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20.10.2007
 

Solartaxi in Indien

Willkommen im Chaos

Zögerliche Zollbeamte, überfüllte Bahnhöfe und ein Solartaxi im falschen Hafen: Louis Palmers Aufenthalt in Bombay zieht sich länger hin als geplant. Der Schweizer nutzt die Zeit zur Feldforschung – warum bloß gelten die Inder als die glücklichsten Menschen Asiens?

"Always expect the unexpected!" Kein anderer Spruch scheint auf Indien besser zuzutreffen. Erwarte immer das Unerwartete! Denn zunächst warte ich auf mein Gefährt, das per Containerschiff angeliefert werden soll. Doch das Solartaxi landet zunächst im falschen Hafen, die Behörden vertrösten mich täglich, bis es schließlich nach einigem Hin und Her mit sechstägiger Verspätung ankommt.

Willkommen in Indien - Erwartungen kann man sich hier sparen, weil sowieso alles anders kommt. Habe einzig erwartet, ich würde in einem guten Hotel unterkommen. Aber nein, ich bin in einer Frauen-WG gelandet und wohne zusammen mit Nidi und Meenakshi, zwei jungen, immer strahlenden Bankangestellten aus Uttar Pradesh. Die beiden sind auf der Suche nach dem Glück in Bombay. Alle suchen hier in Bombay ihr Glück, aus ganz Indien kommen sie. 13 Millionen Menschen wohnen laut Schätzungen in der Stadt. Mir stechen zuerst lärmige Tuktuks, Abfallberge, streunende Hunde und verwahrloste Obdachlose ins Auge. Für jede aus Europa ankommende Nase ist Bombay eine Zumutung. Doch in einer Zeitung lese ich: Die Inder sind das glücklichste Volk Asiens, nirgends sonst auf diesem Kontinent behaupten mehr als 85 Prozent der Leute, glücklich zu sein.

Chaos am Bahnhof

Mit der Eisenbahn unternehme ich meinen ersten Ausflug in die Innenstadt. Alle vier Minuten ein Zug der gleichen Linie. Doch alle sind rappelvoll, keine Chance. Ein Zug nach dem anderen fährt ohne mich weiter. Ich überlege mir schon einen Strategiewechsel: Soll ich mich wie die anderen an die vergitterten Fenster hangeln oder lieber auf dem Dach knapp unter der Fahrleitung mitfahren? Die zwei Damen aus der WG haben mich schon längst verlassen, sie reisen im Abteil "for Ladies only". Schließlich, mit etwas Überwindung, schmeiße ich mich beim dritten Zug mit etwas Anlauf in die Männermenge, quetsche mich in den Wagen und stehe 40 Minuten lang auf den blank polierten Schuhen anderer herum.

Es rattert, Ventilatoren summen, das Gleis knackt und pocht, und die Reisenden schwitzen und dösen im Sitzen oder im Stehen. Bei der Einfahrt in jeden Bahnhof ergießen sich Menschenmassen aus dem fahrenden Zug und neue Menschenmassen werden von den Türen eingesogen. Alles geht blitzschnell. Wer nahe an der Tür steht, wird vom Strom mitgerissen. Handgemenge, Geschrei und Fäuste fliegen. Was für ein Glück, beim Aussteigen noch zu den Lebenden zu gehören! Wahrscheinlich wird der unglücklich, der nicht jeden Tag seinen Kampf ums Überleben oder um seinen Stehplatz führen muss.

Neben mir sitzt ein älterer Herr mit Glatze und einem karierten Hemd. Er ist stolz, mit 77 Jahren immer noch täglich zwei Stunden im "Suburban Train" unterwegs zu sein. Denn dazu gehört viel Fitness. Diesen Sport macht er schon seit 45 Jahren. Jeden Tag. Und strahlt und genießt die Fahrt, als ob es seine erste wäre. In seiner Zeitung fällt mir das Foto einer 25-jährigen Frau auf, die auf einer Couch liegt, Kopf und Arme in dickem Verband eingepackt. Die Frau sei gestern aus dem Zug gefallen und kann sich an nichts mehr erinnern. Der Alte neben mir erklärt: "Das ist Alltag hier. Leute fallen aus dem Zug raus, Leute werden vom fahrenden Zug geschubst, andere werden vom Zug erfasst oder die, die auf dem Dach mitfahren, ziehen den Kopf zu spät ein. Jeden Tag sterben auf Bombays Eisenbahnnetz zehn Menschen!"

Solartaxi zu verzollen

Ich muss zu meinem Zollabfertigungsagenten. Vispi Patel, seit 70 Jahren die Adresse in Bombay für Zollabfertigung. John, ein indischer Christ und Zollagent, nimmt mich mit zum Hafen, zum Zoll. Sein Vorhaben: das Solartaxi durch den Zoll bringen, mit möglichst wenig "Lubrication", Schmierung. Mir ist unwohl, ich mag lange Warteschlangen und faule Zollbeamte nicht besonders. Nur mit einem habe ich nicht gerechnet: einer menschenleeren Halle mit einem strahlenden Herrn auf dem Sofa, der mich schon beim Namen kennt, ein kaltes Getränk vom Restaurant in der Ecke servieren lässt und dann die Papiere mit ernstem Blick durchblättert. Das soll der Zoll sein? John und er scheinen dicke Freunde zu sein. Der Zöllner verspricht mir, das Solartaxi schnellstens abzufertigen. Doch wo steckt denn der Solartaxi-Container? Niemand weiß das, aber unruhig wird man deshalb nicht. "Don't worry", sagt der Beamte, das wird schon.

Weiter geht es in die elften Etage des anderen Zollgebäudes. Was wir heute schon erledigen können, das machen wir. John verschwindet für eine Stunde unter ein paar Ventilatoren beim nächsten Stempelschwinger, danach sehe ich seinen hängenden Kopf, er braucht Frischluft. Sein Freund von früher ist nicht mehr da. "New people", sagt er ganz traurig. Die hätten noch nie ein Auto abgefertigt, für jeden Strich wollen sie die Absicherung durch einen Vorgesetzten.

Im Tuktuk zum College

Und jetzt auch noch das: den ersten Wagen, den sie abzufertigen haben, ein Solarauto! John lacht, als ob er ab und zu noch Skurrilitäten in Indien erleben könne, die wirklich komisch und nicht schon alltäglich sind. Eine halbe Stunde später drücken die "new people" John unerwartet einen Bündel Papier in die Hand. Alles bewilligt, erledigt, gestempelt, geordnet. John strahlt wieder. Es dauerte nur eine halbe Stunde länger als sonst, meint er.

Weiter geht's mit einem Tuktuk zum College. Das schwarze, dreirädrige Schreckensgefährt, das nicht nur in James Bond-Filmen für Adrenalin-Schübe sorgt. Ich nehme alles, was ich über die schrecklichen Verkehrsteilnehmer in Syrien, Jordanien oder Dubai geschrieben habe, sofort wieder zurück. Bombays Straßenchaos ist spannender als jede Achterbahnfahrt. Blinklichter existieren hier nicht, ein Blick nach links, wenn man links abbiegt, wird als unnötig erachtet. Das System scheint trotzdem zu funktionieren. Von Gotteshand. Ein Wunder, dass ich das Ziel heil erreiche.

"Was? Ihr wollt mit dem Solartaxi durch Bombay fahren?", fragt die erstaunte Leiterin des Technological College, wo ich am Samstag eine Rede halten sollte. "Ich organisiere euch eine Polizeieskorte!", meint sie und läuft davon. Nicht schon wieder – hatte mich so gefreut, endlich mal ohne Polizei fahren zu können. Dann rede ich noch mit der Schweizer Botschaft in Delhi. "Bihar und Uttar Pradesh wollt ihr machen? Kommt nicht in Frage, viel zu kriminell. Wir werden für Sie eine neue Route suchen." Und ich dachte, der Stadtverkehr in Bombay sei unser einziges Problem. Vielleicht ist es in Indien wirklich das Beste, überhaupt keine Pläne zu machen.

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