Womöglich entscheidet über die fragmentarische Identität des wesenhaften Aussteigers die große Unendlichkeit des Himmels. Man darf es durchaus als Neigung zum Religiösen deuten, wenn einst hochzivilisierte Männer und Frauen aus der Ära einer hochdifferenzierten Spätmoderne im Lendenschurz durch die Höhlen am andalusischen Cabo de Gata gehen – als Rückbindung an die göttliche Vorsehung der creatio aus dem Staub des Nichts. Manche Aussteiger suchen geradezu das Asketentum und laben sich am frugalen Mahl, solange sie nur selbst über seine Zusammensetzung bestimmen können.
Je nach Maß an Nüchternheit, das dem Ausstieg als Katalysator einer Selbststeigerung zugrunde liegt, ist derselbe letztlich ein Bekenntnis zur prinzipiellen Kleinheit des eigenen Ichs im unendlich großen Kosmos. Es ist ja denkwürdig: Trotz aller Selbstüberhebung, die in ihm liegt, kann der Ausstieg auch als asketisches Ideal der Demut verstanden werden. Dann läge die subjektiv verspürte Selbststeigerung in der Erfahrung des Erhabenen angesichts des unfassbar Göttlichen. Der Ausstieg wäre religiös verfasst.
Folgt man dem Königsberger Vernunftphilosophen Immanuel Kant, wird dieses erhabene Gefühl durch nichts eindringlicher befördert als durch den Anblick des tobenden Meeres.
ZWANZIG
Ausstiegsfantasien kommen selten ohne Wasser aus. Meer, See, Fluss als Grenze wie als Weg archaischer Sehnsüchte spielt in der Kulturgeschichte des Aussteigertums eine zentrale Rolle. Fernweh ist fast immer Meerweh. Das Meer ist einer der aufregendsten, ungeplantesten, erhabensten Wege, den Ausstieg zu vollziehen. Das Meer, scheint es, besitzt die Verführungskraft zum Heil, zum Glück, zum Frieden. Das Meer will nichts, es fragt nicht, lässt gewähren, es nährt, mahnt und beruhigt. Im Meer erfüllt sich das ewige Sehnen nach der unio mystica, nach dem Heil der Herkunft. Der Ausstieg in den Ursprung entspricht dem Einstieg in die Ursuppe.
Bei geografischer Betrachtung fällt auf, dass neben der Reformkolonie im Tessiner Ascona mit ihrem Versprechen auf freie Liebe und esoterische Energie der Großteil der Aussteigerziele von einst bis heute am oder im Wasser liegen: Ibiza, Mallorca, Andalusien, Santorini, Mykonos, Goa, La Gomera. Inseln in südlichen Gefilden verschwistern die Mythen des Archaischen und Naturästhetischen.
Eine hinterm Meereshorizont versinkende Sonne ist der garantierte Wechsel auf romantisches Seelenglück, der Geruch von Jasmin und das Rascheln der Palme jener auf die Kraft sinnlicher Ergriffenheit und die Lizenz zum süßen Nichtstun ohne protestantische Selbstzähmungspflicht, kurzum: auf das Leben im Hier und Jetzt, auf die Muße einer rauschenden Seinsverbundenheit, wie sie die Beck’s-Bier- und Bacardi-Industrie in ihren Werbeclips für 30 unbeschwerte Sekunden insinuiert, die einem gewöhnlich nur gegen einen abgezeichneten Urlaubszettel gestattet wird.
EINUNDZWANZIG
Der wahre Aussteiger bleibt unbekannt. Er steht nicht auf dem Laufsteg des Boulevards. Er proklamiert keine Ideologie oder kündigt unter Aplomb seinen Vertrag mit dem für ihn falschen Leben auf. Er ist kein Auswanderer, kein Eskapist und kein Aussteiger auf Zeit. Er will weder, wie Chatwin, permanenter Nomade sein, noch will er, wie Robert Louis Stevenson, auf Samoa Schätze finden. Er schert sich nicht um die Gesellschaft. Er schert sich um sein Heil. Er vollzieht, was Aristoteles als Ziel jedes Lebens vorschlug: das Streben nach Glück.
Vielleicht sitzt sie oder er in einem kleinen italienischen oder spanischen oder indischen oder bayerischen Dorf, und sie oder er kann ihr oder sein Glück kaum fassen, sie, die erfolgsverwöhnte Kommunikationsberaterin, die Fernsehen und Internet entsagt und nun als "Downshifterin" mit drei Kindern im Takt Jahreszeiten in einer Land-WG mit Plumpsklo lebt, er, der einstige Personalvorstand, der jetzt rotbäckiger Biobauer ist.
Vielleicht haben die Ausgestiegenen auch keinerlei Begabung zum Glück und merken es erst jetzt. In beiden Fällen kann der Aussteiger eines sicher sagen: Die höchste Form der menschlichen Freiheit besteht bis zum heutigen Tag darin, zu gehen, wann man will, wohin man will, wie man will. Nichts scheint leichter. Nichts ist schwieriger.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH