Mittwoch, 10. Februar 2010

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20.06.2007
 

Extremtour an Burmas Grenze

Auf zwei Rädern durch die grüne Hölle

Von Antje Blinda

1200 Kilometer und rund 15.000 Höhenmeter bei gefühlten 45 Grad Celsius: Zwei deutsche Radler kämpfen sich durch den schwül-heißen Dschungel an der burmesisch-thailändischen Grenze. Nur wenige Kilometer entfernt tobt ein erbarmungsloser Bürgerkrieg.

Es ist heiß in Mae Sai und schwül. Mitten in der Regenzeit pladdert es bis zu vier Stunden täglich vom Himmel auf das kleine Grenzstädtchen im Norden Thailands. Über die "Brücke der Freundschaft" schleppen Frauen und Männer riesige Lasten nach Burma, in die braunen Fluten des Mae Nam Sai toben Kinder. Für fünf Dollar können Thailand-Touristen einen Tag den Fuß auf burmesisches Gebiet setzen – in das Land, das für seine goldenen Pagoden und seine friedlichen Mönche berühmt ist und zugleich den am längsten dauernden Bürgerkrieg der Welt führt. Für Florian Fischer, 28, und Florian Niethammer, 29, ist Mae Sai im berüchtigten Goldenen Dreieck heute der Startpunkt ihrer "Fahrradtour für Menschenrechte" - ungeachtet der lästigen Regenfluten.

Vor den beiden Schwaben liegen schweißtreibende vier Wochen. Mit Trekkingrädern wollen sie 1200 Kilometer entlang der burmesisch-thailändischen Grenze gen Süden fahren. Ein ewiges Auf und Ab, rund 15.000 Höhenmeter müssen die Radler überwinden und das in einer Hitze von tagsüber rund 35 Grad. "Eine Schlammschlacht" hatte Fischer, der bereits seit einem Monat in Thailand ist, seinem Freund in der Heimat angekündigt. Viele der Straßen sind nicht asphaltiert, Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Täglich müssen sie 40 bis 100 Kilometer im tropischen Dschungel schaffen: "Eine Herausforderung", sagt Niethammer dazu lapidar.

Völkermord in Burmas Osten

Ihre Schinderei hat einen guten Zweck. "Wir wollen auf die Notlage der Menschen aufmerksam machen", sagt Niethammer, "hier geht eine ganze Kultur unter." Fast unbemerkt von der weltweiten Öffentlichkeit findet im Rohstoff reichen und damit für die Militärregierung wichtigen Osten Burmas ein Völkermord statt. Von der Armee aus ihren Dörfern vertrieben, irren rund 100.000 Angehörige ethnischer Minderheiten wie der Shan, Karen, Karenni, Lahu und Arakan durch die Berge. "Nur noch kleine Teile ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes sind in der Hand der Karen", sagt Fischer, "der größte Teil ist durchsetzt mit burmesischen Militärcamps. In der Trockenzeit überziehen die Truppen das Gebiet mit Terror, verbrennen Dörfer, vergewaltigen Frauen und erschießen wahllos Zivilisten."

Derzeit versucht die Regierung mit der größten Militäroffensive seit zehn Jahren das Land frei zu machen für den Bau von vier großen Wasserkraftwerken am Fluss Salween. Das Projekt, das China und vor allem Thailand billigen Strom liefern soll, wird dem Militär viel Geld, der Bevölkerung jedoch viel Leid bringen. Im vergangenen Jahr zerstörte die Armee im Osten bereits 232 Dörfer und vertrieb 82.000 Menschen, berichtet die Flüchtlingsorganisation Thailand Burma Border Consortium. Die Flutung wird weitere 73.000 Menschen in Burma und 10.000 in Thailand heimatlos machen und ein einmaliges Ökosystem zerstören.

Fischer, der wie Niethammer Kommunikationsdesigner ist, kennt die Not der Flüchtlinge aus erster Hand. Seit Jahren fährt er immer wieder nach Burma. Beim ersten Mal wollte er eine Reise-DVD produzieren, doch entsetzt von Terror und Vertreibung wurde daraus ein Projekt für seine Diplomarbeit: "Burma Snapshots", ein Film über die Arbeit der Untergrundorganisation Free Burma Rangers. Zusammen mit dem erfahrenen Kameramann Rainer "Max" Lingk, 47, begleitete er die medizinischen Helfer auf ihren lebensgefährlichen Einsätzen im Dschungel nahe der thailändischen Grenze – vorbei an vermintem Gelände und Regierungstruppen, die in der "Free Fire Zone" auf alles schießen, was sich bewegt.

Die Faszination Fischers an Burma und Niethammers Liebe zu langen Fahrradtouren führte die beiden zu ihrem Projekt "Burmariders". Auf ihrer Fahrradtour gehen die Radler allerdings kein Risiko ein. "Wir fahren ausschließlich auf thailändischer Seite, oft im Sichtkontakt zur Grenze", sagt Niethammer. Ein Allradfahrzeug mit Lingk, mindestens einem Einheimischen und auf weiten Strecken auch mit Mitgliedern lokaler Hilfsorganisationen sondiert die Route. "Ich gehe von einer sicheren Fahrt aus."

Burmariders.com: Täglich drei Videos

"Wir wollen den Menschen vor Ort die Möglichkeit geben, ihre Geschichten zu erzählen", sagt Niethammer. Auf ihrer aufwendigen Website www.burmariders.com zeigen sie täglich drei Videos: einen Bericht über ihre Begegnungen, einen Film über das tägliche Leben ihrer Crew und einen Zusammenschnitt ihres Fahrradtages, den sie mit einer Helm-Webcam filmen. "Durch das Auge unserer Kamera möchte ich dich dazu einladen, dir die Nummer selber anzugucken, und dann fährst du bestimmt mit", fordert Ningk die Leser der Seite auf. Als virtueller "Burmarider" kann jeder an der Abenteuerfahrt teilnehmen, der mindestens fünf Euro an Helfen ohne Grenzen spendet. Die Hilfsorganisation mit Hauptsitz in Italien unterstützt viele Projekte im Grenzgebiet, die die medizinische Versorgung und die Schulausbildung fördern.

"Man richtet sich ein Profil ein und wählt das Design von Hemd, Hose und Helm und ist dann als Burmarider sichtbar", beschreibt Niethammer das interaktive Spieler-Tool, das er mit der Internetagentur Weitclick entworfen hat. Für weitere fünf Euro können die Web-Fahrer andere einladen und ein Team bilden – die Top-Spender werden in Rankings dargestellt. Die Gestalter hoffen auf einen sportlichen - und ertragreichen - "Spendenwettkampf". Am Kopf der Seite tickert der Gesamtspenden-Zähler: "Über das virtuelle Feld kommen ausschließlich Spenden zusammen, die zu 100 Prozent in direkte Hilfe für die Flüchtlinge fließen", sagt Niethammer. Die Kosten der Tour tragen die Crew selber und einige – allerdings noch zu - wenige Sponsoren.

Den Flüchtlingen in den Lagern wollen die idealistischen Radler eine Perspektive in ihrer Not bieten, für sie werden sie "jeden Tag an unsere Grenzen gehen". Vor allem dem Volk der Karen fühlt sich Fischer tief verbunden: "Mich fasziniert, wie die Karen mit ihrem Schicksal umgehen und welche Kompetenz sie im Umgang mit der Natur und dem Leben haben. Seit über einem halben Jahrhundert müssen sie sich gegen den Terror der burmesischen Militärjunta behaupten. Für mich wäre es unvorstellbar, unter den Umständen der Vertreibung und dem Terror trotzdem so positiv eingestellt zu sein."

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