagt Markus Widmann, einer von zwei deutschen Teilnehmern des diesjährigen Rennens. Insgesamt 11.900 Kilometer von Kairo bis Kapstadt müssen die Fahrer bewältigen. "Das Virus kann vom Essen, vom Trinken, oder allein vom Händeschütteln kommen – man kann nicht herausfinden, was das ist", sagt Widmann mit dem sachlichen Gleichmut von jemandem, den nach zwei Monaten täglicher Strapaze nichts mehr aus dem Sattel wirft. Sozusagen. Vor ein paar Wochen verbreitete sich schon einmal ein Virus unter den Fahrern. Auch Widmann musste eine komplette Etappe mit Magenkrämpfen bewältigen – danach gönnte er sich eine Nacht im Hotel zur Erholung.
Nur noch 16 der 34 Teilnehmer können davon träumen, die komplette Distanz, "every fabulous inch", aus eigener Kraft zu bewältigen – durch das Virus verloren weitere Fahrer ihren "E.F.I.-Status". Auch für Widmann ist die Tour inzwischen ein täglicher Kampf mit Schmerzen – wegen einer Zerrung im Knie hielt er die vergangene Woche nur dank täglicher Massagen durch. Zwei Monate Radtour in der Hitze Afrikas fordern ihren Tribut. In Äthiopien erschwerte zudem die Beschaffenheit des Bodens das Gestrampel: In der Mittagshitze wurde der Teer so klebrig, dass die Reifen stark gebremst wurden. Die Straßen waren nur noch am Rand befahrbar.
Sabotageakte vom Straßenrand
Zu der körperlichen Anstrengung kommt die ständige Aufmerksamkeit der Einheimischen, die irgendwann jedem Fahrer zu viel wird: Bei manchen Tagesetappen in Äthiopien etwa gab es "keine 200 Meter, ohne dass Schaulustige an der Straße standen", sagt Widmann. "Die ganze Zeit wird dann 'You, you, you' geschrien, oder 'Give me pen', 'Give me money'. Das ist am Anfang noch witzig, man lacht und sagt was zurück, aber irgendwann schlägt das in einen permanenten Psychoterror um."
Warum alle "You" statt "Hello" rufen, ist den Tour-Teilnehmern ein Rätsel. Nicht immer bleibt es nur bei Zwischenrufen: Manche Kinder werfen mit Steinen, Hirtenjungen schlagen mit ihren Peitschen auf Arme und Beine der Fahrer, andere versuchen, Stöcke zwischen die Speichen zu stecken.
Widmann erinnert sich an einen besonders hässlichen Vorfall: "Pierre aus Frankreich haben sie mit einem drei Zentimeter großen Stein direkt unter dem Auge getroffen, der hat geblutet – wenn der nicht die Sonnenbrille gehabt hätte, wäre das sicher noch viel schlimmer ausgegangen." Pierre Bataini ist mit 63 Jahren einer von zwei Rentnern im Feld – und erntet wie auch der 64-jährige Deutsche Gerhard Schadwill einiges an Respekt von den Mitstreitern. Immerhin haben beide Senioren bislang jeden Meter im Sattel absolviert.
Vorfreude auf Serengeti-Safari
"Pierre ist unglaublich. Der fährt mit dem Rennrad mit schmalen Reifen, ist den ganzen Tag mit nur zwei Litern Wasser unterwegs, kommt abends immer kurz vorm Dehydrieren ins Ziel, fällt fast tot um - und am Morgen steigt er wieder aufs Fahrrad", sagt Widmann.
Er selbst dagegen freut sich jetzt vor allem auf eine dreitägige Pause: Nach all den Strapazen dürfen die Fahrer jetzt Touristen-Bermudas statt Radlerhosen überstreifen und auf Geländewagen-Safari in die Serengeti fahren. Auf dem Programm steht auch ein Abstecher zum berühmten Ngorongoro-Krater, einem Giganten von 27 Kilometern Durchmesser. Eine besondere Begegnung erwartet Widmann im April in Zaire – dort wird er sein Patenkind kennen lernen, das er im Rahmen eines Hilfsprojektes zum Bau von Schulen unterstützt. Endlich mal ein paar neue Eindrücke, denn: "Nach zwei Monaten auf dem Fahrrad hat man irgendwann die Schnauze voll."
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