Von Tom Dauer
In Huaraz gibt es etwa 45 Agenturen, die in der Cordillera Blanca operieren. Genau weiß das niemand, da viele Anbieter so schnell Pleite machen, wie sie gegründet wurden, andere ihr Geschäft schwarz abwickeln. Um sich gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können, achtet man bei Explorandes besonders darauf, sich ökologisch bewusst zu verhalten.
Die Eseltreiber etwa werden im artgerechten Umgang mit ihren Tieren trainiert. Während des Trekkings darf keiner aus der Mannschaft rauchen oder trinken, weder Küchenjungen noch Bergführer. Diese werden sogar angehalten, im eigenen Haus den Müll zu trennen. Auch in den Bergen kommen organische Abfälle in grüne, die restlichen in schwarze Plastiktüten. Entsorgt wird alles in Huaraz. Bei Explorandes wissen sie ganz genau, dass die Schönheit des "Parque Nacional Huascarán" essenziell für eine gute Zukunft ist.
Victorinos Gruppe jedenfalls ist mit dem Service auch am fünften Trekkingtag noch zufrieden. Es ist zwölf Uhr, Zeit für die Mittagspause. Über dem Alpamayo, dessen Nachbargipfel sich wie Zacken einer Säge aneinanderreihen, schweben zwei Kondore.
Die Touristen legen ihre Rucksäcke ab, setzen sich auf Granitfindlinge, erwartungsvoll. Hinter ihnen liegt ein steiler Abstieg durch Felsen und Geröll, vor ihnen ein langer Weg über grasige Hügel. Sie sind hungrig. Die Köche ziehen ihre Hauben auf, streifen sich weiße Handschuhe über, binden sich Schürzen um. Auf Benzinkochern erwärmen sie das Mittagessen, das sie schon am Morgen zubereitet haben. Es gibt Huhn, Erbsen und Bohnen, Reis, Süßkartoffeln. Die drei Vegetarier der Gruppe bekommen ein Omelett serviert. Zum Nachtisch wird Papaya aufgeschnitten und Tee gereicht. Der Küchenjunge geht mit der Zuckerdose von Mann zu Mann: "Sugar? One or two spoons, please?" Bevor er umrühren kann, bringt ihn eine Böe aus dem Gleichgewicht.
Um vier Uhr ist Aufbruch
Victorino sitzt etwas abseits der Gruppe, dort, wo es windstill ist. Als einer der Trekker sich zu ihm gesellt, überlässt er ihm seinen Platz. "Zuerst der Gast", sagt Victorino, obwohl der Mann 40 Jahre jünger ist als er. Auf der Baseballkappe des Touristen steht "Wilde Welt". Aber wer mit Victorino durchs Gebirge wandert, muss nur gehen. Er braucht sich sonst um nichts zu kümmern. Er muss nicht kochen, weder Karte noch Kompass lesen, kein Spanisch, nicht einmal Englisch sprechen können - Bernhard Huhn übersetzt jede Frage, jeden Wunsch.
Manche Teilnehmer wechseln in acht Tagen kein einziges Wort mit den peruanischen Begleitern, die schüchtern sind und abwartend. Die unter sich bleiben, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil sie nicht stören wollen. "Disculpe", Entschuldigung, ist vermutlich das am häufigsten gebrauchte Wort während der Trekkingtour.
Um vier Uhr früh weckt Max seine Gäste. Sie haben schlecht geschlafen, während der Nacht haben ihnen die Köpfe gedröhnt. Die Feuchtigkeit, die am Vortag an den Zeltwänden kondensiert ist, liegt nun wie eine eisige Kruste über Bergschuhen, Jacken und Handschuhen. Das Anziehen wird zur Tortur. Es sind minus 15 Grad Celsius. Wie in Zeitlupe bewegen sich die Bergsteiger. Im Kegel ihrer Stirnlampen sehen sie nur wenige Meter weit in die Dunkelheit.
Max geht voraus. Er sucht die Route, legt Sicherungen, gibt Seilkommandos. 15-mal ist er bereits auf den Alpamayo gestiegen. Seine Routine weckt Vertrauen. Doch auch seine Erfahrung ist keine Sicherheitsgarantie: 2003 entging er nur knapp einer Lawine, die sich am Gipfelgrat gelöst hatte. Acht Bergsteiger wurden in den Tod gerissen. "Mala suerte", sagt Max: Pech. Er weiß, dass es immer ein unberechenbares Abenteuer sein wird, auf Berge zu steigen.
Heil zurück
Sechs Stunden lang klettert die Seilschaft mit Eispickeln und Steigeisen durch einen Kanal, den Sonne und Wind in die steile Wand gefräst haben. Dann erreicht sie den Gipfel, der gerade groß genug ist für die drei Bergsteiger.
50 Jahre sind vergangen, seit Bernhard Huhn als Erstbesteiger auf dem Alpamayo stand, von Victorino unterstützt. Damals haben sich die beiden Männer nicht vorstellen können, welche Erfolgsgeschichte aus ihrer Begegnung erwachsen würde.
Zwei Nächte und zwei Tage später trifft die Gruppe wieder zusammen. Es ist schwül auf der letzten Etappe. Victorino hat seinen Campesino-Hut ins Genick geschoben, das Hemd aufgeknöpft. Um den Hals trägt er einen Rosenkranz. Wieder haben Angeles senior und junior ihre Gäste gut zurückgebracht. "Solandino", die "Sonne der Anden", heißt die Trekkingagentur, die Vater und Sohn gegründet haben. Victorino, der ehemalige Träger, hat sich damit einen Traum erfüllt.
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