Samstag, 21. November 2009

Reise



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12.01.2008
 

Kenia ohne Touristen

Katastrophe im Palmenparadies

Von Thilo Thielke

Eine Woche der Gewalt, und Kenias wichtige Tourismuswirtschaft steht vor dem Kollaps: Ausgerechnet zur besten Reisezeit kommen kaum noch Touristen ins Land der Safaris und Traumstrände. Hotels, Discos und Restaurants sind nahezu leer - ein Drama für den Staat.

Derzeit kann Harald Kampa seine Gäste einzeln und per Handschlag begrüßen – so wenige sind es, die sich noch in seine Hotels "Diani Sea Resort" und "Diani Sea Lodge" an Mombasas Tropenstrand wagen. Und zu allem Unglück kommt gerade die Meldung ins Haus geflattert, dass "Thompson Fly" auch den Flieger für die kommende Woche gestrichen hat. Wieder 57 Urlauber, die nicht kommen werden. Gerade einmal 70 Gäste beherbergt Kampa derzeit, bei 662 Betten.

Dabei ist der Januar in Kenia beste Reisezeit. Normalerweise liegt die Betten-Belegung zu dieser Jahreszeit irgendwo zwischen 85 bis 90 Prozent. Die Welle der Gewalt, die Kenia derzeit erschüttert, ist für den Hotelier schlicht "eine Katastrophe". Gerade erst hatte er 45 Millionen Kenia-Schilling (rund 470.000 Euro) in seine Hotelanlagen investiert – alles futsch. Nur noch ein paar hartgesottene Dauergäste kommen. Holländer, Schweden und Franzosen wurden aus dem Krisengebiet sogar evakuiert.

Auch bei Walter Reif ist nichts los. Seine Mega-Disco "Tembo" hat Platz für 3500 Partygänger, sie ist der größte Tanzschuppen Ostafrikas. Und heute? Schiebt ein einsames Pärchen über die Tanzfläche. Nicht viel anders sieht es beim Schweizer Rudi Hefti im "Safari Inn" an Mombasas Nordküste aus. Wo sich sonst schwitzende Bierbäuche drängen, machen sich nur noch ein paar einsame Rentner über Currywürste, Jägermeister und die "Bild"-Zeitung von gestern her. Eine Woche der Gewalt, und Kenias Wirtschaft steht vor dem Kollaps.

Umsatzeinbruch nach Rekordeinnahmen

Den durch das Chaos der vergangenen Wochen entstandenen Schaden beziffert mittlerweile selbst Kenias Finanzminister Amos Kimunya auf 60 Milliarden Kenia-Schilling (630 Millionen Euro). Er gibt sich zwar zuversichtlich, dass das Geld irgendwie wieder reinkommt, doch selbst notorischen Optimisten fehlt derzeit der Glaube daran, dass sich Kenias Wirtschaft so schnell von dem Schock erholen wird.

Allein der Mobilfunkbetreiber "Safaricom" beklagt jetzt schon Verluste von rund 400 Millionen Kenia-Schilling (rund 4,2 Millionen Euro). Die Bilder von Macheten schwingenden Krawallbrüdern, brennenden Kirchen und Leichen auf den Straßen sind nicht so schnell vergessen. Insbesondere der Tourismus, von dem das Safariland so abhängig ist, erweist sich dabei als besonders sensibles Geschäft.

Es dauerte Jahre, bis sich Kenias Tourismus-Industrie vom Anschlag auf das Paradies-Hotel in Mombasa erholte. Im Dezember 2002 hatten al-Qaida-Terroristen ein israelisches Hotel in die Luft gejagt. Erst zögernd kamen danach die Gäste zurück nach Ostafrika. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Besucher wieder kräftig an, und Kenias Wirtschaft mit einem angeblichen Wachstum von sieben Prozent galt als seltenes Beispiel dafür, dass Aufschwung auch in Afrika möglich ist. Gastwirt Hefti machte im November und Dezember sogar Rekordumsätze. "Die Saison versprach bombig zu werden", sagt er, "doch jetzt bricht hier alles zusammen."

Dabei ist die Wirtschaft an Kenias Küste im Moment dringend auf das Geld der Ausländer angewiesen. Im Mai beginnt die Regenzeit, dann kommt sowieso kaum noch jemand an die palmengesäumten Strände. "Eigentlich fressen wir uns jetzt den Speck an", erzählt der Deutsche Harald Kampa, "aber so, wie es aussieht, müssen wir wohl im Sommer Mitarbeiter entlassen."

Ob er in Zukunft noch in Kenia investieren wird, will sich der Unternehmer, der seit 1990 in der Nähe von Mombasa lebt, "reiflich überlegen". Denn wenn es keine politische Lösung für die derzeitigen Probleme gebe, könne es immer wieder zu Gewaltexzessen wie nach den Wahlen vom 27. Dezember kommen. Und eine politische Lösung ist nicht in Sicht. Auch der Vermittlungsversuch des ghanaischen Präsidenten John Kufuor scheiterte in der vergangenen Woche kläglich.

Der lebenswichtige Hafenbetrieb liegt lahm

Kenias umstrittener Präsident Mwai Kibaki steht einem hochgradig korrupten Kabinett vor, er ist machthungrig und protegiert einseitig die Angehörigen seines eigenen Kikuyu-Stammes. Die Ökonomie hat er dennoch angekurbelt. "Kibaki hat es geschafft, der Wirtschaft Freiräume zu geben, die sie unter seinem Vorgänger, dem Autokraten Daniel arap Moi, nicht hatte", sagt der Politologe und Afrika-Spezialist Ralph-Michael Peters. Das Steueraufkommen ist gestiegen. Die Wirtschaft boomt. Und das, obwohl Kenia im Unterschied zu vielen anderen afrikanischen Staaten nicht über nennenswerte Rohstoffreserven verfügt – die sind sonst meist verantwortlich für Wachstumsraten südlich der Sahara.

Im Hafen von Mombasa stapeln sich immer noch die Container. 18.000 sind es, doppelt so viel wie zu normalen Zeiten. Über eine Woche mussten Schiffe in den Gewässern vor der Küste warten, bis ihre Fracht gelöscht werden konnte. Arbeiter waren nicht zur Schicht gekommen, die Eisenbahn war lahm gelegt, auch der Straßenverkehr.

Eine einzige Eruption der Gewalt reichte aus, um praktisch den gesamten Hafenbetrieb und den Transitverkehr mit Ruanda und Uganda zum Erliegen zu bringen. Dabei ist er lebenswichtig. Der Handel mit den Nachbarländern sorgt jährlich für Devisen-Einnahmen von rund 700 Millionen US-Dollar. "Wenn so etwas noch einmal passiert, wird es noch schlimmer: Dann laufen die Schiffe Dschibuti oder Durban in Südafrika an", befürchtet Bernard Osero von der kenianischen Hafenbehörde, "so lange Liegezeiten kann sich kaum ein Reeder leisten."

Dass die gegenwärtige Ruhe lange hält, glaubt kaum jemand in Kenia. Gegenwärtig rüsten Kikuyu-Milizen auf. Bewaffnete Banden ziehen nach Nakuru. Sie wollen ihre Toten rächen.

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