Pointe-à-Pitre - Viele Urlauber halten es in Guadeloupe nicht lange in der Hängematte aus. Auf der westlichen Inselhälfte Basse-Terre lugt gerade die Spitze des Vulkans La Soufrière aus den Wolken. Der Wasserfall Ecrevisses schäumt zwischen hohen Farnen und Dschungelbäumen in die Tiefe. Auf der nahen Insel Marie-Galante ist Zuckerrohrernte, auf traditionelle Art.
Auch die Nachbarn und der Großvater schwingen die Machete, Touristen sind willkommen. Vor dem Eiland La Désirade beäugen Pelikane, wie sich auf Fischerbooten kräftige Männer mit wettergegerbten Gesichtern um ihre zappelnde Beute kümmern. Vielerorts duftet es nach Zimt, Muskatnuss und Ingwer. Gelbrote Helikonien, Hibiskus in Weiß und Pink erfreuen das Auge ebenso wie Bananenplantagen, Kaffee- und Kakaopflanzen.
Wer unter Mond, Sternen- und Kunstlicht im Karibikmeer baden will, wie es die Einheimischen gern machen, der gleitet nachts am Strand von Sainte-Anne auf der östlichen Inselhälfte Grande-Terre durch das warme Wasser. Viel Geduld braucht, wer am späten Nachmittag in die Inselmetropole Pointe-à-Pitre fährt, um dort an der Marina bei einem Petit Rouge (kleiner Rotwein) oder Champagner den Sonnenuntergang zu genießen. Dann ist Rush Hour, der Stau auf Autobahn und Straßen garantiert. Guadeloupe gehört zu Frankreich und ist mit knapp 450.000 Bewohnern ein Karibik-Archipel für sich. Im Süden lockt die ebenfalls französische Schwesterinsel Martinique. Nördlich im Inselbogen, wo sich Kleine und Große Antillen treffen, liegen St. Martin und St. Barths.
Eine Insel wie ein Schmetterling
"Frankreich ist in der Karibik am schönsten. Die Auswahl unserer Inseln ist so groß. Ich bin und bleibe aber Guadeloupe-Fan, ich liebe den großen Schmetterling." Das sagt Gilles Gremion, der aus Paris stammt und seit 39 Jahren auf der Insel lebt. Guadeloupe hat die Form eines Schmetterlings, die beiden Inselhälften Basse-Terre und Grande-Terre sind die Flügel. Täglich bringt Monsieur Gremion Touristen ins 45 Bootsminuten entfernten Petite-Terre, wo es nur drei Betten gibt, nämlich am Leuchtturm für die drei Naturschützer des Reservates. Wenn die Tagesgäste zum Schnorcheln, Tauchen und Barbecue an Strand und Waldrand kommen, zeigen sich auch die Tiere. Dutzende kleiner Sugar Birds picken in einer Palmrinde, die Gremion zwischen Äste gehängt und mit Zucker bestreut hat.
Aus dem Dickicht tauchen plötzlich hunderte von Soldatenkrabben auf und schieben sich Richtung Grill. Die Kriecher mit Gehäusen in Blauschwarz und Grau sowie rotgelben Scheren balgen sich in Haufen um Baguettekrumen und Auberginenschalen. Zwei armlange Iguanas mit grünbrauner Runzelhaut blinzeln in die Sonne. Draußen im türkisfarbenen Wasser zwischen den Touristenbooten "Tip Top" und "Awak" tummeln sich Urlauber. Zwei Jungen rufen prustend, dass sie eine große Meeresschildkröte sehen.
Viele Inselchen sind unbewohnt, manche mit einem schmalen Sandband, andere mit grauen Felsbrocken, an denen sich die Wellen brechen. Beschaulichkeit und viel Tradition bietet Marie-Galante. Beim Ernteeinsatz sind fleißige Hände mehr gefragt als Maschinenkraft. Terre-de-Haut, die lebhafte der Les Saintes Inseln, bietet viele Bars, Cafés und Boutiquen. Urlauber düsen auf dem Mietmoped über malerische Hügel.
Nur 1700 Einwohner, dazu Kirche, Rathaus, Friedhof, vier Gendarmen und eine Feuerwache hat La Désirade, auch ein paar verschlafene Strände und gut 100 Gästezimmer in kleinen Hotels und Gästehäusern. "Es soll so ruhig bleiben. Wir mögen keinen Stress", sagt Théodore Compper, dem das "Oualiri Beach Hotel" gehört. Das ist ein großer Name für sechs Zimmer, Terrassen-Restaurant, Ministrand, Liegestühle und schmuckes Gärtchen. "Wer es lebhaft will, der wohnt drüben", sagt Compper und zeigt Richtung Grande-Terre, wo er früher diverse Hotels managte.
Fangfrischer Fisch und anderes Meeresgetier stehen in der Gunst der Urlauber weit oben. Natürlich gibt es auch alles, was in Paris, Bordeaux oder Cannes serviert wird: "Auf Guadeloupe trinken wir nicht nur frische Obstsäfte, Rum und Wein, sondern auch reichlich Champagner", sagt Andrée Thadey. Im Supermarché gibt es die Flasche ab 14, im Restaurant ab 30 Euro. Die Tourismusberaterin Thadey hat einen hellen Teint und ist auf Guadeloupe geboren. Die Mehrheit der Insulaner ist schwarz und hat ihre Wurzeln in Afrika.
Die meisten Besucher sind Franzosen
"Franzosen und somit auch ein Teil der EU sind wir alle", erklärt Guy Claude Germain, Leiter des Comité du Tourisme von Guadeloupe. Etwa 90 Prozent der jährlich gut 600.000 Übernachtungsgäste kommen mit Inlandsflügen aus Frankreich. "Gut 10.000 Touristen haben wir jährlich aus Deutschland", erzählt der Direktor. Wer möglichst unabhängig und preiswert nächtigen mag, mietet ein Privatquartier. "Gîte á louer" - "Ferienwohnung zu vermieten" - steht auf Schildern, auch in Dörfern in Strandnähe. Die Häuschen oder Appartements haben oft einen kleinen Garten, nicht selten mit Mango-, Brotfruchtbaum oder Kokospalme.
Alle französischen Inseln bieten mit den höchsten Lebensstandard in der Karibik. Wer billige Hotels will, findet in der Dominikanischen Republik eine Alternative. Weil dort ein Kellner 300 Euro verdient, in der französischen Karibik aber sechs bis acht Mal so viel, leben und jobben viele tausend Dominikaner und Haitianer auf Guadeloupe und Martinique. Bernard Morin, Leiter des Hotels "Arawak" am Strand von Le Gosier, ist stolz auf seine Mitarbeiter. Die seien nicht nur fleißig, "die haben bisher noch nie gestreikt", erzählt er. Das ist nicht alltäglich auf Guadeloupe, wo früher schon so manche Touristensaison unter den Streikwellen Hotel- und anderer Beschäftigter litt.
"Diesen Hintergrund sollte ein Ausländer kennen, um Insel, Leute und Mentalität zu verstehen", sagt Heinz Verhaeg. Den Geschäftsmann zog es schon vor 30 Jahren aus dem Raum Aachen nach Guadeloupe. "Das Essen ist fantastisch. Es gibt zum Glück so gut wie keine Hochhäuser, aber viel Sonne und freundliche Menschen, die ihr Leben zu genießen wissen", sagt der Leiter eines Autoverleihs. Die Inselgruppe setzt nicht nur auf den Tourismus und Dienstleistung, sondern auch auf die Garten-, Gewürz- und Landwirtschaft. Viele Plantagenbesitzer haben sich neben ihrer Produktion durch Direktverkauf, Restaurant oder Gästezimmer ein zweites Standbein geschaffen.
Karibik-Rum und Bananenlikör
Sattgrün sind die Weiden, gut genährt die Rinder nahe der Plantage und Rumfabrik von Francois Longueteau. Die Destillerie Longueteau "gehört meiner Familie seit Generationen", erläutert der Eigentümer. Dann prüft er zufrieden das hohe Rohr. Etwa 350.000 Liter produziert Longueteau jährlich, das meiste geht in den Export nach Europa. Touristen aus Nizza und Berlin verkosten in dem Lädchen der Destillerie gerade einen besonders lange gereiften Rhum Agricole. Wenige Kilometer weiter auf der Farm von Gérard Babin ist alles Banane. Die Stauden biegen sich unter der grüngelben, gebogenen Last.
Im Restaurant munden Salat mit Bacalao (Trockenfisch), Pfefferschoten und Bananenstückchen. Zu Huhn wird Bananenpüree gereicht und zum Bananenkuchen ein Hochprozentiger aus der krummen Frucht. "Wir haben heute auf Guadeloupe noch 200 Bananenplantagen", sagt der Landwirt.
Wer das Guadeloupe-Archipel erkundet hat und in Frankreich bleiben will, fliegt in 25 Minuten nach Martinique oder fährt ein paar Stunden mit der Fähre, die zwischendurch auf der unabhängigen Insel Dominica stoppt. Martinique, etwas kleiner als Guadeloupe, hat wie seine nördliche Schwester eine üppige Landschaft, ein vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem sowie einen Vulkan. Eine der Attraktionen ist die frühere Hauptstadt Sainte-Pierre mit historischen Ruinen von Theater, Kirche und Kerker. Der Mont Pelée brach im Mai 1902 aus. 30.000 Tote waren zu beklagen, die meisten in Saint-Pierre. Heute ist es eine beliebte Urlauberstadt mit vielen Restaurants und Bars sowie spektakulärem Blick auf das Karibikmeer.
Von Bernd Kubisch, gms
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