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31.05.2007
 

Reisespeisen

Walfahrtsort am Kap

Von Sven Lager

Steile Klippen, schaumgekrönte Brandung und winkende Wale: Das Zugrestaurant "Biggsy's" serviert zwischen Kapstadt und Simonstown südafrikanische Küste am Fenster. Bei der spektakulären Aussieht fällt die Entscheidung schwer: Essen oder gucken?

Es ist Ende Oktober in Kapstadt, ein wolkenloser Frühlingstag. Auf dem Mittwochsmarkt vor dem Rathaus suchen muslimische Familien bei den afrikanischen Tuchhändlern nach Schnäppchen. Als "Biggsy’s" Restaurantwagen nebenan den Bahnhof verlässt, brennt die Sonne heiß aufs Dach.

Der Zug der Metrorail fährt alle 20 Minuten die knapp einstündige Strecke um den Tafelberg herum bis zum alten Marinehafen Simonstown – drei- bis fünfmal am Tag mit "Biggsy's" im Anhang. Die 28 Stationen mit Namen wie Woodstock, Observatory, Rondebosch, Wynberg, Plumstead sind frühe Siedlungsgeschichte der Stadt, der Panoramablick beginnt aber erst in Muizenberg am Meer.

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Surfer paddeln in den flachen Wellen. Eine Robbe gleitet vor ihnen her. Der Seegang ist freundlich an diesem Ende der False Bay. Im "Biggsy's" sind Fisch und Sandwiches längst serviert, bis das Meer in Sicht kommt. In Deutschland würde man den Speisewagen "Bistro" nennen. Er wäre klimageregelt und nüchtern gehalten.

Hier, im Land der jungen Köche und guten Weine, ist es "Biggsy's Restaurant, Coach and Wine Bar", schrabbelig, gemütlich und mit frischer Seeluft.

Biggsy, der gescheiterte Bankräuber

Sein Betreiber Hennie van der Merwe führt den Supermarkt im Fischerort Kalk Bay auf der Strecke und hat "Biggsy's" vor drei Jahren von einem Engländer namens Graham Jones übernommen, der 1997 sein Bordrestaurant nach Ronald Biggs, dem englischen Posträuber, benannte. Einzig und allein aus dem Grund, weil Biggs auch in Südafrika als schillernde Gaunerlegende populär ist – obwohl er beim größten Postraub aller Zeiten 1964 eigentlich nur Nebenfigur war. Biggs hat sich vor ein paar Jahren den britischen Behörden ausgeliefert, krank und verarmt.

Höhepunkte seines Lebens in Brasilien waren Plattenaufnahmen mit den Sex Pistols und den Toten Hosen. Aber Südafrika ist offenbar ein Land, in dem ein gescheiterter Bankräuber etwas gilt.

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Nicht, dass jemand an seiner Stelle sein will. Vor allem Doug nicht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als nur einen halben Tag zu arbeiten und auf dem Weg nach Hause ein paar Castle Lagers zu zischen. Doug sieht auf das unruhige Grün des Meeres, das für seine Launen am Kap bekannt ist. Zweimal hat er den Atlantik überquert, 1973 und 1975, im Yachtrennen "Cape to Rio". Die Boote waren nicht Rennziegen wie heute, hatten keine Satellitennavigation, nur die Sterne und das Wetter, sagt er und bestellt noch ein Bier.

Er arbeitet in der Kunststoffverarbeitung, halbtags, um rechtzeitig "Biggsy's" um drei in Kapstadt zu erwischen. Und ja, er war auch mal Gelegenheitsschauspieler. Irgendwann. Berufe sind nicht so wichtig in diesem Land. Man überlebt, genießt und wohnt am schönsten Ende der Welt.

Ein Buckelwal bläst

In Fish Hoek wird ein Gentleman mit Schalk im Gesicht begrüßt. Er trägt ein blaues Jackett mit Emblem, als gehe er zu einem Ehemaligentreffen seiner Schule. Nein, es ist ein Begräbnis, bedauerlich, eine alte Freundin. Es wird angestoßen. Auf die Toten, auf die Lebenden. Melancholisch blickt er aufs Meer, das im Winter manchmal bis an die Scheiben schlägt, so nah liegen die Schienen an den Uferfelsen.

Berufspendler: Doug fährt jeden Tag "Biggsy's", Kellnerin Berenice serviert das kühle Bier
Mikhael Subotzky

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Ein Schatten in der Gischt, der Buckelwal lässt seine v-förmige Fontäne sehen. Weiter hinten ein Glattwal, erkennbar an dem geraden Strahl. Die Walkühe kommen zum Kalben aus der Antarktis. Wenn sie gute Laune haben, wedeln sie mit der Flosse oder springen und lassen sich auf den Rücken fallen. Sonst sind die Leviathane der See naturgemäß unter der Wasseroberfläche, unscharf wie die Vita der Pendler.

Die Reisenden sind bunt gemischt. Touristen, die es nach Kalk Bay zu den Fischern zieht oder ins Restaurant "Live Bait", um Tatar vom Schnapper zu essen. Alte Damen, die einmal die Woche in die Stadt fahren, um Glasmurmeln für ihren Kiosk zu kaufen. Wenn etwas Geld übrig bleibt, leisten sie sich den Fisch aus dem Menü, heute Kaplachs, und gekühlten Weißwein.

Ein schwedisches Ehepaar isst zu Mittag, zeigt sich gegenseitig die Wale und filmt. Am Zugfenster fliegen jetzt Schaumkronen vorbei, die aussehen wie Haiflossen, eine Handvoll Boogieboarder in Neoprenanzügen, ein buntes Fischerboot, noch buntere Strandkabinen, zu schnell für die Kamera. Die Einheimischen lachen darüber. Genuss fordert Entscheidung. Entweder man isst. Oder man guckt. Oder man unterhält sich.

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