Von Christian Sywottek
Junge Paare am Griechen-Heiligtum
"Jedes Jahr im Juni sind wir rauf auf die Berge. Wir sind den ganzen Tag den Ziegen hinterher, zum Melken", sagt Asli. Zum Joghurtmachen taten sie Flechten in die Milch. "Wir haben nie etwas gekauft", sagt Asli, "da oben gibt es ja keinen Laden." Vor gut 40 Jahren, sagt Asli noch, mussten die Familien ihre Almen verlassen, weil Schafe dort alles kahl fraßen. Dann wird Asli müde.
Am Abend dieses zweiten Tages noch steige ich den Lykischen Weg hinauf zu den ewigen Feuern von Chimaera, eine Stunde Fußweg von Çýralý. Auf einem kahlen Hang züngeln erdgasgespeiste Flammen aus dem löchrigen Boden, sie zermürben den Fels und fressen Schneisen bergauf.
Die alten Griechen huldigten hier ihrem Feuergott Hephaistos. Heute ziehen junge Paare Händchen haltend über den flackernd erleuchteten Platz. Die Mädchen lachen und streichen sich kokett die Haare hinters Ohr. Der Tahtalý versinkt im Dunkel der Nacht, der Berg, den ich erwandern will. Doch noch ist es nicht so weit für die härteste Etappe meines Lykischen Wegs.
Auch am dritten Tag bleibe ich im Süden, will noch einmal nach Adrasan, diesmal von Çýralý aus.
Es ist nur eine halbe Stunde über den schon am Morgen heißen Strandsand nach Olympos, der antiken Stadt, überwuchert von dornenbewehrten Lianen und kratzigen Bäumen. Einst war Olympos eine reiche Handelsstadt, heute ist es ein verwunschener Ort aus gebleichten Steinquadern und rauschenden Wassern. Hörst du, wie sie im verfallenen Theater noch immer lachen? Wie sie sich küssen unterm Steinbogen am Fluss?
Jagende Spinnen, liebende Schildkröten
Hinter Olympos steigt der Weg steil an, führt über laubbedecktes Geröll. Geduckt kämpfe ich mich unter Lorbeerbäumen nach oben. Spinnen weben ihre Netze. Wie anders das Land hier ist, wie satt. Weiches Moos wuchert über Steine, in den Astlöchern steht das Wasser, obwohl seit Tagen kein Tropfen vom Himmel fiel. Feuchte Luft kühlt die Haut. Zu hören ist nur das Herz, schnell und laut.
Nach gut zwei Stunden verlasse ich diesen Schauermärchenwald. Die Alm biegt sich über den Bergrücken, zwischen gelben und weißen Blumen lieben sich die Schildkröten. Man hört, wie ihre Panzer aufeinander knallen. Die Sonne trocknet mein verschwitztes Hemd, in der Tiefe sind schon die Gewächshäuser von Adrasan zu sehen. Zeit für Tomaten, Oliven und Schafskäse.
Der Abstieg zieht sich durch den Wald hinunter in die Schlucht. Wenn sich der Wind dreht, hört man den Muezzin von Adrasan, doch hier ist der Wanderer sehr allein auf dem Lykischen Weg. Ich stochere in Totholz herum, zwei schwarze Käfer krabbeln hervor.
Ich atme auf, als ich endlich die Weiden oberhalb von Adrasan erreiche. Weite. Licht. Frische Kuhfladen. Menschen können also nicht weit weg sein. Und prompt verlaufe ich mich.
Das kostet fast zwei Stunden extra, über Wiesen, über Weidezäune. Wie bin ich froh, als ich Bayram, seine Frau, ihren Sohn und die beiden Familienkühe treffe. Sie alle lagern unter einem Olivenbaum. Die Frau flicht ein Kuhhalfter aus Plastikband, der Sohn viertelt für mich eine Tomate, streut Salz drauf. Köstlich. Bayram in seinen dungverschmierten Hosen reicht mir Wasser und weiß, wo es langgeht.
Per Anhalter nach Çýralý
Als ich in Adrasan ankomme, werfe ich am Strand schon einen langen Schatten. Doch es ist ein Glückstag. Ein Lkw nimmt mich mit. Der Fahrer sagt, er habe keinen Namen, dafür aber neun Kinder von zwei Frauen, und eine von ihnen warte schon in Antalya. Jetzt muss es schnell gehen, eine Stunde später bin ich wieder in Çýralý.
Die Luft ist raus, der Körper schmerzt. So schaffe ich es morgen nicht auf den Tahtalý, denke ich, und mache einen Tag Pause.
Der fünfte Tag ist der Tag des Aufstiegs. Er beginnt kühl, über dem Tahtalý braut sich graues Gewölk zusammen. Ich muss nur rauf auf den Bergsattel und dort im Zelt übernachten. Am nächsten Tag will ich schließlich auf dem Gipfel stehen.
Hinter dem Bergnest Beycik auf 850 Metern Höhe führt der Weg stetig aufwärts durch Rotfichtenwald. Die Luft ist klar, das Licht merkwürdig weißlich. Die üppige Pflanzenwelt der Küste ist Steinen und Flechten gewichen. Oberhalb 1000 Meter ersetzen Zedern die Fichten. Zaghaft lenkt die Sonne flackernde Flecken auf den Boden.
Auf 1200 Metern Höhe zeichnen Wolfsmilchblüten gelbe Tupfen ins Grün einer Wiese. Ich fülle zum letzten Mal an einer Quelle meine Flaschen. Weiter oben gibt es kein Wasser mehr. Noch steiler wird der Weg, steiniger. Von den Zedern hängen die Joghurtflechten, von denen Asli Kütle erzählte. Sie sehen aus wie fünf Zentimeter große, umgedrehte Weihnachtsbäume. Erste Schneezungen überlappen den Weg, auch jetzt noch, Anfang Mai. Wildschweine haben die Baumstämme wund geschubbert.
45 Grad Steigung im Geröll
Nach gut drei Stunden stehe ich auf dem 1800 Meter hohen Bergsattel unterhalb des Tahtalý-Gipfels. Der Schnee türmt sich derart, dass ich auf halber Höhe der Bäume durch den Wald stapfe. Weich ist der Schnee, er gibt den Füßen Halt. Wie vor Schreck erstarrte Wächter recken sich tote Zedern in den Himmel. Eisig fegt der Wind vom Gipfel zwischen ihnen hindurch. Aus dem Tal landeinwärts steigen Wolken auf, zügig wie der Rauch aus einem Kamin.
Am Abend reißt der Himmel auf, in der Abendsonne glüht die kahle Spitze des Tahtalý wie frisch geschmiedetes Eisen. Im Zelt auf dem kalten Bergsattel zittert sich der Mensch wie Espenlaub durch die Nacht. Ich habe Glück: Am Morgen des Aufstiegs zum Gipfel haben sich die Wolken verzogen. Noch rund 500 Höhenmeter über Stein und Schnee, dann werde ich am Ziel sein.
Ich stolpere, rutsche, zerre und trete mich den fast 45 Grad steilen Geröllhang hinauf. Die kalte Luft brennt in den Lungen, doch die Augen können das Drumherum kaum fassen. Landeinwärts breitet sich das Taurusgebirge aus, rund 3000 Meter hohe, weiß glänzende Macht. In den Tälern zu Füßen des Tahtalý weite Wälder, schütterer Karst. Almen. Dörfer. Ganz hinten im Dunst der Strand von Çýralý. Weite – aber nur von hier oben.
Doch dann ist plötzlich Schluss. Der Wind singt mir in den Ohren, als ich auf dem ersten Plateau stehe und merke: Ich komme nicht weiter.
Es sind vielleicht noch 200 Höhenmeter, knapp zwei Kilometer Weg bis zur Bergspitze. Ich kann sie schon in der Sonne funkeln sehen, und doch lässt sie mich nicht zu sich. Steile Schneehänge verbarrikadieren den Weg. Der Wind hat die weiße Pracht bretthart gefrieren lassen, die Füße finden keinen Halt. Absturz droht.
Ein letzter Blick hinauf, dann drehe ich mich um. Gegen den schneebedeckten Tahtalý zu verlieren, geht in Ordnung. Und Hunde haben mich auch nicht gebissen.
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