Von David Frogier de Ponlevoy
Die asiatischen Tiger liegen träge in ihren Käfigen herum. In relativ kleinen Käfigen. Der erste Eindruck scheint gleich alle Vorurteile zu bestätigen. Wo Europa längst auf artgerechte Tierhaltung setzt, dominiert in Entwicklungsländern noch immer die Idee, Tiere auszustellen und die Besucher möglichst nah heran zu lassen. So auch in Vietnam. Die Käfige sind umringt von Karussells, Essensbuden oder Spielplätzen. Ein Zoo ist nicht einfach nur ein Zoo, sondern ein Erlebnispark.
Allerdings weist ein großes Schild am Tigerkäfig gleich auf die jüngsten Erfolge hin: Die vier Jungtiger sind vor wenigen Monaten im Zoo geboren. Und sie sind bereits die zweite Generation von im Zoo geborenen Tigern. Auch andere Tiere wie Affen werden hier erfolgreich gezüchtet. Bedeutet das nicht, dass der Zoo etwas richtig macht?
"Bei Affen sagt es erstmal nicht viel aus", sagt Elke Schwierz. "Da kann es auch einfach bedeuten, dass denen langweilig war." Tigerbabys zu bekommen wiederum sei gar nicht so einfach, fügt die deutsche Tierpflegerin dann hinzu. Schwierz war bereits ein Dutzend Mal im Hanoier Zoo. Die 33-Jährige arbeitet seit fünf Jahren im Affenzentrum eines Nationalparks südlich von der vietnamesischen Hauptstadt. Sie spricht mittlerweile fließend Vietnamesisch ("Ich hatte keine Wahl, ich sprach ja auch kein Englisch, als ich hierher kam"). Schwierz könnte stundenlang über Tiere und Zoos sprechen, wenn man sie ließe. Und sie sagt: "Der Zoo in Hanoi ist gar nicht so schlecht."
Das illegale Geschäft mit den wilden Tieren
Ein Zoo in einem Entwicklungsland hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als ein deutscher Zoo. Er ist immer auch Anlaufstelle für beschlagnahmte, illegal gehandelte Tiere. Und der illegale Tierhandel in Vietnam ist ein Riesengeschäft. "In einem deutschen Zoo kriegst du vielleicht mal ein Paar Igel gebracht", sagt Schwierz. "Aber nicht hundert Schildkröten auf einmal. Oder zehn Bären."
Eine Beschlagnahmung ist auch der Hauptgrund für den heutigen Besuch der Tierpflegerin. Sie hat gehört, dass zehn Loris an den Zoo geliefert worden seien. Kleine, nachtaktive Halbaffen. Zehn Plumploris, das wäre bei diesen bedrohten Tieren, von denen niemand weiß, wie viele es noch gibt, eine kleine Sensation. Wenn sie tatsächlich aus Vietnam stammen. Sie könnten auch von Händlern nur durch das Land geschmuggelt worden sein.
Wenn man von dem afrikanischen Löwen oder dem Nilpferd absieht, dann finden sich im Hanoier Zoo fast ausschließlich einheimische Tiere. Darunter manche Arten, die man kaum oder gar nicht in europäischen Zoos findet, weil sie zu selten sind. Der Vietnamesische Sika-Hirsch zum Beispiel, der in freier Wildbahn als ausgestorben gilt. Oder auch der asiatische Marabu, das Rotbauchhörnchen, der Fleckroller und ein Paar graue Languren. Auch wenn es für Laien nicht immer ganz einfach sein mag, diese seltenen Tiere tatsächlich zu erkennen. Der Vietnamesische Sika-Hirsch sieht für den Laien nämlich aus… wie ein Hirsch eben. Er ist rot und hat ein paar weiße Flecken.
Schwierz ist unterdessen kritisch vor dem Gibbon-Käfig stehen geblieben. Der ist nicht klein, aber ziemlich leer. "Affen brauchen Äste", sagt die Deutsche und schießt ein paar Fotos. Im Cuc-Phuong-Nationalpark, wo sie arbeitet, haben die Käfige drei Ebenen und jede Menge Grünzeug. In dem großen, leeren Käfig im Hanoier Zoo dagegen kommen die Gibbons die ganze Zeit aus ihrem Steinverhau im hinteren Teil nicht heraus. "Das ist klar", murmelt Schwierz, "da hinten können sie wenigstens die Pfleger ärgern."
Tierpfleger haben keine Ausbildung
Ein Problem des Hanoier Zoos ist typisch für Vietnam: Es fehlt an Ausbildung. In Deutschland ist der Tierpfleger ein Ausbildungsberuf und für manche ein Traumberuf dazu, mit mehreren hundert Bewerbungen pro Stelle. Hier in Vietnam ist es schlicht ein Job. Die Pfleger gehen auf keine Schule, sie haben keine Spezialausbildung. Auch der Cuc-Phuong-Nationalpark, wo einige der seltensten und wertvollsten Affenarten der Welt aufgepäppelt werden, muss Tierpfleger anlernen, die zuvor im Reisfeld arbeiteten.
Auch vor dem nächsten Affenkäfig (wieder ohne Äste) steht Schwierz eher kopfschüttelnd. "Das sind Languren, die nur Laub fressen", sagt die Tierpflegerin. "Und wie viel Laub ist drin? Keines." Trotzdem leben diese Languren hier seit vielen Jahren. "Eigentlich ein Wunder", sagt Schwierz und macht wieder Fotos. Dazu klettert sie über eine Absperrung. Niemanden scheint es zu stören. Ein Vorteil in diesem Fall, aber eigentlich ein Versäumnis des Zoos, sagt die Deutsche später: "Viele Kinder gehen ganz nah an die Käfige ran und verursachen den Tieren Stress."
Es sind viele Kinder anwesend an diesem Tag. Mehrere Schulklassen pilgern in langen Gruppen durch den Zoo. Für Stadt-Kinder ist der Zoo eine grüne Lunge in der Hauptstadt, ein großes Gelände mit See und Park. Für Kinder aus dem ländlichen Vietnam ist er fester Bestandteil von Klassenfahrten. Schwierz betrachtet es mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei es eine wichtige Möglichkeit für Kinder, einmal Tiere zu sehen. Andererseits lernten sie wenig über den richtigen Umgang. Das Wissen dazu fehlt – auch bei den Lehrern.
Eine lärmende Kinderschar zieht ein einem sehr hohen Steinhaus mit Dachfenstern vorbei. "Ein Giraffenhaus", sagt Schwierz. Der Zoo wollte unbedingt eines habe. Dann stellte man fest: Giraffen würden im Hanoier Klima eingehen. Im Winter kann es empfindlich abkühlen, auf bis zu fünf Grad Celsius. Jetzt wohnen Schafe darin. Das Haus ist ihnen erkennbar zu groß – vor allem zu hoch.
Nie genug Äste
Und schließlich findet die Tierpflegerin den Käfig mit den Loris. Die Affen befinden sich hinter einem engen, doppelten Maschengehege. Einem Raubtiergehege. Der Käfig ist vollgestopft mit Holz. Die Loris, kleine, schwanzlose Halbaffen mit grauem Fell und großen Augen, dösen, oder krabbeln langsam auf allen Vieren an den Ästen entlang.
Um herauszufinden, ob die Loris tatsächlich einheimische Tiere sind, wäre ein DNS-Test nötig. Schwierz geht zum Zoodirektor. Man kennt sich. Das Affenzentrum, in dem die Deutsche zusammen mit ihrem Chef Tilo Nadler arbeitet, ist eine Institution in Vietnam. Wäre das nicht auch die Gelegenheit, ein paar Kritikpunkte beim Zoo loszuwerden? "Heute wollte ich ja was von ihm, da kann ich nicht mit guten Ratschlägen kommen", sagt Schwierz nach dem Gespräch. Allerdings habe er sie gefragt, ob sich im Lori-Käfig zu viele Äste befänden.
"Äste können nie genug sein", hat die deutsche Tierpflegerin geantwortet. Den dezenten Hinweis habe er vermutlich aber nicht verstanden.
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