EINS
Niemand kann besser Auskunft geben über den Zustand einer Gesellschaft als der, der aus ihr aussteigt. In der Art des Ausstiegs und der Weise der Reaktion darauf lässt sich das Wertesystem eines Gemeinwesens lesen. Der Aussteiger ist die Rache der Gesellschaft an sich selbst.
ZWEI
Neuer Konsens scheint dieser Tage zu sein, das Hoheitsgebiet des alten Konsenses respektabel zu verlassen. Wer aus dem angestammten Koordinatensystem, festen Stellungen und Anstellungen aussteigt, ist kein Rebell, kein Desperado, Zivilisationsflüchtling, Weichei, Hallodri oder sonst ein asoziales Element mehr. Er ist jemand, der von seinem kulturell verbrieften Recht auf Selbstverwirklichung Gebrauch macht. Er tritt auf als Kommunarde, der in die Kleingemeinschaft steigt, oder als Solitär, der, im Gegenteil, jede Gemeinschaft meidet. Es gibt den Ideologen, den Idealisten, den Enttäuschten, den Sektierer und Anarchisten. Einen Prototypen des Aussteigers gibt es nicht. All seinen Verkörperungen gemein ist der Wille zur Selbststeigerung. Theoretisch betrachtet, ist der Aussteiger an sich der aufmüpfige Bürger einer durchregulierten Gesellschaft. Er ist das mündige Individuum par excellence.
DREI
In der Spätmoderne vermittelt sich Welt medial. Was der Fall ist, ist televisionär. Ob es visionär ist, bleibt zweifelhaft. Das Fernsehen in seinem Streben nach Simplizität (nichts ist gewinnbringender als die Stimulation und Ausschlachtung niederer Instinkte) okkupiert auf seiner Suche nach Verwertbarem die letzten Reservate menschlicher Intimität. Unersättlich organisiert die allmächtige Entertainmentindustrie über den Weltinnenraum des Bildschirms wohlkalkulierte Sehnsuchts- und Fantasieräume, die als Neidräume durchemotionalisiert werden.
Seit Kurzem also werden deutsche Durchschnittsfamilien in eine neue Existenzform geschickt, mit dem Ziel, Erwartung, Leid, Trauer, individuelles Ungeschick und Überforderung in exotischen Extremsituationen auszubeuten. RTL, der Marktführer für lukrative Trivialität, hat vor drei Jahren das erste Glied einer Kette von sogenannten "Auswandererdokus" gesetzt, als das Magazin "Extra" den vermeintlichen Ausstieg der Familie Reimann in eine amerikanische Kleinstadt inszenierte. In diesem Geist folgten Sendungen auf Vox, ProSieben, Kabel eins ("Mein neues Zuhause XXL"), ARD ("Deutschland ade"), ZDF ("Kanada, oh Kanada") und wiederum RTL ("Umzug in ein neues Leben").
Die medial arrangierten Ausstiegsszenarien indizieren, dass das Ex und Weg aus dem bewohnten Kulturraum den Nerv der kritischen Masse trifft, sonst würden sich derartige, dem Quotenfetisch ergebene Sendungen nicht halten können. Das Abenteuerlich-Verwegene ist geradezu en vogue. In jedem Fall ist der "Ausstieg" auf den Boulevard gekommen, auch wenn die Figuren des angeheuerten TV-Personals nichts mit dem zu tun haben, was im Folgenden mit dem Begriff "wesenhafter Aussteiger" gemeint sein wird.
VIER
Immer schon stand der Aussteiger unter dem Verdacht der Welt-, Ich- oder Lebensflucht, der Zivilisationsmüdigkeit, gar -untauglichkeit, unter dem Verdacht auf Protest, Verweigerung und Kritik. Offensichtlich sind all diese Zuschreibungen negativ konnotiert. Sie setzen voraus, dass der Aussteiger sich bewusst gegen das Allgemeingültige wendet.
Was aber, wenn Aussteigen weder Müdigkeit noch Flucht, schon gar nicht Verweigerung, wenn es viel einfacher, nämlich die höchste Form der Zivilisiertheit ist: der geistig bewusst vollzogene Bruch des Bürgers mit den bürgerlichen Freiheiten aufgrund dieser Freiheiten? Wenn der Ausstieg also eine Entscheidung für etwas ist?
FÜNF
Im Jahr 1886 zog ein 38-jähriger Mann sehr bürgerlicher Herkunft in eine avantgardistische Künstlerkolonie in Pont-Aven in der Bretagne. Das Bukolisch-Einfache, Unverstellt-Authentische der bretonischen Menschen reizte ihn mehr als jede urbane Zivilisiertheit und metropolitane Behaglichkeit. Nach nur vier Jahren spürte er aufs Neue jene quälende Unruhe, sich nicht begnügen zu wollen. Zur Befriedigung der wiedererwachten Sehnsucht nach dem Paradiesischen schwankte er zwischen den Inseln Madagaskar und Tahiti.
1891 stieg der französische Impressionist Paul Gauguin zum zweiten Mal aus. Er verließ seine Familie, wurde Expressionist und malte in satter Buntheit ozeanische Frauen. Im zivilisatorisch unverderbten Tahiti wollte er seinen Traum eines "Tropenstudios" verwirklichen, hier, hoffte er, würde er ein glückliches Leben führen können, ein Leben ohne wirtschaftliche Zwänge, in der Reinheit des Ursprungs, der schönen Harmonie der Elemente. Sein Eden war provisions- und kostenfrei, Wasser und Strom inklusive. Schmerzen hatte er trotzdem. 1902 siedelte er auf die Marquises-Insel Hiva Oa über und starb, nach einem Selbstmordversuch, als Alkoholiker und mit krankem Herzen, am 8. Mai 1903 in Atuona mit 54 an der Geschlechtskrankheit Syphilis.
Gauguins Poesietafeln vom Leben in polynesischer Glückseligkeit aber wurden Ikonen der modernen Malerei und Sinnbilder der Selbstbefreiung. Durch sie avancierte Ende des 19. Jahrhunderts die Südsee zum Massenmythos, als überspannter Gegenentwurf zur hereinwehenden Industrieepoche, ein von Malern und Schriftstellern stets aufs Neue befeuertes Fantasie-exil für den europäischen Ennui.
SECHS
Aussteigen setzt notwendig Drinsein voraus. Wer nirgendwo "drin" war, kann nicht aussteigen; wer sich dennoch Aussteiger nennt, obwohl er nicht drin war, ist ein Prahler oder ein Loser. Der Aussteiger im wesenhaften Sinn entwertet durch seinen Ausstieg etwas, das für ihn lange von großem Wert war; sein Streben nach Distinktion ist der gezielte Versuch, jener Zivilisation zu entkommen, deren Errungenschaften ihn bisher stabilisierten. Der wesenhafte Aussteiger, der ein theoretischer Idealtyp ist, hatte bis zu seinem Ausstieg ein funktionierendes soziales Umfeld, eine funktionierende Wohnung, einen funktionierenden Arbeitsplatz.
Mit seinem Ausstieg widersetzt er sich eben dieser Funktionstüchtigkeit, dem Funktionalen und den oktroyierten Funktionen. Gezielt unterläuft er das Gesamtarrangement eines funktional verwalteten Lebens. Er ist der radikalste Individualist innerhalb eines radikalindividualistischen Systems, das im Glück des Einzelnen den höchsten Wert erkannt hat. Er strebt danach, den Objektstatus als austauschbares Mitglied der allgemein anerkannten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu verlassen und unverwaltetes Subjekt zu werden. Dass der Aussteiger durch seinen Ausstieg immer zugleich in ein neues Normen- und Koordinatensystem einsteigt, ist eine dem Aussteigertum innewohnende Inkonsequenz. Dem Systemzwang entkommt nicht einmal der aufgeklärte Freigeist.
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Gäääähn. "Abgehauen" heißt das Buch von Manfred Krug über seine Ausreise aus der DDR. Seitdem ist das Wort salonfähig und nicht "hässlich". mehr...
Da muss ich wohl das Forum nochmal neu durchlesen, sofern mir Zeit bleibt. Auf alle Fälle glaube ich, daß Ihre Ver- allgemeinerung, daß die "Abgehauenen"(was für ein hässliches Wort) mit Wonne anderen Schuld etc. [...] mehr...
Sie sprechen von sich selber. Und da mag ja auch alles so sein, wie Sie schreiben. - Wie Sie unschwer erkennen konnten, ging es mir um die aus der DDR Abgehauenen und die in der DDR Dagebliebenen. Und da stimmen schonmal die [...] mehr...
So ein "Schwachsinn" ist das gar nicht. Die Abgehauenen gefallen sich hier im Forum gerade darin, den Dagebliebenen alle Schuld und Schelte der Welt anzudichten. mehr...
Ich stimme dem Wort "quasi natürlicher Konflikt" überhaupt nicht zu. Wieso ist es natürlich, daß jemand sich herausgefordert fühlt, nur weil sein Gegenüber ins Ausland gegangen ist ? So wenig wie ich ihn von etwas [...] mehr...
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