Von Markus Wolff
Bis zu einer halben Stunde dauern die Tänze, die vom Krieg und der Liebe handeln, von Vergänglichkeit und der Erschaffung der Natur. Die Schritte achtsam, die Körper aufrecht, die Arme in fließenden, wellenähnlichen Bewegungen.
Immer wieder gleiten die Mädchen auf die Knie, biegen die Wirbelsäule wie einen Bogen, winkeln ein Bein nach hinten an - als würden sie nymphengleich fliegen. Unglaublich grazil, unglaublich langsam. Allein den Lebenszyklus einer Pflanze darzustellen, erfordert ein halbes Dutzend Hand- und Fingerstellungen. Der Zeigefinger richtet sich auf, die Sprosse keimt, vier Finger gespreizt, die Blüte entwickelt sich. Ist die Frucht am Licht, symbolisiert durch den Kreis aus Zeigefinger und Daumen, ist es, als sei die Pflanze in Echtzeit gewachsen.
So üben die Mädchen, bis Frau Huon ein Kommando bellt und auf die Bühne eilt, als könne sie nicht glauben, was sie gerade gesehen hat. Dann fasst sie die verlegene Fronttänzerin von hinten an den Schultern und leitet sie so formvollendet, aber bestimmt über den Holzboden, als führen beide auf Schienen. Pause.
In Angkor Wat hat die hoch stehende Sonne alle Schatten vertrieben. Einen Tag lang, erzählt Hans Leisen, sei er für Messungen "stündlich um den Tempel gelaufen". Längst bewegt sich der Deutsche im Labyrinth der Gänge so sicher, als wären es die Flure seines Instituts. Alle Apsaras sind im Computer erfasst, jede steinerne Tänzerin ist mit einer Art Patientenkarte versehen: Beschädigungen, bisherige Eingriffe, verwendete Materialien, Gesamtzustand. Notfälle gibt es kaum noch, doch nach wie vor genügend Kranke.
In einem Innenhof klopft Leisen mit dem Knöchel des Zeigefingers auf eine Apsara, erst auf den mit einer Krone verzierten Kopf, dann auf den Bauch. "Ah, auch hier geht's los", sagt er, was klingt wie laut gedacht. "Schalenbildung" lautet Leisens Diagnose, die größte Gefahr für die Kunstwerke. Wird sie nicht rechtzeitig erkannt, verwittert der Steinkörper von innen: Das Relief bricht trotz intakter Fassade in sich zusammen. "Irgendwann sieht eine solche Tänzerin dann aus wie Blätterteig."
Injektion von Steinersatzmörtel
Um das zu verhindern, rücken die Mitarbeiter des von Leisen gegründeten "German Apsara Conservation Projects" jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang wie eine Maurerkolonne im Transporter an. Stundenlang sitzen die kambodschanischen Restauratoren und zwei deutsche Studentinnen dann in schattig-schwülen Gängen oder unter Plastikplanen, die vor der Sonne schützen sollen, messen mit Ultraschall Hohlräume im Stein und injizieren mit dünnen Nadeln Steinersatzmörtel in Risse. Botox für die Apsaras, damit ihnen das Lächeln nicht vergeht. "Eine Spritze", sagt Leisen, "und Todkranke können noch Jahrzehnte leben." Für sein Konservierungswerk benötigt der Professor rund 1000 Liter Kieselsäureester jährlich. Bröckelt ein Relief trotzdem, kann Leisen nichts mehr tun. "Wir rekonstruieren keine Figuren", sagt er, "dann wären es Fälschungen."
Der Unterricht in Phnom Penh ist beendet, und die Schülerinnen setzen sich im Schneidersitz auf den Boden. Sang Phorsda, die Fronttänzerin, ist eine zierliche Frau mit Puppengesicht und knopfartigen Augen, bei der selbst der Schluck aus der Wasserflasche zur kunstvollen Geste wird. Eine Apsara-Tänzerin hat sie schon ihr ganzes Leben lang werden wollen und ihr halbes bereits dafür trainiert. Ein knappes Jahrzehnt täglich tanzen. Stundenlang. Schritte lernen, den Körper in fast bizarre Haltungen dehnen. So oft und so selbstverständlich, dass es, wie Sang Phorsda sagt, beim Fernsehen auf dem Sofa nicht mehr auffällt, wenn die nach hinten gebogenen Finger den Unterarm berühren. Das ist die Kür.
Die Pflicht findet in der anderen Tageshälfte statt, im Englisch-, Khmer- und Mathematikunterricht: Bildung als Altersvorsorge. Ein Stück Sicherheit für eine Arbeit als Tänzerin, die weder krisenfest noch zukunftssicher ist. Vergangen die Zeiten, in denen die Apsaras als Konkubinen ein unbeschwertes Leben am Hof führen konnten. Statt in Palästen wohnen die Tänzerinnen der Neuzeit meist noch bei ihren Eltern. Etwa in einem kleinen Reihenhaus in einem Vorort Phnom Penhs, wie Sang Phorsda, wo im Erdgeschoss das Auto neben dem Buddha-Schrein parkt.
Auf dem Sofa daneben hockt die Mutter, eine stämmige Marktverkäuferin mit geschminktem Gesicht. Nein, sagt sie, sie habe ihre Tochter noch nie bei einer Tanzaufführung erlebt; ihr nur einmal im Fernsehen zuschauen können. Und in ihrem Zimmer. Dieses liegt im ersten Stock des Hauses: ein Raum im Neonlicht, den sich die 18-jährige Phorsda mit ihrer Schwester teilt. Und mit Katze "Lucky", die sie vom gefliesten Boden hebt und behutsam auf das Bett setzt. Daneben ein Regal mit drei Kostümen und ein Schrankspiegel zur Selbstkontrolle, wenn Phorsda der Unterricht wieder einmal nicht lang genug gedauert hat. Das ist in letzter Zeit häufig geschehen, wo doch in wenigen Wochen die Abschlussprüfung bevorsteht und das über Jahre Erlernte in einer 30-minütigen Vorstellung offenbart werden muss; einem entscheidenden Moment.
Anziehungskraft auf Monarchen scheint ungebrochen
Und dann? "Dann?", fragt Sang Phorsda zurück. Mehr studieren, natürlich. Mehr über die Theorie des Tanzes, dessen Geschichte lernen. Was könnte sie auch sonst tun? Es sind nicht die Apsaras, die Kambodscha am nötigsten sucht. Selbst das Königliche Ballett hat sich zum Gelegenheitsensemble entwickelt. Verlangen Monarch Norodom Sihamoni oder seine Familie nach Unterhaltung, wird ein Dutzend Schüler ausgewählt und legt die kostbaren Kostüme an, die in einem muffigen Raum des Fachbereichs lagern. Aber das geschieht selten, und so dösen in der palasteigenen Tanzhalle immer öfter Sicherheitsbeamte in ihren Liegestühlen und betrachten von dort aus gelassen, wie der Tonle Sap in den Mekong fließt.
Aber wenigstens die optische Anziehungskraft der Apsaras auf Monarchen scheint ungebrochen: Vor kurzem gestand der verheiratete Prinz Ranariddh seine Beziehung mit Ouk Phalla ein, einer ehemaligen Tänzerin des Königlichen Balletts. Und einen daraus hervorgegangenen Sohn.
Hin und wieder fahren die Tanzschülerinnen während ihrer Ausbildung auch in das einstige Reich der Regenten, nach Angkor Wat. Ahnenforschung, damit die jungen Tänzerinnen die Ursprünge ihrer Kunst kennenlernen. Dann führen die Lehrerinnen die Gruppe durch das Eingangstor, wo sich als Tempeltänzerinnen verkleidete Frauen mit Besuchern in "Angkor what?"-T-Shirts fotografieren lassen. Den langen, von Palmen gesäumten Weg gehen sie hinunter, vorbei an den Baugerüsten, die wie Vogelnester an immer neuen Plätzen des Tempels zu hängen scheinen.
Für was die Arbeiter auf den Gerüsten Spritzen und feine Nadeln brauchen, das haben sich die Mädchen noch nie gefragt. Weil sie immer direkt zu den nicht abgesperrten Apsaras gehen und jene Frauen betrachten, die so souverän lächeln, als könne ihnen nichts und niemand etwas anhaben.
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SIZILIEN! Steht auf meiner Wunschliste ganz oben, immer wieder kam was dazwischen; LEIDER!!! Wird immer wieder von Bekannten hoch beschwärmt. Detail: Ich LIEBE Vulkane! mehr...
Tolle Leute, die Italiener! ABER: Was das Autofahren betrifft: In den Städten fahren viele mit eingeklappten Seitenspiegeln, weil Millimeterarbeit ein Hobby zu sein scheint. Oft werden Vorfahrten missachtet: der Schnellere vor [...] mehr...
Ich glaube es Ihnen, denn es gibt wohl kaum eine Gegend Italiens die langweilig für Augen und Seele ist. Aber Sizilien ist ganz weit vorne. Da war ja wohl alles was in den letzten 3000 Jahren Rang und Namen hatte... ich muss da [...] mehr...
Sind Sie schon mal in Sizilien gewesen? Die Insel ist ein Symbosium von Kultur, Natur und Geschichte. Ich fahre jedes Jahr dahin, dort hat man alles was man sich als Urlaub vorstellen kann. mehr...
[QUOTE=Claudia_D;1495640]...Muß ja auch einmal Werbung für meine Wahlheimat machen :-) Claudia, Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich suchte eben auch einen Beitrag zum Piemont, der ja reise- nicht [...] mehr...
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