Von Lutz Jäkel
Im Zentrum steht der Mensch
Seine Bilder zeigen vor allem eines: Menschen. "Ja, die Menschen sind meine Welt", sagt Ara Güler. Und er meint damit die großen wie die kleinen, die für ihn alle prominent sind: "Wenn es keine Menschen mehr gibt, gibt es kein Leben mehr. Ich bin der Fotograf der Menschen." Auch die Berühmten hat er getroffen: Winston Churchill, Indira Gandhi, Bertrand Russell, Maria Callas, Alfred Hitchcock, Salvador Dalí, Pablo Picasso und viele andere. Porträts waren für ihn immer eine Herausforderung: "Ein Porträt ist nicht einfach das Bild eines Gesichts. Es ist die Gesamtheit eines Lebens."
Ara Güler hat aber in erster Linie sein Istanbul fotografiert, die einfühlsamen und melancholischen Momente, den Alltag, den trüben wie den fröhlichen, die Straßenhändler, Fischer, Frauen und Männer, Kinder und Alte. Auch bei diesen Bildern stehen immer die Menschen im Vordergrund. "Wenn ich die Hagia-Sophia fotografiere, ist für mich am wichtigsten der Mensch, der an ihr vorbeiläuft." Deswegen nennt man ihn auch "das Auge von Istanbul".
Diese Sicht auf die Dinge ist große Kunst. "Oh nein!" Ara Güler erhebt den Finger, beugt sich nach vorne und schaut sein Gegenüber streng an: "Fotografen nehmen die Welt mit einem besonderen Auge wahr. Das ist eine besondere Gabe, aber es ist keine Kunst." Und um die Bedeutung seiner Worte zu verdeutlichen, ergänzt er: "Kunst ist wie ein zweiter Prophet. Man schafft Neues. Das kann ich mit Fotografie nicht. Ich bin nicht Jesus."
"Wir sind visuelle Historiker"
Ara Güler lehnt sich wieder zurück, nippt an seinem Glas Tee, das inzwischen kalt geworden ist, zögert kurz und fragt schließlich mit prüfendem Blick: "Sind Sie Schreiber oder Fotograf?" Beides. "Gut, dann vergessen Sie den Schreiber. Die wichtigsten Journalisten sind die Fotografen, nicht die Schreiber. Fotos zeigen die Wahrheit. Deswegen ist Fotografie auch keine Kunst, denn Kunst kann die Welt verfälscht darstellen. Wir Fotografen sind visuelle Historiker."
Damit visuelle Geschichte geschrieben werden kann, war Reisen immer Teil seines Lebens. Und er ist gerne gereist. Aber das Flugzeug mochte er nicht besonders. "Wir sind doch keine Vögel, warum sollen wir also fliegen? Mit dem Auto oder dem Zug sieht man viel mehr." Aber auch er hat die meisten Reisen seines Lebens mit dem Flugzeug unternommen. Seit einem Jahr hat er allerdings aus ihm unerklärlichen Gründen Flugangst und verlässt Istanbul fast gar nicht mehr. Ausgerechnet der Meister, den es in fast alle Ecken der Welt getrieben hat. In den Nahen Osten, nach Amerika, nach Fernasien wie Indien, Indonesien oder Burma: "Dort gibt es so unglaublich viel zu entdecken. Ich war so oft dort, aber immer habe ich noch das Gefühl, nur einen kleinen Teil gesehen zu haben."
Bilder vom verlorenen Istanbul
Und was ist geblieben vom Istanbul der fünfziger und sechziger Jahre, das er so intensiv beobachtet und in so vielen Fotos festgehalten hat? "Nichts. Gar nichts. Sieh dich doch um! Meine Fotos zeigen nicht das alte Istanbul, sondern das verlorene Istanbul." Früher gab es das französische Viertel. Weiter unten begann das italienische, am Tünel lebten die Juden. Alles sei verschwunden oder verwischt. Fastfood-Ketten und moderne Geschäfte bestimmten das Bild. "Alles ist einförmig, es gibt kein originäres Flair mehr, keinen Charme. Es ist wie in New York oder Berlin. Für mich gibt es hier nichts mehr zu fotografieren."
Aber er freut sich, dass junge Menschen ein Café aufgemacht, es nach ihm benannt und mit seinen Fotos geschmückt haben. "Allerdings", schränkt Ara Güler ein, "die jungen Leute kennen das alte Istanbul ja nicht mehr. Sie denken, Istanbul hat schon immer so ausgesehen, wie es heute aussieht. Wenn sie meine alten Fotos sehen, fragen sie: "Wo ist das?"
Damit dieses Istanbul aber nicht ganz verloren geht, lässt Ara Güler sein Archiv gerade digitalisieren. Apropos digitalisieren. Schon mal eine Digitalkamera in den Händen gehalten? "Ja, sicher. Leica hat mir sogar eine geschenkt. Aber ich verwende sie nicht. Wozu? Die Technik ändert sich, aber es ist nicht das Entscheidende. Es ist das Auge. Ob analog oder digital." Sagt der große Leica-Fotograf – und zückt die Pocket-Digitalkamera aus der Hosentasche. Die nicht mal mehr einen Sucher hat, man schaut nur noch auf das Display. "Nur für Erinnerungsfotos" schmunzelt Ara, drückt ab und bestellt noch einen Tee.
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