Malediven: Schatten im Paradies

Von Erwin Koch

4. Teil: Todesursache: Not known

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Am Abend des nächsten Tages, 13. April 2007, rief ein Polizist an, Hussein sei frei, 21.35 Uhr. Waheeda Ahmed wunderte sich, viermal war ihr Sohn schon im Gefängnis gewesen, noch nie war er so schnell entlassen worden, nie hatte ihr jemand mitgeteilt, Hussein sei wieder frei. 34 Stunden später, am Morgen des 15. April, entdeckten Seeleute eine Leiche am Südrand der Stadt, sie trieb im Wasser, aufgeschwemmt, die Arme seltsam verschränkt. Polizisten zogen sie aus dem Meer, brachten den Toten zum Friedhof.

Ohne Totenschein kommt er hier nicht rein, entschied der Friedhofswärter. Sie schafften ihn ins Indira Gandhi Memorial Hospital, ein Arzt besah sich die Leiche, das Gesicht war geschwollen und blutverschmiert, das Nasenbein gebrochen, Zähne fehlten, Fleischwunden, sie schrieben: Todesursache: Not known.

Und das Fernsehen der Republik teilte mit, die Leiche, die man heute Morgen geborgen habe, zeige keine Spuren äußerer Verletzung.

Um 10.10 Uhr rief uns wieder die Polizei an, man habe einen Toten hier, den man nicht identifizieren könne, vielleicht ihr Sohn Hussein Salah, den wir vor zwei Tagen entlassen haben, gibt es jemanden in Malé, vielleicht einen Verwandten, der ihn identifizieren könnte?

Die Mutter, heute, Samstag, sitzt auf einem Tisch und dreht das Gesicht zur Wand, der Vater schweigt, kratzt sich ständig das Gesicht.

Husseins Onkel erkannte den toten Neffen nicht.

Der Onkel hatte eine Kamera dabei, und als seine Bilder Stunden später im Internet waren, meinte ein Sprecher der Polizei: Die Verletzungen, die man hier sieht, entstanden, als wir den Unbekannten aus dem Wasser zogen. Mit dem Tod des Mannes haben wir nichts zu tun.

Sie verglichen die Fingerabdrücke, es war unser Hussein.

Husseins ältester Bruder, Ibrahim Zareer, flog noch am gleichen Tag nach Malé, eine Stunde und zehn Minuten, Hussein lag in der Leichenhalle von Galholu, ungekühlt und aufgebläht, die Leiche stank.

Dein Bruder muss, wie Gott es will, sofort ins Grab.

Nicht bevor er untersucht worden ist, sagte ich, ich will eine Obduktion.

Arzt zwischen den Fronten

Menschen versammelten sich vor der Leichenhalle, Dutzende, Hunderte, Polizisten kamen gerannt, die Star Force, Gayooms liebste Truppe, junge Schläger in blauen Uniformen, Vollvisierhelm, Nackenschutz, Brustschoner, Armschoner, Hodenschoner, Knie- und Schienbeinschoner, Schlagstöcke. "

Und das Fernsehen der Republik berichtete, Hussein Salah, übrigens ein Drogensüchtiger und notorischer Dieb, sei von der Polizei vor zwei Tagen aus der Haft entlassen worden, auf jeden Fall vor seinem Tod.

Ich wollte eine Obduktion, weint der Bruder und wiegt sein Kind.

Die Obduktion geschah, weil auf den Malediven nicht möglich, in Colombo, Sri Lanka, 21. April 2007. Gegen vier Uhr nachmittags rief der Arzt Husseins ältesten Bruder, Ibrahim Zareer, in einen kühlen Raum, Hussein lag auf einem Tisch, aufgeschnitten vom Bauch bis zum Hals, seine Organe, eines neben dem andern, auf einem Tisch, der Arzt sagte: Meinen Bericht habe ich bereits dem maledivischen Botschafter in Colombo übergeben. Den Umschlag wird er öffnen, sobald du bei ihm bist.

Eine halbe Stunde später, stottert der Bruder, nur eine halbe Stunde später rief mich aus Malé der Onkel an. Und sagte, im staatlichen Fernsehen sei soeben verkündet worden, Hussein sei ertrunken, Hussein sei unverletzt gewesen, kein Knochen gebrochen, keine Zähne hätten gefehlt, keine großen Fleischwunden, und die kleinen Wunden, die er hatte, kämen daher, dass Fische an ihm nagten, therefore death due to physical violence is excluded, deshalb ist der Tod durch physische Gewalt auszuschließen.

Plötzlich streckt sich der Vater in seinem Stuhl: Mein Name ist Hassan Zareer, ich bin ein alter Mann, und ich kenne das Leben, die Menschen. Der Arzt in Colombo, der die Leiche untersuchte, ist ein alter Mann wie ich, man wird nicht stark im Alter, man wird schwach und anfällig. Zwei Regierungen, die maledivische und die srilankische, redeten auf ihn ein, zwei Regierungen, Freunde, wünschten ein Ergebnis in ihrem Sinn. Man wird sehr schwach, wenn man alt ist.

Wie kann es sein, schreit die Mutter mit hoher Stimme, dass der Arzt in Malé Verletzungen sah, die der Arzt in Colombo nicht mehr sah? Weshalb wusch die Polizei sofort seine Kleider? Weshalb nennt uns die Polizei die Leute nicht, die behaupten, sie hätten Hussein noch lebend in einem Tea House gesehen?

Auf dem Friedhof von Malé, wo schon Evan Naseem liegt, der Sohn von Mariyam Manike, waren Kameras versteckt, die Familie des Toten zur Beerdigung nicht zugelassen, 29. April 2007. Wieder eine Jagd durch die Straßen der Stadt, Mariyam, Anni, IC.

Sonntag im Indischen Ozean – Hochglanz im Flieger zurück nach Malé, Maldives … the sunny side of life. In der Zeitung steht, Präsident Gayoom, ohne seine Partei zu fragen, habe sich für die kommenden Wahlen bereits zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt.

Nachts, wie eine Erlösung, Blitz und Regen. Schließlich Vollmond.

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insgesamt 27 Beiträge
Wuz-zy 13.07.2007
aber viele sehen das anders. Einige Leute empfinden eine Reise in ein "Krisengebiet" als besonders sensationell und wundertoll, um damit im Bekanntenkreis angeben zu können. Auch Geschäftsleute, die sehr oft in [...]
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
aber viele sehen das anders. Einige Leute empfinden eine Reise in ein "Krisengebiet" als besonders sensationell und wundertoll, um damit im Bekanntenkreis angeben zu können. Auch Geschäftsleute, die sehr oft in "Krisenregionen" unterwegs sind, sehen ihre Reisetätigkeit nicht als bedenklich an, zumal laut deren Aussagen in hiesiger Presse vieles aufgebauscht und negativer dargestellt würde, als es wirklich ist. Bei meinem alten Arbeitgeber habe ich das täglich erlebt.
AKA 13.07.2007
Wer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Zitat von sysopWer jetzt in den Libanon fährt, der hat spektakuläre antike Ruinen für sich alleine, wird herzlich empfangen, kriegt Preisnachlässe in den halbleeren Hotels. Ist das Reisen in Krisenregionen allzu sorglos oder gutes Timing, um dem Massentourismus zu entgehen?
Wer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Wopper 13.07.2007
Richtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
Zitat von AKAWer unbedingt "Abenteuer-Urlaub" benötigt - bitte. Aber dann auch die Risiken alleine tragen.
Richtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
frietz 16.07.2007
interessanter wird es dann wieder in deutschland, wenn man verhaftet wird, weil man ja angeblich in einem terrorlager zur ausbildung war.
Zitat von WopperRichtig. Und dann nicht auf "ich kann ja nichts dafuer" machen wenn man von irgendwelchen Irren entfuehrt wird (wie im Jemen oder Kashmir vor einigen Jahren)
interessanter wird es dann wieder in deutschland, wenn man verhaftet wird, weil man ja angeblich in einem terrorlager zur ausbildung war.
Hallo, als Tourist zum puren Vergnügen würde ich sicher nicht in den Libanon fahren, einfach weil ich das Gefühl habe, ich hätte dort nichts zu suchen. Es ist schon klar, daß die Leute, die vom Tourismus leben, das sicher [...]
Hallo, als Tourist zum puren Vergnügen würde ich sicher nicht in den Libanon fahren, einfach weil ich das Gefühl habe, ich hätte dort nichts zu suchen. Es ist schon klar, daß die Leute, die vom Tourismus leben, das sicher anders sehen - aber Tourismus in Krisenregionen kommt mir ein bißchen vor wie Schaulust bei Unfällen oder Bränden. So nach dem Motto: "Mir geht's prächtig, aber interessant ist es schon, was denen da zugestoßen ist". Für die Arbeit war ich im März im Libanon (und wo ich schon einmal da war, habe ch natürlich auch das beiruter Nachtleben genossen, nicht nur bis abends um zehn), aber das ist was anderes. Ich war da, um für die EU nach einem Krankenhausabfallprojekt zu sehen und um ein anderes Projekt im Umweltministerium zu betreuen. Wenn meine Anwesenheit den Leuten da etwas nützt, sehe ich auch nichts Übles darin dorthinzufahren. Das war eigentlich überhaupt mein Hauptbeweggrund, diese Art von Beruf zu wählen - Umwelt und Entwicklung, im Besonderen Abfallwirtschaft -, aber ich will auch nicht leugnen, daß die zweite Motivation bei der Berufswahl war, daß ich mengenweise Länder und Kulturen kennenlernen will, und zwar nicht nur die Ruinen von Baalbek, sondern auch die Leute, die jetzt in dem Lande wohnen und arbeiten. Was die Angst vor Bomben anbelangt, sehe ich das ähnlich wie die anderen von der Sorglosfraktion. Ich würde niemals in ein Land wie den Irak fahren, auch nicht für das allerwichtigste und großartigste Projekt, einfach, weil ich viel zu viel Angst vor Entführung und Enthauptung hätte und als potentielles Entführungsopfer schon kilometerweit erkennbar wäre. Aber alle Länder, in denen nicht ein derart anarchischer und grausamer Bürgerkrieg herrscht wie im Libanon, sondern wo es einfach ein bißchen unruhiger ist, kommen mir nicht so fürchterlich vor. Es wäre vielleicht anders, wenn die Terroristen sich nicht soviel Mühe gäben, Angst und Schrecken auch mitten in Europa zu verbreiten. Das führt nunmal dazu, daß man sich sagt, ob's mich nun in Madrid in der Eisenbahn oder in Beirut auf der Corniche erwischt, macht nicht den großen Unterschied. Sicher ist man inzwischen nirgends mehr, außer vielleicht in kleinen, entlegenen Ländern, die den Volkszorn diverser Mudschahidin noch nicht gereizt haben (Island, Seychellen, Botswana...). Allerbeste Grüße, Eva
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  • Datum: Freitag 05.10.2007 | 17:59 Uhr
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