Von Emanuel Eckardt
Downtown Las Vegas ist ein Stadtkern mit Zukunft. Nach Osten lockert sich das Stadtbild schnell. Fremont East fingert zögernd ins Fragment einer Stadt; Kneipen, Bars, Shops nicht nur für Touristen, sondern für Stadtbewohner, die faire Preise erwarten. Sie treffen sich im Vintage-Shop "The Attic" oder im "Salon of Beauty", einer angesagten Bar in einem ehemaligen Friseursalon. Und natürlich in der "Art Bar", einem schrillen Künstlertreff in der Main Street. Jesse Garon, der bekannteste Elvis-Imitator der Stadt, betreibt den skurrilen Schuppen, in dem wechselnde Ausstellungen junger Künstler gezeigt werden.
Wer der Geschichte von Las Vegas nachspüren will, muss weit hinaus. Das Nevada State Museum liegt am Twin Lakes Drive in einem Park. Ein Schild weist darauf hin, dass dieses öffentliche Gebäude nicht mit Schusswaffen betreten werden darf. Die Sammlung sortiert die Naturgeschichte Nevadas in Schaukästen, zeigt die Texasklapperschlange in ihrer diamantenen Schönheit und informiert über Bulldogfledermäuse, die sich in einer Parkgarage des McCarran International Airport angesiedelt haben.
Der Dino vom Boulevard
Die Tierwelt! Manche Biester können einem Angst machen, wie Phobosuchus, das zwölf Meter lange Horrorkrokodil, das diese Gegend vor 60 Millionen Jahren unsicher machte und nun im Natural History Museum am Las Vegas Boulevard gezeigt wird. Die Dinos, die einst hier gelebt haben sollen, sind lebensecht inszeniert. Der Triceratops dreht bedrohlich den schweren Kopf und blickt aus kleinen, bösen Augen, lässt sich aber nur kurz vom Tyrannosaurus rex ablenken, dem größten aller Saurier, der sich per Knopfdruck zum Brüllen bringen lässt. Ein Monster, sechs Tonnen schwer, seine Zähne sind 18 Zentimeter lang. Wozu die kurzen Vorderarme gut sind, hat die Wissenschaft bis heute nicht geklärt, vermutlich dienten sie als Messer und Gabel.
Dioramen zeigen die Tierwelt der Gegenwart. Ein ausgestopfter Kojote in der Wüste, er sieht hungrig aus. Wovon soll er sich hier ernähren? Vom Sagebrush wird er nicht satt, dem Wüstensalbei, der es immerhin zum Staatsstrauch von Nevada gebracht hat. Was für eine Existenz, Kojote im Salbeistaat, zum Heulen. Das tut er dann auch auf Knopfdruck.
Der Las Vegas Boulevard führt weit nach Norden, sehr weit, wenn man auf die Idee kommt, ihn zu Fuß zu erkunden. Für Flaneure ist Downtown Las Vegas Langstrecke, eine typische amerikanische Großstadtwüste ohne Schaufenster und Fassaden, weitläufig, eine Folge nicht sehr abwechslungsreicher staubiger Flächen, vergattert, vermauert und wüst, unterbrochen von Einfahrten und Parkflächen.
Zu heiß für Kriminelle
Wer hier zu Fuß geht, ist bettelarm oder verrückt, braucht aber keinen Überfall zu fürchten, die Gegend ist zu öde, zu heiß und zu unbewohnt, um kriminelle Energie zu erzeugen. Dann und wann gibt es klimatisierte Oasen am Straßenrand, die Museen, die eine kluge Stadtplanung hierher gepflanzt hat.
Vom alten Fort der Mormonen sind noch restaurierte Mauerreste erhalten, ein Besucherzentrum öffnet den Blick für die Mühen der Pioniertage. Im Lied Museum, so benannt nach seinem mildtätigen Stifter Ernst F. Lied, toben Kinder, spielen Eisenbahn mit einer Riesen-Brio-Lokomotive, nehmen unter Aufsicht diese dreistöckige Indoor-Spielwiese in Besitz und erleben Wissensvermittlung als spielerische Selbsterfahrung. Die Kids gastieren auf einer Bühne mit Kostümen zum Verkleiden, nutzen anregende Experimentierfelder wie den Tornado zum Selberdrehen.
Weiter stadteinwärts liegt der Boneyard des Neon Museum, die eingezäunte Knochensammlung verblichener Leuchtzeichen, ein Schrottplatz verglühter Illuminationen, nur bei Anmeldung zu besichtigen. Zu den prächtigsten Schaustücken zählt der Frauenschuh von der Größe eines Wohnwagens. Einst drehte er sich über dem "Silver Slipper" am Strip und störte die Nachtruhe von Howard Hughes im "Desert Inn". Der vergrätzte Milliardär reagierte auf seine unnachahmliche Weise. Kaufte den Laden und drehte dem Schuh den Strom ab.
Oscar ist nicht zu bremsen
Doch die wahren Attraktionen des Neon Museum stehen wieder unter Strom, einige Liebhaberstücke sind restauriert, leuchten an der Fremont Street, ein Nachglühen historischer Zeichen, als die Besucher der Casinos noch Stiefel trugen und den Hut nur vom Kopf rissen, wenn sie einen Jackpot gewonnen hatten. Der riesenhafte Neon-Cowboy mit Zigarette strahlt, aber er hat das Winken verlernt, eine Oberarmfraktur. Gegenüber reckt Vegas-Biggy, das kesse Neongirl, die langen Beine. Bronzeplaketten weisen auf die Schönheiten hin.
Traditionspflege ist ein Baustein der neuen Selbstgewissheit. Aber Neon lockt keine Investoren. Und Las Vegas braucht mehr als Spielgelegenheiten. Jetzt will Oscar Goodman, vor wenigen Jahren noch Anwalt des organisierten Verbrechens (1995 hat er in Martin Scorseses Film "Casino" den Mafiaanwalt auch gespielt), hinter dem alten Bahndamm ein Medizin- und Performing Arts Center hochziehen, ein Baseballstadion, ein neues Rathaus, Geschäftshäuser und einen neuen Wohnbezirk mit Wolkenkratzern. Oscar ist nicht zu bremsen. Der gute Mann ist Bürgermeister von Las Vegas und setzt auf dynamische Entwicklung. "Die Stadt boomt. Jede Sekunde passiert hier etwas Großartiges. Wir leben den Traum."
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